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A STRANGE PERSON: SUZANNE VEGA

Sie sieht aus und kleidet sich wie der Suppenkasper im Endstadium. Sie redet wie eine tüchtige Sekretärin, die gewohnt ist, mit ihrer Stimme ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Tatsächlich war sie vor ihrer Musik-Karriere Empfangsdame in einem Büro: „Eine Frau, die jeden Tag zur Arbeit geht, Radio hört und davon träumt den Job hinzuschmeißen und auf Tour zu gehen.“. Sie sagt, sie hätte schon damals, vor ihrem Durchbruch, viel mehr Konzerte gegeben als gesehen: in den Folk-Clubs des New Yorker Greenwich Villages.

Im Konzert mag man ihr den Profi zunächst kaum glauben, so klein kommt sie auf die Bühne und setzt sich schnell auf den bereitstehenden Barhocker im linken Bühnendrittel (im rechten steht auch einer; in der Mitte ist ein Podest errichtet, das sie später, als es „läuft“, häufiger besteigt). Der Opener ist „Tired of Sleeping“ von „Days of open Hand“, ihrer letzten Platte, die längst nicht so erfolgreich war wie die beiden Vorgänger. Das ist schon ein bißchen trotzig, spricht doch alle Welt von „Tom's Diner“.

„Ich hatte tatsächlich nichts mit der DNA-Single zu tun. Diese beiden Jungs hatten einen Teil von dem Song, der eigentlich ein a-capella-Song ist, bei Public Enemy gehört. Da hatten sie die Idee, das Stück zu nehmen und es mit einem Dance-Beat zu unterlegen. Ich hatte damit nichts zu tun. Es war ein Bootleg. Als meine Plattenfirma zu mir kam, es mir vorspielte und fragte, was ich darüber denke, ob wir sie ins Gefängnis bringen oder es als Single veröffentlichen sollten. Ich fand es einfallreich und ungewöhnlich. Ich mochte es und stimmte einer Veröffentlichung zu, nicht erwartend, daß es ein so großer Chart-Erfolg würde.“

Wir empfanden „Tom's Diner“ in der Version von DNA seinerzeit als höchst unpassend, kannten wir doch die kleine, rhythmisch und harmonisch verzwickte Eröffnung von „Solitude Standing“, Suzanne Vegas zweiter LP, und liebten es in seiner hintergründigen Schlichtheit. Wir konnten uns kaum vorstellen, daß sie mit dieser Disco-Version einverstanden gewesen sein könnte. Aber:

„Wenn DNA meinen Song genommen und einen Witz daraus gemacht hätten – manche Leute denken das, ich nicht – wenn ich gedacht hätte, daß es ein Witz wäre, hätte ich gesagt, daß ich es nicht mag. Ich hätte das Recht gehabt, es zu verhindern und ich denke, daß das der richtige Weg gewesen wäre. Ich finde, sie müssen um Erlaubnis fragen. Aber ich halte die DNA-Version für erfinderisch. In gewisser Weise ist Samplen, Bootleggen und Mixen eine sehr zeitgemäße Form einer neuen Methode, Kunst zu machen, eine Art Collage. Als ob man verschiedene Zeitschriftenbilder zusammenklebt. So sehe ich das. Aber als diejenige, die das Lied geschrieben hat, möchte ich beteiligt werden, sagen können, ja, das ist originell, oder nein, das ist blöd. Ich halte nicht jede Form des Bootleggings für schlecht. Wenn wir ein Buch lesen und es mögen, werden wir davon auch beeinflußt. Aber ich glaube, daß man sich vor Leuten, die Ideen klauen und damit Geld machen, schützen sollte.“

Wir wollen uns hier nicht darüber wundern, daß Frau Vega natürlich ein Profi ist, auch wenn es manchmal nicht so wirkt. Höchstens darüber, daß sich die Sängerin nach der Ochsentour durch die Clubs und einer Kindheit in New York („Eine schmutzige, üble Stadt, deshalb lebe ich da.“) ein so großes Maß an Natürlichkeit bewahrt hat. Wenn man nahe genug an der Bühne steht, kann man ihre Augen lachen sehen. Sie spielt mit dem Publikum, auch wenn ihre Konzerte weit vom berüchtigten „public participation“ entfernt sind.

Es sind leider nur wenige Ansagen, mit denen sie ihre Show unterbricht. In einer geht sie auf ihren Ruf als Folk-Sängerin ein und führt die Zuhörer aufs Glatteis, denn sie leitet damit ihre a-capella-Version eines Liedes aus ihrer Kinderzeit ein. Wir würden das wohl nicht Volkslied nennen, aber für sie sei es eins.

Wenn man sich die Musik von Suzanne Vega anhört, fragt man sich sowieso, warum sie mit dem Etikett „Folksängerin“ ausgestattet ist. Gut, sie trägt bei manchen Stücken eine akustische Gitarre und spielt sie auch, aber ihre Musik ist doch sehr weit von dem entfernt, was wir von Liedermachern erwarten. Sogar die Stücke im Konzert, die fast ohne elektronische Hilfen gespielt werden (von den PA-Batterien einmal abgesehen), haben nichts von Lagerfeuer- und Mitsing-Romantik. Kaum ein Stück hat „normale“ Rhythmen, die fabelhafte Band leistet im Hintergrund eine Mordsarbeit, indem sie auf die verzwirbeltsten Weisen um die Melodien herumspielt.

Aber das merkt im Publikum kaum jemand. Ein Teil ist wegen des Disco-Hammers gekommen, der größere Rest will am liebsten schunkeln und wartet auf die kunstgewerblich-introvertierten Stücke, die auf dem letzten Album in beunruhigender Zahl enthalten sind („Rusted Pipe“ „Men in a War“). Feuerzeuge und Wunderkerzen sind gezückt und werden irritiert wieder weggesteckt, wenn die Band so richtig Dampf macht, was sie oft genug tut, und dann steht Suzanne auf ihrem Podest, schwingt verträumt mit den Hüften, daß sich der Rocksaum leise im Takt wiegt: Ein gutgelauntes kleines Mädchen auf einer Blumenwiese.

Suzanne Vega ist ein literarischer Pop-Star, der das Transportmittel der Themen, die Musik, sehr ernstnimmt. Es ist sicher eine Binsenweisheit, daß sie anderenfalls wohl gar kein Pop-Star wäre. Trotzdem wird sie hauptsächlich zu ihren Texten befragt, so, ob sie ein Grund-Thema in ihrer Arbeit habe: „Ich glaube, daß es ein übergreifendes Thema in meiner Musik gibt. Ich glaube, daß jedes Individuum ein bestimmtes Maß an Würde besitzt, das respektiert werden sollte. Ich glaube wirklich, daß alle meine Lieder von diesem Standpunkt ausgehen.“

Und wenn die Leute das nicht verstehen, schließlich sind ihre Texte ja oft nicht ganz einfach: „Ich glaube, daß meine Lieder interpretierbar sind. Manchmal hat jemand eine andere Vorstellung von dem Lied, als die, die ich hatte, als ich es schrieb. Bei „Luka“ zum Beispiel fragen sich viele Leute, ob es die Stimme eines mißhandelten Kindes oder die einer Frau ist. Das ist für mich keine wichtige Frage. Es könnte eine Frau sein, auch wenn ich es nicht so gedacht habe. Wenn aber jemand denkt, daß Luka ein Liebeslied ist, liegt er daneben, hat er nicht aufgepaßt. Und wenn jemand nicht aufpaßt, was soll ich tun? Ich kann nicht zu ihm nach Hause gehen und den Fehler korrigieren.“

Unsere Welt ist nicht gut bestellt. Damit es damit besser werde, führen besonders Pop-Stars große Reden: „Damit bin ich sehr vorsichtig. Viele Songwriter und Entertainer haben das Bedürfnis, sich zu Themen von allgemeinem Interesse zu äußern. Meine Gefühle sind da sehr gemischt. Auf der einen Seite: Wenn man eine öffentliche Figur ist und das Bewußtsein hat, muß man auch über die Dinge reden, die einen besorgt machen. Auf der anderen Seite sind Entertainer nicht besser informiert als andere Menschen, die Zeitungen lesen. Es gibt Leute, die von Entertainern Antworten erwarten und ich glaube, daß dies ein Fehler ist. Ich schreibe keine Lieder über Themen, ich schreibe Lieder über alltägliche Dinge, die mich bewegen, und manchmal haben solche Sachen auch soziale Themen in sich, aber für mich ist zum Beispiel „Luka“ ein Lied über Kindesmißhandlung aus der Perspektive einer Person, was für mich als Songwriter wichtiger ist, als eine allgemeine Erklärung des Problems.“

Abgesehen davon, daß uns von einem Pop-Star kein realistischeres Statement zu diesem Thema bekannt ist, haben wir vor dieser Dame, die trotz der New Yorker Vergangenheit unerhört britisch wirkt (wir hätten als Geburtsort eines der besseren Viertel Brightons oder etwas ähnliches vermutet) eine Hochachtung, die über die Würdigung der guten Arbeit, die sie mit ihrer Band an diesem Abend leistete, hinausgeht. Das Konzert hatte genau das richtige Maß an Perfektion (mäkeln könnte man höchstens über die etwas zu große Lautstärke), die Live-Acts von Studio-Arbeiten unterscheidet, auch wenn die Stimme der Sängerin zum Schluß etwas über Gebühr mit Hall versehen wurde. Da interessieren wir uns natürlich auch für die weiteren Pläne von Suzanne Vega:

„Ich weiß nicht, was ich in zehn oder zwanzig Jahren tun werde. Ich denke gerne, daß ich dann immer noch Lieder schreibe und daß es dann immer noch ein Publikum gibt, daß sich für das interessiert, was ich zu sagen habe. Ich mag diese Vorstellung. Ich würde auch gerne versuchen, zu schreiben, weil ich manchmal fühle, that I'm a strange Person to be in Pop-Business.“

(November 1990)


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