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SPIELZEUGPOP ODER WAS?!

Aus Nürnberg, wo die Franken ihre Metropole haben und die deutsche Spielwarenindustrie, aber auch die Brauereiwirtschaft und die Jagd- und Sportwaffenhersteller Messen abhalten, kommt ein Pop-Sextett, das vor 5 Jahren als verspielte Infantilen-Combo angefangen hat, inzwischen mit 2 LPs zu kleinem Ruhm gekommen ist und letztes Jahr einen Industrie-Deal abschließen konnte. Das neue Album „Not Particularly Silly“ ist bei der Electrola erschienen. Werden „Throw That Beat In The Garbagecan“ Pop-Stars? Entsagen sie dem Spielzeugpop? Was sind das überhaupt für Leute?

Die neue LP ist jedenfalls ganz fabelhaft, eine Fortführung ihrer früheren Arbeit, die sich zunächst nicht besonders von „Large Marge Sent Us“ zu unterscheiden scheint. Doch aber wenn man genauer hinhört, entdeckt man deutliche Zeichen für eine Weiterentwicklung: recht kniffelige Vokal-Arrangements, eine Sorgfalt bei der Instrumentenbedienung, die den Promotiontexten („Technische Perfektion wird nicht angestrebt.“) deutlich widerspricht. Die Songs sind eher komplizierter aufgebaut als das, was man zum Beispiel in den Hitparaden findet, auch der Umgang mit den musikalischen Themen in Verbindung mit einem weitgehenden Verzicht auf elektronische Instrumente, der Willen zu (für Toy-Music unbotmäßiger) Härte deutet auf eine gewisse Ernsthaftigkeit, was eine wohltemperierte Naivität nicht ausschließt.

Als wir die Gelegenheit hatten, den Gitarristen Klaus Cornfield und die Tastenfrau Iwie Candy X07 in Berlin zu treffen, haben wir uns nicht lange bitten lassen. Immerhin handelt es sich – und das muß hier einmal in aller Deutlichkeit gesagt werden – um die vielversprechendsten Hoffnungsträger des deutschen Pop.

Zu Beginn des Gesprächs herrschte allerdings Konfusion in dem kleinen Hotelzimmer. Klaus und Iwie gaben die Versuche, das Bett zu verlassen, auf und schienen auch etwas aufgebracht. Was war geschehen?

Klaus (vor sich ein Infoblatt der Plattenfirma): Die EMI hat da was rausgefiltert, für die Promotionarbeit, was sich absolut stumpfsinnig anhört. Als wären wir Rappelkistenfiguren und sonst nix. Ohne Hintergrund. Als ob's nur um Spaß gehen würde. Wir wären immer lustig.

Ihr stellt Euch doch selbst so dar, in allen Artikeln und Infos.
Klaus:
Nee, überhaupt nicht. Grad was die Musik angeht, finde ich, daß es um mehr geht als nur um Spaß. Es geht wirklich darum, daß wir unser Innerstes nach außen kehren, auch wenn wir manchmal irgendwelche Slogans entwerfen wie „I had a Chocolat Bar For Breakfast“. Im Verlauf dieses Liedes geht es auch darum, daß so 'ne Welt eine Illusion ist.
Beim Anhören eurer Werke hat man tatsächlich nicht das Gefühl, daß es sich auf das Rumgeklimpere auf Spielzeuginstrumenten reduziert.

Iwie: Naja, so ernst ist es auch nicht...
Klaus: ...wo wir mit so Sachen wie Comics kokettieren und auch damit rummachen...
Iwie: ...das ist ja auch okay.

Apropos Comics: Klaus, man hört, daß neben Franquins „Gaston“ auch „Torpedo“ (eine überaus finstere und brutale italienische Serie mit einem Profikiller als Hauptfigur) zu deinen Favoriten gehört. Wie kommt's?
Klaus:
Das ist einfach Klasse. Das ist so brutal, daß es einem manchmal gruselt, und so plakativ. Das ist schon Kunst, wie das gemacht ist.

Ist das ein Gegengewicht zu den ganzen netten, lustigen Sachen?
Klaus:
Ich lese verschiedene Comics... (sehr ernsthaft:) ich lese auch Bücher! Was gut ist, finde ich einfach gut. Bei Speedmetal allerdings könnte ich nicht sagen: Ist das jetzt guter Speedmetal oder schlechter Speedmetal. Mit gefällt's nicht, ob er gut ist oder schlecht. Das ist bei Comics ein bißchen anders, vielleicht, weil ich auch selber Comics zeichne.

Ihr habt einen neuen Schlagzeuger, nicht wahr?
Iwie:
Ist schon'n bißchen länger her
Klaus: Der Alex spielt bei der Hälfte der Lieder auf der neuen Platte.

Und H. K. Animal spielt die anderen?
Klaus:
Ja. Der hat irgendwann im letzten Sommer gesagt, daß er vielleicht gar keine Musik mehr machen will. Und dann hat der Alex mitgespielt und wir haben uns so in ihn verliebt, und der hat dann seine alte Band verlassen. Aber es gab keinen Streit oder so.

Es ist also nicht so wie bei den Beatles, die ja auch den Schlagzeuger ausgewechselt haben, als sie die nächste Stufe auf dem Weg zur großen Karriere erklommen haben?
Iwie:
Nö, das war nicht so, da war von der Elektrola noch gar keine Rede. Also, das kannst' jetzt glauben oder net... (Gelächter)

Wie ist es denn zu dem Industrie-Deal gekommen? Habt ihr euch bemüht oder...
Klaus:
Nö, wir haben einfach unsere Musik gemacht und eines Tages kam ein Anruf, man wollte sich ein Konzert von uns ansehen, und dann wollten sie einen Vertrag mit uns machen, und wir haben gesagt, aber nur unter der und der und der Bedingung, denn wenn wir nicht genau das machen könnten, was wir wollen, in jeder Beziehung, dann hätten wir gar keine Lust. Und dann ging's klar, komischerweise.

Und wie fühlt ihr euch jetzt? Glaubt ihr, es geschafft zu haben, demnächst vor Zehntausenden in den großen Arenen aufzuspielen. (Gelächter) Wollt ihr das überhaupt?
Klaus:
Also, manchmal hab ich das Gefühl, jetzt geht's doch richtig ab, dann hab ich's wieder nicht, und dazwischen liegt das Leben. Ich bin nicht unbedingt daran interessiert, die Millionen zu scheffeln, aber ich würd' ganz gern weiterhin von Musik leben, wie ich's seit ungefähr einem halben Jahr kann.
Iwie: Wenn'n Konzert ist und die Stimmung ist gut, und es sind vielleicht halt net so viele Leute wie auf 'nem anderen Konzert, finde ich das besser. Daß es alles klappt bei uns. Man kommt auf andere Gedanken: ob man noch okay spielt und so. Vor allem, wenn so 'ne große Plattenfirma im Hintergrund ist. Irgendwie fallen einem dabei Sachen ein, die doch wichtiger sind. Ich denk' auch nicht, daß es so wichtig ist wieviele Leute kommen. Hauptsache, es macht immer noch Spaß.

Ist es nicht unheimlich stressig für euch, jetzt? Früher hattet Ihr doch bestimmt ein sehr beschauliches Musikerleben.
Klaus:
Das haben wir immer noch. Also, ich war letzte Woche die ganze Zeit daheim. Nächstes Wochenende haben wir einen Auftritt und 'ne Woche später fängt dann 'ne Tour an. Das ist dann schon stressig. Aber es ist nicht so, daß wir die ganze Zeit...
Iwie: ...und das macht ja auch irgendwie Spaß.

Nochmal zu euerm Image als „Spielzeugpop“-Gruppe. Ist das wirklich nur eine Promotion-Idee?
Iwie:
Wir haben halt angefangen damit. Aber ich glaube, man hält sich immer zu arg an Sachen fest, die so plakativ sind. Die ersten Videos, die wir gemacht haben, waren mit Spielzeuginstrumenten und wir haben auch Auftritte mit Spielzeuginstrumenten gemacht, weil uns die Klänge gefallen haben. Das kommt so richtig schräg rüber. Es muß aber mal ein Ende nehmen, es wird halt zu arg ausgetreten. Eigentlich ist es okay, aber eine Sache wird schlecht, wenn alles nur darauf reduziert wird. Egal was es ist.

Ihr besteht also darauf, ernsthafte Musiker zu sein?
Klaus:
Auf jeden Fall.
Iwie: Wir machen genausogut ernsthafte Musik, aber das wollen die Leute nicht kapieren, daß das eine das andere nicht ausschließt.
Klaus: Viele Lieder, die von den Leuten als putzig und witzig und lustig aufgefaßt werden, sind eigentlich ziemlich melancholische Dinger, meistens. Ein bißchen versteckt vielleicht, aber das muß man auch sehen. Aber im Prinzip stört's mich nicht. Ich denk, die Leute, die auf ein Konzert kommen von uns oder sich 'ne Platte kaufen, die wissen schon warum. Die wollen sich ja nicht verarschen lassen. Es gibt zum Beispiel 'ne Band, die heißt Pianosaurus und die machen nur mit Spielzeuginstrumenten Musik, also wirklich, was man uns so nachsagt, das machen die richtig. Und die machen so schöne Lieder, eigentlich ist es richtige Erwachsenenmusik, auch von den Texten und Stimmungen her. Wenn ich sage Spielzeugpop, dann meine ich weniger die Melodien, als vielmehr die Mittel.

Ihr seid ja nun längst aus dem Spielzeugalter raus. Wollt ihr so weitermachen oder könnt ihr euch vorstellen, euch langsam vom Kindlichen zu verabschieden?
Klaus:
Es wird eigentlich nichts geändert, mit 'ner bestimmten Absicht, sondern es entsteht wieder ein neues Lied und wenn's gut ist, wird's aufgenommen. In welche Richtung das geht, ist ganz egal.

Aber kommt es dir nicht komisch vor, daß du mit 26 von deinen neuen Rollschuhen singst?
Iwie:
Aber wenn der Klaus doch neue Rollschuhe hat?! Und die hat er. Das ist immer so'n Problem. Einerseits mag ich's net, wenn Spielzeugpop als Phrase so im Raum steht, andererseits kann ich's auch nicht abstreiten, weil wir einfach solche Sachen machen.
Klaus: Im weiteren Verlauf heißt es: „I wish I had no other problems all day“ – das ist eigentlich die Aussage vom Lied.

Ihr scheint viel Gewicht auf die Texte zu legen. Warum druckt ihr sie nicht ab?
Klaus:
Also, ich weiß nicht. Ich war eigentlich immer dagegen, weil ich sie nicht für soo wichtig halte. Ich find' die Texte schon gut, aber man soll sich nicht so dran festhalten.

Und dann ist unsere Zeit auch schon um, die nächste Interviewerin hat bereits Platz genommen. So ernst scheint den Beat-Müllmännern ihr Unmut über ihr Spielzeugpop-Image übrigens nicht zu sein. Später, beim Live-Interview im SFB ließen sie sich widerspruchslos als Pop-Dilettanten deklassieren, ausschließlich „putzig“ und „niedlich“ nennen und machten dem oben bemäkelten Info-Text alle Ehre, indem sie zwei Stücke ihrer Platte auf Orgelchen und verstimmter Gitarre zum Besten gaben. Dabei hätten sie das nun wahrlich nicht nötig.

Zum Abschied fragt Iwie noch: Wo kommt dieses Interview denn raus?
In Münster, Bielefeld und Umland
Iwie:
Aha. Bielefeld – Kenn' ich. Find' ich gut.

Und Münster nicht?
Klaus:
Sie kennt da nur diesen einen süßen Schlagzeuger...
Iwie: Neiin! Sag's bitte net!

Der Rest geht in den lauten und handgreiflichen Protesten der charmanten Organistin unter. Diese jungen Leute...

(Mai 1991)


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