„Eurotica” und das „Beate-Uhse-Museum” in Berlin – ein Streifzug durch das gehobene Geilheitsgewerbe.
Sex und Erotik sind nicht ganz das gleiche, auch wenn beide Ausdrücke gerne synonym benutzt werden. Ein Blick ins Lexikon schafft Klarheit: „Sex” bezeichnet eigentlich „das die Menschen Unterscheidende”, weshalb es etymologisch mit „sezieren” verwandt ist, was auch „zerlegen” bedeutet. „Erotisch” dagegen kommt vom griechischen „Erotikos”: „zur Liebe gehörig”. Sex ist also, wie die Menschen sind, und Erotik ist das, was sie damit machen.
So gesehen, scheint der Name „Erotik-Museum” schon passend. In einem Sex-Museum wären Abbildungen und Darstellungen von Geschlechtsmerkmalen zu sehen, im Erotik-Museum dagegen das, was man damit macht.
Beate Uhse ist Spezialistin für beides. Bekanntlich begann sie in den fünfziger Jahren damit, die Deutschen erst aufzuklären und dann mit allem Notwendigen zu versorgen, das einer braucht, der seine Aufgeklärtheit etwas variieren möchte. Damit hat Frau Uhse viel Geld verdient, was uns für sie freut. Es ist in Deutschland (und nicht nur hier) allerdings so, daß Aufklärung und flankierende Maßnahmen gewissen Beschränkungen unterliegen. Zum Beispiel kommt die Post aus Flensburg immer in neutralen Briefumschlägen. Und wenn man über die Jahrzehnte zwar geschäftlich sehr erfolgreich ist, statt eines Absenders aber immer nur ein Flensburger Postfach auf die Umschläge schreiben kann (der Nachbarn wegen) und einen Teil der Produkte überhaupt nicht verschicken darf (der Gesetze wegen) und diese Produkte dann in Läden mit verklebten Schaufenstern verkaufen muß, in die die Kunden nicht schlendern, sondern schleichen, wenn also ein florierendes Geschäft unter solchen Bedingungen geführt werden muß, ist es wahrscheinlich ganz normal, daß sich ein gewisser Wunsch nach Offenheit und Öffentlichkeit einstellt. So ist Beate Uhse auf den Titelseiten reich bebilderter Tageszeitungen wie auch in Talkshows oft und gerne gesehen. Und deshalb hat sie wohl auch den Gegenstand ihres Geschäftes in einen anderen Zusammenhang zu bringen versucht: Erotik. Oder doch Sex?
Das „Beate Uhse Erotik-Museum” erstreckt sich über zweieinhalb Etagen eines Berliner Geschäfthauses in bester City-Lage, die Räume sind groß und mit Teppichboden ausgeschlagen. Zu sehen sind Darstellungen von Geschlechtsorganen sowie Darstellungen von Menschen, die ihre Geschlechtsorgane benutzen. Eindeutig dominierend sind japanische Darstellungen, Schnitzereien und die berühmten Malereien und Zeichnungen. Es gibt aber auch Keuschheitsgürtel, Dildo-Variationen, galante französische Bilderserien, Scherzartikel, Kultgegenstände und Fruchtbarkeitssymbole. Besonders gut haben uns die klitzekleinen Snuff-Fläschchen gefallen, die mit einem kleinen Pinsel von innen mit pikanten Bildern bemalt sind. Oder aufklappbare Döschen und Käpselchen, in deren Inneren sich Pärchen mit millimetergroßen Phalli und klitzekleinen Vulvae vergnügen. Das alles ist sehr interessant, aber museumspädagogisch sehr unbefriedigend aufbereitet. Die Erläuterungen sind äußerst knapp, selten Zeit- oder Herkunftsbestimmungen, und bei manchen Gegenständen wüßte der interessierte Besucher gerne, wozu zum Teufel man das denn braucht. Es bleibt der Phantasie überlassen, schließlich hat das Museum den Untertitel „World of Erotic Fantasy”.
Im Museum sind auch zwei abgedunkelte Kabinette, in denen Fernseher stehen, auf denen Pornofilme „von früher” laufen. Schilder weisen darauf hin, daß im ersten Stock weitere Kinos zur Verfügung stehen; Museumsbesuchern wird ein 50%iger Rabatt auf den Eintrittspreis gewährt. Die Herkunft der Museumsfilme schien uns allerdings zweifelhaft, zu modern sahen die Schnitte und die Unterwäsche aus, technisch zu perfekt auch die Einstellungen und Großaufnahmen. Die Handlungen, die da zu sehen waren, haben uns im übrigen nicht schockiert; wir haben uns schon vorher gedacht, daß auch Opas Pornos nicht ohne Ferkeleien auskommen.
Überhaupt kam es uns vor, als wäre das „Erotik-Museum” einzig und allein zu dem Zweck eingerichtet worden, uns zu beweisen, daß die Leute auch früher schon gerne vor versauten Bildern onaniert haben. Männer natürlich, um genau zu sein, denn auch das ist klar: die Zielgruppe waren immer Männer. Auch wenn im Museum selbst Ehepaare mittleren Alters dominieren. Berlin-Touristen und andere Menschen, die gewöhnlich nicht gemeinsam Sex-Shops aufsuchen. Denn das ist sicher die zweite Bestimmung des Museums: Erschließung neuer Kundenkreise. Meine Begleiterin jedenfalls wollte trotz des ermäßigten Preises nicht in eins der Kinos im ersten Stock, sie wollte lieber einen richtigen Film sehen und fand die vielfälig variierten Darstellung von Geschlechtsverkehr, Fellatio und Cunnilungus eher langweilig.
Aber so ist es eben im Erotik-Museum: da gibt's Erotik. Und Sex. Interessanter versprach eine andere Veranstaltung zum selben Thema zu werden: Die „Eurotika – Messe und Festival der Erotik”. Die sollte eigentlich im Tempelhofer Flughafengebäude stattfinden, wurde dann aber kurzfristig verlegt: ins Lichtenberger Congress-Center. Hinter diesem eher harmlosen Namen verbirgt sich das Gebäude, in dem früher die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR untergebracht war: ein mächtiger Gebäudekomplex, vor dem ich im Sommer 1990 Wolf Biermann Lieder habe singen sehen, der jetzt von der deutschen Bahn AG bewirtschaftet wird und in dem jetzt die „größte Erotik-Messe” Europas stattgefunden hat. „Wenn das der Mielke wüßte”, scherzte ich mit einem Kollegen aus dem Osten, der mir aber todernst entgegnete: „Wieso? Der hat doch gesagt ,Ich liebe euch alle'”. Und bestimmt war auch Erich Mielke erotischen Verlockungen gegenüber aufgeschlossen, als er noch in dem entsprechenden Alter war. Auch nur ein Mann.
Die „Eurotica” ist eine Verkaufsmesse, und einer der Veranstalter verkündete der aufmerksamen Presse stolz, daß es sich nicht um eine Porno-Messe handele, immerhin bestehe sie zu 50% aus Kunst. Und: „Erotik bedeutet für uns nicht allein Sex, sondern auch Sinnlichkeit, Schönheit und Sensibilität”. Fein. Die interessierten Besucher und Besucherinnen konnten sich mit allerlei Dingen versorgen, die mehr oder weniger mit Sex und/oder Erotik zu tun hatten: Plüsch-Phalli, zum Beispiel, Porno-Videos, Piercing-Bedarf, Lederjacken, Magazine, Ölgemälde mit lasziven Damen und – natürlich – primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen, künstlerisch gestaltete Dildos, Wasserbetten, Sado-Maso-Zubehör, interessante Unterwäsche, Tätowierungen... was man halt so braucht. Unser Lieblingsprodukt kam vom Devatara Antinons Institut, das sich unter anderem mit „Lust- und Orgasmustraining für Frauen” beschäftigt: das „Tantrakissen”, gehüllt in „abwaschbares Kunstleder”, gefüllt mit „leichten Microperlen, die Deine Körpertemperatur wohltuend reflektieren”. Das Beste: „Sehr gut geeignet als Ritualhilfe.”
In der ehemaligen Stasi-Zentrale gibt es auch ein Kino, das noch genauso aussieht wie damals. Und in diesem Kino wurde der Showteil der „Eurotica” veranstaltet. Live! Zum Beispiel Aska, „die 22jährige Fessel-Legende aus Japan”, ein zartes Persönchen, das einen gutgebauten und am ganzen Körper rasierten Mann ein bißchen fesselt, ein bißchen mit Wachs bekleckert und schließlich von der Bühne peitscht. Oder die USO (Unidentified Sexual Object), eine Tanznummer mit drei Damen. Oder auch die Bauarbeitergirl-Striptease-Nummer, bei der aber die Höschen anbleiben. Interessant vor allem, daß die Darstellerinnen nach den Nummern die Bühne selbst aufräumen müssen.
Ehrlich gesagt: der Showblock der „Eurotica” hatte kaum Rummelplatz-Niveau. Und die Messe hatte nicht mal ein Prozent Kunst, aber einen Verklemmtheitsfaktor von an die 100%. Leute, die gewagt sein wollen, hängen sich kunstgewerbliche Schlüpfrigkeiten an die Wand und werden rot, wenn einer das Wort „Ficken” ausspricht. In Beate Uhses Erotik-Museum ist ein Haufen Schund in Vitrinen aufgebaut, dessen Schauwert nicht nennenswert größer ist als die Sammlung eines gehemmten Lustgreises, von der Erkenntnis ganz zu schweigen. In dem pseudo-historischen Videoprogramm ist einmal die Rede von gutem, ehrlichen Sex, aber nichts, was unter dem Deckmäntelchen der anspruchsvollen Erotik daherkommt, ist ehrlich, geschweige denn gut. Das Sortiment jedes durchschnittlich schmuddeligen Sex-Shops ist aufregender und bizarrer und einfallsreicher als die gesammelten Mittelmäßigkeiten von „Eurotica” und Erotik-Museum. Und Kunst ist erotisch, wann immer sie es will – nur weil Leute Titten und Schwänze in Öl malen, wird weder Kunst daraus noch Sex. Oder von mir aus auch Erotik.
Was bleibt, sind millimetergroße Phalli in galanten Mini-Schnitzereien, Tantra-Kissen und das Angebot eines Treffpunktes „für Eros und Kultur” auf Lanzarote, wo man für 1460 DM (14 Tage im Doppelzimmer) „Inselabenteuer” mit Frauen und Männern erleben kann, die „Engagement zeigen und in der Liebe etwas vorhaben”. Ob sie dort den Unterschied zwischen Sex und Erotik kennen?
(Mai 1996)
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