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„Die Moral ist längst den Bach runter“

Interview mit Richard Rogler

In dem Radio-Beitrag über Richard Roglers zweites Solo-Stück „Finish“ konnte ich nur zwei O-Töne aus dem langen Interview unterbringen, das ich mit Rogler führte. Deshalb hier die kaum redigierte Transkription des Gesprächs:

Haben Sie heute den letzten Teil der zweiten Staffel von „Herr Rogler und Herr Busse“ gedreht?
Richard Rogler:
Wir sind jetzt gerade fertig geworden, heute, am 13. mit den Dreharbeiten. Wir haben jetzt drei Teile gedreht, jeweils einen Teil in einer Woche, und zwar geht es diesmal um zwei Polizisten, die Folge spielt in Berlin, und zwar ein Westpolizist, ein Polizeiobermeister, man muß das korrekt sagen, der drei Sterne hat – extra erkundigt – und einen, der zur Anstellung arbeitet, also das typische Schicksal eines ehemaligen Ostpolizisten, z. A. heißen die Polizei... äh, Wachtmeister, z.A., zur Anstellung, darunter leiden ja viele, die noch nicht verbeamtet sind. So. Und die packen wir jetzt in ein Polizeirevier am Ku'damm und der Ostler kommt also zum Westler und der lernt ihn an. Es stellt sich aber bald raus, daß die beiden auch ganz so astrein auch nicht sind, denn die Überlegenheit des Westlers, die er dem anderen auch zu spüren gibt, kippt bald um, weil der Ostler in den Stasiakten einiges über den Westpolizisten stehen hat. Und so schaukelt sich halt das Ding hoch. Das Schöne ist ja immer an diesen Folgen, die wir da drehen, daß wir also bewußt zwei aus einer Berufsgruppe nehmen, und eben nicht möglichst diese komische Konstruktion, die ja immer sehr beliebt ist, daß man sozusagen zwei Extreme zusammenbringt – der berühmte Bettler trifft den Bankier, was ja jeden Tag passiert – sondern daß wir da eine genauere Schilderung haben, weil die sich gegenseitig nichts vormachen können.

Dann haben wir noch eine Folge mit zwei Animateuren, die schon mal bessere Zeiten gesehen haben, soweit man da überhaupt in diesem Beruf davon sprechen kann. Die also schon mal auf den Kanaren und Mauritius tätig waren, aber aus Altersgründen und weil sie auch nicht mehr lustig genug sind, abgeschoben werden: ins Sauerland. Dort müssen sie Unterhaltungsprogramme für Kegelbrüder und soweiter machen, für Reisebusladungen. Und heute haben wir als letzte fertiggedreht: die zwei Unternehmensberater.

Unternehmensberater, die im Osten tätig sind und sich dort 'ne goldene Nase verdienen?
Nee, das haben wir gar nicht drin. Wir haben zwei Unternehmensberater, die im Westen tätig sind. Die sitzen die in einer Privatklinik in Rottach-Egern am Tegernsee, haben alle einen Herzinfarkt hinter sich und dürfen im Sanatorium nichts arbeiten dürfen. Das halten die natürlich nicht aus, versuchen also heimlich zu telefonieren, und einer hat einen ganz großen Fisch an der Angel. Engholm hätte sich an ihn gewandt, er soll mit den Mitteln des Unternehmensberaters die SPD auf Vordermann bringen und (lacht), naja, das geht dann etwas merkwürdig aus. Also ich habe diesen Auftrag sozusagen, erwische Engholm aber nicht, weil der dauernd in der Toscana ist, und dann kann ich immer nur mit seiner Frau sprechen, weil er kocht und so weiter, und mir ist gar nicht genau klar, was er will. Mein Spielpartner, der Jochen Busse, bringt mich dann so langsam drauf, was der nun eigentlich will. Ich denke immer, der will effektiver arbeiten, der will an die Regierung und so weiter, der will sozusagen den Betrieb verschlanken, vielleicht besser durchorganisieren. Wir kommen dann drauf, daß er ein Gutachten von der unternehmerischen Seite will, daß er so bequem weiterleben kann wie jetzt . Das wird während des Stückes entwickelt, nach dem selben Prinzip, nach dem der Jochen Busse schon mal die Fischer-Möbelparadiese saniert hat: mit der Versagertheorie. Der hat seinen Kunden gesagt: Männer, Ihr seid alle Versager, aber damit sag' ich Euch nichts Neues, wir müssen das positiv sehen: Es gibt noch größere Versager. Und das ist die Mehrheit. Also baut Möbel, die Ihr Euch auf keinen Fall selber in die Wohnung stellen würdet. Und ab da lief das blendend. Es ist das Prinzip auch vom Herrn Thoma von RTL, der gesagt hat, wenn ihm persönlich eine Sendung gefällt, schmeißt er sie sofort raus aus dem Programm. Nur so könnte er erfolgreich sein. Und nach dem gleichen Prinzip wird dann hinterher die SPD sozusagen unternehmerisch beraten: SPDler, Ihr seid alle Versager, aber das wißt Ihr ja selber, nur müßt Ihr das positiv sehen, es gibt noch größere Versager. Das ist die Mehrheit. Und in unserer Demokratie wird die Mehrheit immer die Regierung stellen. Nach dem Prinzip geht's.

Das klingt ja lustig. Von wem stammen denn diesmal die Bücher?

Das Polizeibuch stammt vom Günter Thews, der mal früher bei der Berliner Truppe „Die drei Tornados“ tätig war. und jetzt leider sehr krank ist. Das Animateurebuch hat Jochen Busse geschrieben und das dritte ... Da gab es eine Vorlage des Titanic-Autoren Jörg Metes, die Jochen Busse und ich bearbeitet haben.

Jetzt zu dem Programm
Naja, das Programm „Finish“, das ist mein zweites Solo-Kabarett, ein Riesen-Monolog nach dem Strickmuster von „Freiheit aushalten“ Es ist etwas kürzer, aber der Zuschauer muß schon zwei Stunden gut durchhalten. Da beginne ich jetzt am 23. in den Wühlmäusen in Berlin und spiele da bis zum 19. September durch, außer Montag. Es ist ein Monolog um den gleichen Helden aus „Freiheit aushalten“, den Herrn Camphausen. Herr Camphausen ist in „Finish“ ein relativ erfolgloser Unterhaltungsautor, der aber wiederum so integer ist, daß er also den ganz großen Mist – in Anführungsstrichen – nicht schreiben will, und so hat er immer mehr Schwierigkeiten, seine Existenz zu bestreiten. Er hat zwei Freunde, die ihm nochmal helfen wollen, mit denen er auf der Schulbank saß, einen Herrn Hechtfischer und einen Hans Ruckdeschl. Hechtfischer ist bei der SPD, hat da eine ganz gute Karriere gemacht, ist mittlerweile im Bundestag und Ruckdeschl ist bei der CSU, auch im Bundestag und lebt nach dem Prinzip: Betrete den Plenarsaal nur im äußersten Notfall. Der läßt sich in Bonn eigentlich nie sehen. Das Vorbild gibt es tatsächlich, es gab wirklich mal einen, aus der Gegend um Herdecke, der praktisch nie im Bundestag war. Bei der Abstimmung zum Mißtrauensvotum gegen Willy Brandt, wo sie ja alle persönlich antanzen mußten, haben sich einige von der in der SPD in den ersten Reihen umgedreht und haben gesagt: Wer ist das denn dahinten, gehört der zur Fraktion? Und tatsächlich, der war seit sechs Jahren im Bundestag und war noch nie gesehen worden. Der hat an nichts teilgenommen, wurde aber in seinem Wahlkreis, wo er natürlich immer präsent war, bei jedem Kaninchenzuchtverein und im Tennisclub und was weiß ich, mit einer Bombenmehrheit gewählt. So, diese beiden Politikerfreunde, die eigentlich sehr verkommen sind, auch der SPDler, die eigentlich nur an ihrer Karriere interessiert sind – Politik interessiert sie eigentlich gar nicht –, die schmieden einen Plan, wie sie ihrem Freund Camphausen helfen können. Und da spielt jetzt der Osten 'ne Rolle: Wenn schon viele im Osten Karriere machen, dann finden wir auch für dich was, wir haben die Verbindungen. Sie wollen ihn als Unterhaltungsredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk unterbringen. Das ganze klappt aber nicht, weil der SPDler mittlerweile mit seiner eigenen Partei Schwierigkeiten hat: Er ist als Hinterbänkler sauer, daß sie ihn nicht in den obersten Gremien lassen. Und Hans Ruckdeschl, der schon mal nach Leipzig vorfahren will, hat leider einen tödlichen Autounfall mit seinem Porsche und so kracht der ganze Plan zusammen, so daß Camphausen eigentlich am Ende des Stückes schlechter dasteht als vorher. Parallel läuft nach 'ne Liebesgeschichte mit seiner Freundin, und er hat aber auch noch ein Nebenverhältnis mit einer viel Jüngeren, die von der Insel Rügen stammt. So daß wir also da einen Helden vor uns haben, der in das Mitläufertum relativ weit verstrickt ist und fast nicht mehr raus kommt. Seine einzige Chance ist eigentlich nur, wenn er sich für seine Freundin Karin richtig entscheidet, endlich mal konsequent wird.

Wie kamen Sie denn ausgerechnet auf den Mitteldeutschen Rundfunk?
Ich hab' ja zwei Hobbys, mit denen ich mich im Kabarett immer beschäftige, das ist Bonn intern, diese Hinterbänklergeschichten, wie die Politik da in der Praxis läuft. Da bin ich richtig fanatisch immer hinterher und grabe alles aus, wie denn nun wer mit wem und wie dieser ganze Machtapparat läuft. Und das andere Hobby ist, daß ich mich dafür interessiere, wie die Medien denn so gehen. Das liegt ja auch nahe, weil ich ja auch davon lebe und eine sehr genaue Sachkenntnis habe. Ich kann eigentlich nur das schreiben oder das spielen, was ich wirklich genau kenne, besser noch: wirklich erlebt habe. So wie manche Kollegen kann ich gar nicht arbeiten, so, wie der normale Kabarettist der sich alle Probleme der Zeit hernimmt und sich dazu 'ne Meinung bildet. Und oft kommt's gar nicht richtig dazu, denn man landet gleich bei der Pointe über dieses Problem, bevor man sich dazu überhaupt eine eigene Stellung bezogen hat. Ich kann nur die Bühne betreten, wenn ich wirklich was sagen will, und ich habe, wenn ich so etwas spiele, was ich grad erzählt habe, eine ungeheuere Sicherheit, weil ich weiß, das ist zwar nur ein kleiner Ausschnitt, aber der ist so genau beobachtet, daß er mehr aussagt, als wenn ich jetzt über ein ganz großes Problem – ich sag’ mal jetzt: Jugoslawien oder deutsche Verteidigungspolitik – irgendeinen Sketch machen würde. Dazu habe ich gar keine klare Meinung mehr – wie viele jetzt –, und dann rettet man sich eben in die Pointe hinein. Dann ist man schnell bei Herrn Rühe und Herrn Kinkel und bei Irgendwas und das verpufft sehr schnell. Das habe ich eigentlich noch nie gemacht in meinem Leben.

Daß Sie in die Medien einen Einblick haben ist ja klar, aber in die Politik? Sind Sie denn selbst Politiker?
Nein, ich bin kein Politiker, ich bin natürlich in der Nähe der Politik, ich komme aus Köln, und ich kenne sehr viel Bundestagsabgeordnete und ich habe einen sehr guten Zuträger auch, ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, es gab da mal einen Karl-Heinz Hansen, den sie aus der SPD rausgeschmissen haben, der hat mit dem Coppik die – wie hießen die? – die Demokratischen Sozialisten gegründet, die DS-Partei. Der hat natürlich eine absolut genaue Sachkenntnis und über die zwölf Jahre, die er selber im Bundestag war, genau Buch geführt hat. Und diese ganzen Histörchen und diese ganzen Mechanismen, wie denn eine Fraktion überhaupt funktioniert, auch diese ganzen Haushaltsgeschichten und welche Sonderleistungen es gibt und wie eine Abstimmung läuft und wie ein Antrag niedergebügelt wird, wie mit Parteitagsbeschlüssen umgegangen wird. Es war für mich auch erstaunlich: Kein einziger Parteitagsbeschluß der SPD, der jemals auf einem Parteitag gefällt wurde, wurde in die Realität umgesetzt. Kein einziger! Man denkt eigentlich, daß es irgendwann mal einfließt, also selbst, als sie an der Regierung waren, mit der Großen Koalition und dann mit der FDP, ist kein einziger realisiert worden, es landet alles im Keller. Und da bin ich fanatisch dran interessiert, wie denn sowas geht, und wo liegt denn das ganze Zeug, ja? Das ist ein Hobby von mir.

Und wie kommt es, daß solche Beschlüsse nie umgesetzt werden?
Da werden x Anträge gestellt, das sind dann meistens so Riesenbücher. Eine parteiinterne Diskussion, und ich weiß noch – das hat mir der Hansen mal erzählt –, zu Wehners Zeiten hat er gefragt, warum beschließen wir das alles? Warum diskutieren wir ewig? Alle Ortsvereine überlegen sich irgendwas, und hinterher wird's nicht gemacht. Darauf hat der Wehner eben gesagt, das interessiert ihn überhaupt nicht, wichtig ist jetzt die nächste Wahl, und was war, ist weg, und damit können wir uns nicht aufhalten, man muß gucken, daß wir die Mehrheit kriegen, die Partei muß geschlossen sein und einzelne Meinungen gibt es nicht – der war natürlich da sehr rigoros auf diesem Gebiet, aber es ist heute nicht anders.

Ist das typisch für die SPD?
Nein, das ist bei den anderen Parteien genauso.

Und so extrem, daß wirklich kein Beschluß umgesetzt wurde?
Das kann ich jetzt für die anderen nicht sagen. Ja? Ich weiß es nur für die SPD. Ich könnt's mir aber vorstellen. So, wie es da formuliert worden ist, dann wieder versandet oder jedenfalls modifiziert wird, aber was wir sonst meinetwegen übern Fernseher mitkriegen, was jetzt da nun beschlossen... also, man kriegt ja kaum was mit, was beschlossen wurde. Ja? Die Anträge werden zwar angenommen, aber es gibt ja keine Verpflichtung, Anträge, auch die beschlossenen Anträge, in die Politik umzusetzen. Das ist eine Diskussion. Und da gucken wir mal, was wir daraus machen. Und oft ist es eben auch einfach eine gute Werbekampagne der Parteien, daß sie sagen, das ist jetzt die Meinung der CDU, deshalb kommt es ja auch mit diesen ganzen Wahlversprechen, daß die Leute sagen, ja vor der Wahl versprechen sie immer was, das ist ja dann die populäre Umsetzung sozusagen, die populäre Interpretation, daß man sagt: und hinterher halten sie nichts ein. Genauso ist eigentlich der Sinn der Parteitage, daß da gar nichts groß inhaltlich diskutiert wird, sondern nach außen eine tolle Show gemacht wird, daß man sich immer darstellt, was wollen wir denn jetzt eigentlich, aber was hinterher daraus gemacht wird ... Es wär mal interessant, auch bei den anderen Parteien, nur leider habe ich zur CDU keine so guten Verbindungen, ja? Wär mal interessant zu sehen, aber ich wette, daß es da ähnlich ist.

Ist den aktiven Politikern denn klar, daß ihr Tun so sinnlos ist, oder denken die, daß es ernst ist?
Ach, da bin ich mir gar nicht mehr so im Klaren. Es ist ja mittlerweile wirklich so verkommen, ich will da auch gar nicht in so ein Horn hineinstoßen. Als ich das Stück geschrieben habe, kam ja überhaupt dann hinterher noch diese ganze Sache mit Lafontaine, da kam ja das alles hoch, Politiker wirtschaften in die eigene Tasche, selbst der Weizsäcker hat sich da noch eingemischt, hat gesagt: Ja, die sind eigentlich nur machtbesessen und kümmern sich nicht um die Interessen der Bevölkerung und so weiter. Das war ja interessant, das kam ja erst danach. Jetzt sieht's ein bißchen so aus, als hätte ich das hergenommen und würd's im Stück darstellen, da war ich schon etwas schneller, eigentlich. Um dem mal auf die Spur zu kommen. Und das Stück strotzt auch nur vor solchen Einzelheiten. Wo gibt es Freiflüge hin, wie hoch sind die Telefax-Gebühren, wieviel Hilfskräfte kann man einstellen und diese ganzen Sachen. Was ist eine Fahrbereitschaft des Deutschen Bundestags. Was sie also sehr gerne machen, daß sie einfach... Sie können sich in einem Umkreis von 70 Kilometern von Bonn aus jeder Kneipe , wenn sie hackevoll sind, durch die Fahrbereitschaft des deutschen Bundestags abholen lassen. Es interessiert mich halt einfach, wer läßt sich da so abholen, wie wird das so benützt, oder die Sache mit dem Benzin von der Süßmuth, und da sind die Politiker ja sehr, sehr ... ja wie soll ich sagen? Das hören sie ja nun gar nicht gern. Und das ist 'ne merkwürdige Geschichte, da haben sie ja irgendwie Angst, daß das irgendwie rauskäme.

Es ist wirklich so, daß sie das nicht mehr als eine Wahl auf Zeit begreifen. Sie siind wirklich zu 80% nur mit sich selbst beschäftigt. Ja? Weil sie natürlich genau aus diesem Beruf einen Karriereberuf machen wollen, wie alle anderen auch, und das erwidern sie ja dann, daß sie sagen: ja was ist denn, wenn ich nicht mehr gewählt werde, dann bin ich nicht mehr im Beruf drin. Das stimmt ja alles gar nicht, also bei der CDU und bei der FDP stimmt's gar nicht, bei der SPD stimmt es leider doch zum Teil, weil die natürlich sehr viele Leute drin haben, die nicht 'n Hochschulabschluß oder noch 'ne Kanzlei und so dann haben, und dann in den Beruf wieder zurückkönnen. Das sind natürlich sehr viele aus dem Mittelstand oder auch Handwerker, also zum Beispiel der im Bundestag sitzt, der Konni Gilges, den ich aus Köln kenne, der war Fliesenleger und dann war er mal Falken-Vorsitzender – wie so 'ne typische SPD-Karriere läuft – dann bei der Arbeiterwohlfahrt, so. Dann war er Ortsverein, dann wurde er über'n Unterbezirk dann in den Bundestag gewählt. Ja, wenn der jetzt rausfällt, der hat's wirklich schwer, und deshalb ist ja der SPD-Filz, der kommt deshalb so auf, weil die Partei natürlich diese Leute irgendwie versorgen muß. Entweder bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, und wenn da zu ist, müssen sie gucken, daß er bei der Bank für Gemeinwirtschft unterkommt, oder bei Gewerkschaften, oder bei der Westdeutschen Landesbank in Düsseldorf. Und deshalb sitzen da irgendwann mal Leute, die vom fachlichen her diesen Beruf gar nicht ausführen dürfen. Weil sie eben dann so leicht in einen akademischen Beruf oder sonstwas nicht zurück können. Das ist das Schicksal der SPD. Deshalb ist auch dieser Filz im Saarland so aufgekommen. Natürlich, die versorgen sich mit allen möglichen Abschiebeposten hinterher oder lassen sich dann noch die Pension auszahlen.

Und die Politiker, die wissen alle, daß sie auch eigentlich wenig bewirken können. Selbst Frau Süßmuth sagte, man müßte eine Parlamentsreform machen, die Debatten werden immer langweiliger, es ist alles schon beschlossen und so weiter...

Der Camphausen in „Freiheit aushalten“ hatte ja am Tag davor einen Brunch, worauf sich ja seine ganze Rede bezog. Was ist in „Finish“ der Hintergrund?
Die Bühnensituation ist jetzt die: Camphausen betritt die Bühne. Er kommt vom Begräbnis seines Schulfreundes Hans Ruckdeschl aus München und ist eben allein in seiner Wohnung, die sehr kärglich eingerichtet ist. Er hat ja auch nichts, weder Vermögen noch sonst irgendwas, weil er sich eben nicht rechtzeitig um eine Karriere oder um eine Kungelei in seinem Leben gekümmert hat und jetzt völlig isoliert ist. Das ist ja noch ein Sprung von „Freiheit aushalten“, da gab es ja immerhin, sagen wir mal, noch eine gewisse Auseinandersetzung mit den Alternativszenen. Ein paar Linke gab's ja auch noch, das war doch bissel eine andere Zeit. Man hatte noch zu tun mit der Aufarbeitung von gewissen Kollektiven und so weiter.

Also: die Diskussion soll man jetzt doch so stromlinienförmig mitmachen wie es alle tun, oder gibt es noch was anderes? Das wird ja heute gar nicht mehr diskutiert, das ist ja weg vom Fenster. Also hat er nichtmal mehr diese, sagen wir mal, diese Gesellschaftsfamilie, die er damals noch irgendwo hatte, auch, wenn's nur Saufbrüder waren, ein paar, die auch so gedacht haben, sich aber irgendwie durchs Leben geschlagen haben. Die hat er nicht mehr. Die Zeiten sind ja wirklich innerhalb von fünf Jahren da etwas härter geworden, die Isolation schreitet immer weiter fort. Und auch der Run nach dem Geld, die Abgrenzung, Statussymbole, sowas spielt ja wieder eine ungeheuere Rolle. Also, ich hab' das selbst vor ein paar Jahren nicht geglaubt, ich hab noch nie so viel neue Autos gesehen, die Leute kaufen ... Und den Mercedes brauchen sie, und das neue Modell brauchen sie, und die Designer-Möbel brauchen sie. Und der Camphausen ist auf der Bühne und war fünf Tage unterwegs, er fuhr also nach Leipzig, wo das mit dem MDR nicht geklappt hat, dann fuhr er noch mal zurück, nach Schlossenreuth, wo die alle herstammen. Das ist ein kleiner Ort in Oberfranken, wo auch ich herkomme, also in der Nähe da, wo sie in die Schule gegangen sind, dann nach München runter und dann eben zurück nach Köln, in seine Wohnung, und er will Karin anrufen, und die meldet sich auch nicht. Er hat noch einen wichtigen Termin verpaßt, endlich wollte er mal 'ne größere Wohnung für beide besorgen, weil er immer noch so lebt, er hat immer noch aus Rückzugsgründen seine eigene Wohnung, er ist also selber ein sehr unentschiedener Mensch. Und er steht nun völlig alleine da und gerät nun aus dieser Situation heraus in eine gewisse Rückschau seines Lebens. Und die erzählt er, aber die Ist-Zeit ist immer auf der Bühne, weil er also auch dauernd Karin erreichen will, die sich aber nie meldet. Und in der Pause geht er auch noch mal hin, schaut an Karins Wohnung, ob sie da ist, und so weiter. Und dass geht er ab, geht zwar zu Karin, aber der Zuschauer erfährt nicht, ob Karin nicht ihn auch schon verlassen hat, daß es ganz zappenduster wird. Das klingt jetzt alles nach Drama und nach Traurigkeit, ich kann aber garantieren, daß es zwei Stunden lang zum Lachen ist.

Nur zum Lachen?
Es fällt da nicht dauern eine Pointe, alle fünf Sätze. Das wollte ich mir eben auch mal gönnen, weil ich es auch als Zuschauer gar nicht haben kann, daß ich dauernd brüllen oder lachen mußte. Nur, es ist so, daß Passagen – die dauern aber nur ein, zwei, drei Minuten – nicht zum Lachen sind, und dann kommt zwar keine Überpointe, aber es findet immer eine komische Auflösung. Es plätschert dahin und dann kommt einer mit der Fliegenklatsche und haut einen Kleinen drauf und löst das auf. Nach diesem Strickmuster ist das gebaut.

Ist es nicht enorm schwer, einen Text, der über zwei Stunden geht, zu verfassen und auch zu spielen?
Naja, zu spielen... zu spielen, das ist nicht leicht. Das Schwierigste war eigentlich die Schreibarbeit, weil man ja aufpassen muß, bei einem so einem Monolog, daß man möglichst keine verlorenen Motive drin hat. Alles, was vorher einmal genannt und eingeführt wird, muß innerhalb dieses Stückes in irgendeiner Weise aufgelöst werden. So daß sich eine geschlossene, runde Sache ergibt. Ein Text gelingt dann um so besser, wenn man eigentlich schon nicht mehr dran denkt, was da vorher war, aber durch eine Wiederholung dran erinnert wird. Ganz zum Schluß kommt nochmal eine ganz unverhoffte Sache, an die sich wahrscheinlich kein Zuschauer mehr erinnern kann: Camphausens bester Freund, der auch sein Steuerberater ist, hat ihn auch noch sozusagen übers Ohr gehauen, hat ihm einen Kredit gegeben, zu 18% Zinsen und so weiter, will das Geld wiederhaben, und Camphausen hat ja ein Häuschen auf Rügen geerbt, das luchst der ihm darüber ab. Im letzten Drittel des Stückes verschwindet der vollkommen, und wenn das Stück dann dem Ende zu geht, fragt man sich eigentlich, was mit dem los ist, und dann gibt es eine ganz überraschende Auflösung, das ist auch das letzte Telefongespräch, das ist auch der einzige, der ihn anruft, und dann kommt ein schöner Überraschungseffekt, was dem nun mittlerweile passiert ist. So baue ich sowas halt auf. Eigentlich war es sehr schwer, das Stück zu schreiben, es hat auch lang gedauert, über ein Jahr, reine Schreibarbeit, die Proben gingen sechs, sieben Wochen und dann steht man halt auf der Bühne. Naja, das kann man dann auch nicht lernen.

Ich hab' wohl eine gewisse Fähigkeit, daß man mir zwei Stunden zuguckt, ich weiß auch nicht genau, woran es liegt. Vielleicht, weil erstens mal was Interessantes erzähle – und das ist ja das Geheimnis von jeder Schauspielerei. Ich muß es einfach schaffen, daß mir die Leute in gewisser Weise zuhören, sich für das interessieren, was ich nun gerade an dem Abend zu erzählen habe, und da ich das aber sehr persönlich und auch sehr... ja, sagen wir: ziemlich uneitel spiele, glaube ich, ist es für die Zuschauer ein beruhigendes Erlebnis, weil sie in nicht Weise gestresst werden. Bisher war das ein großer Erfolg, also ich hab's bisher etwa fünfzigmal gespielt, Uraufführung in Frankfurt gemacht, dann war ich vier Wochen in München, dann Mainz, Unterhaus, und so weiter. Es war auch immer voll, und ich hoffe, daß auch in Berlin hier die Sache gut geht. Berlin ist im Moment, glaub' ich, kulturell gar nicht so einfach, ich hab' oft den Eindruck, daß die Leute etwas andere Probleme haben, als abends ins Theater zu gehen, die Läden sind ja nicht voll, aber wir wollen mal sehen, wieviel wir da hinkriegen.

Werden sie mit „Finish auch durch den Rest von Deutschland touren?
Ja, natürlich, nach Berlin gehe ich auf 'ne große Tournee, im Westen, das sind vierzig Stück hintereinander, immer an verschiedenen Orten, meistens Kleinstädte, was sehr sehr gute Spielorte sind, weil sich die Leute da freuen, daß da was hinkommt und es ist auch meistens sehr gut organisiert. Dann spiele ich in Köln, wo ich herkomme, viel Wochen, und dann geht's nochmal auf Tournee. Ich glaube, daß dieses Stück, weil es auch etwas zeitlos ist, durchaus zwei, drei Jahre spielen kann. Von den ganz aktuellen Geschichten ist eigentlich gar nichts drin, es geht also doch mehr um das Thema Liebe eigentlich. Das zentrale Thema ist eigentlich Liebe. Es gibt ja sowieso nur dieses Thema, und daran kann man auch alles aufhängen im Grunde, und es interessiert mich auch auf der Bühne mehr, als diese aktuellen Statements.

Würden Sie das Stück verändern, um auf aktuelle Ereignisse einzugehen?
Nee. das geht bei dem Text nicht. Es gibt ein paar Stellen, wo ich sicher noch mal einen Satz verdrehen werde, aber ich habe bei dem Stück, weil es ein vollkommen geschlossener Text ist, keine Möglichkeit. Ist ja auch nicht Sinn des Abends. Man wird nichts hören über, was weiß ich jetzt, Jugoslawien oder Steuerreform und so weiter. Es ist ja eine innere Zustandsbeschreibung von Menschen, von diesen Politikern, vom Camphausen, vom Steuerberater, von zwei Frauen, die da vorkommen, die ich auch alle spiele. Ich spiele alle diese Figuren durch, ich erzähle ja nicht darüber, sondern lasse alle auftreten. Ich spiele also den Steuerberater und die Freundin noch, und Produzenten kommen noch vor, und Segelbootseigner, und die werden alle gespielt, so daß ich da ... Was wollt' ich jetzt sagen? Ahem, dass ich da nicht reagieren kann, wenn jetzt irgendwas an Zurufen... Aber das kommt auch nicht vor, weil die Leute ja auf einen gewissen Persönlichkeitstrip mit mir gehen müssen, und da kommt auch keiner drauf. Wenn irgendwas passiert im Zuschauerraum, einer sagt was, darauf kann ich natürlich reagieren, davor hab' ich auch keine Angst davor, nur macht das eigentlich keiner.

Wie reagiert denn Ihre Familie auf diese ausgedehnte Tournee- und Gastspieltätigkeit?
Ja, ich hab 'ne Familie, nur ist das nur nicht mehr ganz so schlimm. Meine Tochter hat jetzt gerade Abitur gemacht, die ist 19 Jahre alt. In den Jahren vorher war das schwer, aber ich war auch mal fünf Jahre gar nicht auf Tournee, da war ich am Schauspielhaus Köln, ganz normal im Vertrag als Schauspieler und Autor damals. Da war noch der Jürgen Flimm Intendant, der jetzt am Thalia-Theater ist. Da hab' ich auch ein paar Spezialprogramme gemacht und war ich eigentlich die meiste Zeit in Köln. Und dann haben wir in Köln ja den großen WDR, wo man auch eigentlich sehr viel arbeiten kann. Da habe ich doch die Mitternachtsspitzen gemacht, immerhin fast zweieinhalb Jahre, sechsundzwanzig Sendungen, so Kabarettsendungen, im Dritten. Und jetzt ist es etwas lockerer, weil meine Frau, wenn ich hier nach Berlin komme, einfach mitfährt.

Das ist ja eine sehr persönliche Geschichte mit dem Camphausen, auch schon in „Freiheit aushalten“. Wie konstruieren sie diese Figur aus Autobiographischem und Fiktion?
Ich geh wirklich immer von mir aus. Eigentlich ist das ein Stück über mich. Und über mein Gefühl in der jetzigen Zeit. Darauf kann ich mich am besten verlassen, und ich weiß auch, daß das stimmt. Jetzt ist nur meine Hoffnung, daß das insoweit repräsentativ ist, daß ich also so feinfühlig bin, um zu behaupten, das wäre auch ein Problem der anderen Menschen, und da habe ich mich eigentlich nie getäuscht. Es ist eigentlich eine ganz sichere Nummer, nur die meisten trauen sich das aus irgendeinem Grund nicht, weil sie eben meinen, sie müßten Kunstfiguren oder eben möglichst die Politiker und so weiter spielen und gehen immer mehr von sich weg. Dadurch erreichen sie oft auch keine Glaubwürdigkeit auf der Bühne. Ich merk’ das oft bei Programmen, wo die Sache plötzlich kippt, wo ich denen auch nichts mehr glaube oder denke, jetzt werden sie aber oberschlau. Oder jetzt wollen sie nur noch witzig sein, oder sonstwas. Und wenn ich ins Theater gehe: die besten Schauspieler, die ich kenne oder kannte, waren immer die, die ihre Rollen persönlich gefärbt haben. Zum Beispiel Herbert Mensching, einer der genialsten Schauspieler. Er konnte jede Rolle nur so auch spielen, indem er sie gelebt hat. Egal, was er gespielt hat, ob das nun Shakespeare oder sonstirgendwas war, er hat eigentlich alles als Mensching gespielt. Das hat mich immer sehr fasziniert, und ich hab da auch immer viel gelernt. In der Zeit, als ich in Köln am Schauspielhaus war – ich hab immer nur so kleinere Rollen gehabt –, aber ich hab ja mit sehr sehr bekannten Leuten immer zusammenspielen müssen. Und es war für mich immer eine tolle Ausbildung, da konnte ich genau unterscheiden, wer wirklich ein großer Star war und wer nicht – und woran's lag. Und es lag immer daran, daß Leute aus irgendeinem Grund ihre eigene Persönlichkeit nicht so weit entwickelt haben und sich nicht getraut haben, diese Persönlichkeit auf die Bühne zu bringen, und das ist was ganz Merkwürdiges. Als in München gespielt habe, kam der Hube, das ist auch ein Kabarettkollege, der mittlerweile Schauspieldirektor an der berühmten Falkenbergschule in München ist. Und der sagte nur einen Kommentar: „Du kommst auf die Bühne und man hat das Gefühl, Du willst was.“ Und das überträgt sich wohl auf die Zuschauer, daß da einer ist, der das wirklich an dem Abend erzählen will, und das liegt ihm am Herzen, und dazu steht er auch völlig ... dann entsteht immer gute Schauspielerei.

Insofern hab' ich, wenn ich so ein Stück konstruiere, überhaupt keine Scheu, wirklich biographische Dinge einzubauen. In dem „Finish“-Stück sind, bis hin zu Ortsbezeichnungen zum Beispiel, sehr konkrete Dinge drin, die stimmen. Und die sind auch so erlebt. Es geht auch teilweise ein bißchen um die Jugend von diesen drei Hauptfiguren in dem Stück, die stimmen bis aufs i-Tüpfelchen. Und ich grabe da immer sehr lange, also auch diese Karriere dieses SPDlers zum Beispiel, die ist hundertprozentig recherchiert, und ich kenne genau den, der über diese Etappen gelaufen ist, den kenne ich auch persönlich. Bevor ich also sozusagen nach außen gucke, was mach' ich denn jetzt, gehe ich immer vom Zentrum aus. Dadurch entsteht eben sowas, daß man sagt, das ist einer, der steht jetzt mit seinem ganzen Leben in der Gesellschaft, und so kommt er auch auf die Bühne – nicht jemand, der sich für heute Abend für den Paragraphen 218 und alles Mögliche interessiert und uns das zum Fraß vorschmeißt. Das war auch immer das Geheimnis von Dieter Hildebrand. Dieter Hildebrand ist ja da auch in der Hinsicht immer mein ganz großes Vorbild gewesen, weil ich ganz genau weiß, daß der nichts nur einer Pointe wegen anpackt oder nur weil es das Problem jetzt gibt und man als Kabarettisten von ihm fordert, nun müßte aber Hildebrand dazu noch was sagen. Er meint es dann persönlicher. Er spielt ja nicht 'ne Meinung vor als Kabarettist auf der Bühne, sondern Du erfährst die Meinung des Dieter Hildebrand, die ja natürlich dann ein bißchen wegnimmt von sich und meinetwegen in eine Figur hineintut. Das ist dann eine Mischung zwischen dem Kabarettisten Hildebrand und dem Menschen Hildebrand. Aber er verliert nie die Verankerung zum Menschen Hildebrand, und deshalb ist er auch so beliebt. Deshalb ist der auch so, gilt als jemand, der so aufrecht ist, und der auch sich nicht groß verändert hat ... da fallen dann so Bezeichnungen wie „ein bescheidener Mensch“ oder „ein ehrlicher Mensch“, und ich kenne ihn ja persönlich sehr gut: so isser auch. Und so wie er ist, so kommt er auch auf die Bühne. Weder arrogant noch gelackt noch besserwisserisch und so weiter. Und was er nicht kann, oder wozu er eben nichts sagen will, das macht er auch nicht. Das ist auch immer Vorbild für mich gewesen.

Was sagen denn die Politiker dazu, wenn Sie deren Biographien als Vorbild für Ihre Figuren nehmen?
Naja, ich kenn die auch persönlich gut. In „Freiheit aushalten“ war's noch schlimmer, da kommt ein Günter vor, auch so ein SPD-Schicksal, Günter, den sie aus der Partei rausschmeißen wollen. Den gibt es tatsächlich, das ist ein Kölner Politiker, der mittlerweile im Osten hier tätig ist. Der hat so'ne Firma und baut da Verwaltungen auf, der ist auch nicht tot zu kriegen, ich treff' den auch selbst am Flughafen – ich hab ihn schon zweimal zufällig getroffen. Der ist die Hauptfigur von diesem Stück, also so'n Kölscher, der dreimal in dieses Stück reingegangen ist und mir noch ein paar Ratschläge gegeben hat. Obwohl er ziemlich fertig gemacht wird in dem Stück, aber das macht ihm nichts aus. Ich bin mal gespannt, wenn ich jetzt im Ruhrgebiet spiele, oder in ganz harten SPD-Gegenden... Sie sind immer etwas pikiert, eigentlich mögen sie es nicht. Ich habe einmal eine Aufführung im Schauspielhaus Düsseldorf gemacht, in der ersten Reihe saß der Rau, und da hab ich so zwanzig Minuten über einen schreienden, sabbernden, heulenden und kotzenden SPD-Politiker gemacht, dem sie die Existenz nehmen. Der Rau war vollkommen fertig. Weil er ganz genau weiß, daß es stimmt. Man kann sie da stärker treffen, als wenn man jetzt irgendwas aus ihrem Parteiprogramm angreifen würde, da hätten sie wieder eine Gegenmeinung, und das wird ja immer diskutiert. Das juckt die gar nicht. Aber wenn es so ans Eingemachte geht, da sind sie ganz schnell beleidigt. Wenn man sie als Menschen angreift, als verkommene Wesen. Nicht, was sie zur Wohnungsbaupolitik sagen, da schlagen sie ja sofort zurück, da kriegt man sie ja selten, aber auf dem Gebiet, da sind sie ganz pikiert.

Ich hab' also, es war so witzig, ich hab mal eine Mitternachtsspitzenszene gemacht, da war auch ein Unternehmensberater, der die Neuankömmlinge in den Alltag von Bonn einweist. Und da fällt kein Wort über Politik. Der erzählt nur: „soundsoviele Diäten gibt es, dann gibt es also die Pauschale, das ist ganz Euer Geld, und das könnt Ihr so anlegen...“ Der weist in die kleinen Privilegien ein. Und da haben wir... nein, es war im „Nachschlag“, glaub' ich. Da haben wir in so einem richtigen Kasten auf der Mattscheibe eingeblendet, welche Bezüge ein Abgeordneter bezieht und was ihm sonst noch so zur Verfügung steht. Vorher hab’ ich in der Pressestelle angerufen in Bonn und wollte diese ganzen Zahlen haben. Und da sagt die zu mir: „Wozu brauchen Sie das eigentlich?“ Die wollte mir diese Zahlen nicht geben! Ich sage „Wie, ich bin normaler Bürger, diese Zahlen sind offen, Demokratie, kann mich doch erkundigen ... ist doch kein Geheimnis.“ – „Nee Nee, möchte mal wissen, wozu Sie das wollen.“ Ja. Ich sollte ihr dann die Telefonnummer geben, dann ruft eine zurück – es war ein unheimliches Spiel da – und das haben wir im Fernsehen eingeblendet. Und da haben wirklich viele Leute geschrieben, ob das denn wirklich stimmt. Denn man kommt auf gut und gerne etwas über 40.000 Mark, was ein Abgeordneter kostet, mit seinen ganzen Vergünstigungen, wenn man das alles zusammenrechnet. Freiflüge und diese ganzen Sachen sind noch gar nicht dabei. Auch die IC-Karte, die sie alle umsonst haben, ist noch nicht dabei. Man kommt auf etwa 40.000 Mark. Mit Bürokosten und Büropauschale und was es da alles noch für Zeug gibt. Das haben wir eingeblendet, und dann haben wütend zwei Abgeordnete aus Aachen angerufen, daß das ja das Allerletzte wäre. Also, man könne sie politisch angreifen, aber jetzt sowas hier zu machen, das beunruhige die Bevölkerung nur, die haben einen Aufstand gemacht, haben sich richtig beschwert.

Im Ruhrgebiet hab ich's zweimal gespielt, Recklinghausen, da war an dieser Stelle der Applaus nicht besonders groß. Also da sind sie schon getroffen.

Empfinden es Ihre Bekannten, die Ihnen etwas erzählen, als Vertrauensbruch, wenn Sie deren Berichte verwenden? Oder sprechen Sie das mit denen ab?
Nein, das mache ich ja nicht. Kein Mensch weiß, wo das jetzt herstammt, und es ist ja nicht so, daß ich da dauern rumgehe und mir irgendwas anhöre und das dann sozusagen auf der Bühne petze. Das mache ich nicht. Die Kunst kann ja mehr leisten, als immer nur so' ne aktuelle Aufklärung. Wenn ich in einer guten Zeitung einen guten Artikel lese, dann bin ich ja viel besser informiert, als wenn ich einen Abend auf der Bühne anhöre. Und dafür ist auch die Bühne auch zu schade. Die Zuschauer sind eigentlich, wenn sie ins Theater oder ins Kabarett gehen, im Grunde nur an Menschen interessiert. Natürlich lachen sie auch, wenn man ihnen was anderes vorsetzt, über einen Herrn Möllemann oder sowas, aber das beweist noch nicht, daß sie eigentlich nicht an Menschen interessiert wären,

Man muß immer schauen, welcher Mensch sagt was und wie die auch leben. Das ist für mich wesentlich interessanter. Ein Politiker redet groß über Kindergärten oder über's soziale Jahr oder was weiß ich, über Schwangerschaftsmonate oder über Erziehungsgeld jetzt, oder was jetzt alles gemacht wird, und ist selber nicht in der Lage, seine eigenen Kinder richtig aufzuziehen oder er betrügt seine Frau. Herrn Kohl die ganze Schuld zu geben, ist ja die ganz leichte Nummer. Ich muß sagen, mir ist Herr Kohl manchmal lieber als viele andere, die ihn kritisieren, weil ich weiß, wie die leben. Was für ein menschliches Desaster sie hinterlassen durch die ewigen Betrügereien und diese Geschichten.

Und dann wundert man sich immer, wenn – bei dem Jugoslawien-Konflikt, da tritt das ganz deutlich hervor, da schreien alle, wo sind denn die Friedensstrategien. Ja, sie sind eben deshalb nicht da, weil die meisten Leute selber schon sowas von korrupt sind, daß es eben keine Friedensstrategien geben kann. Wenn ein Herr Genscher jahrelang einfach 'ne Geliebte mit sich rumzieht, aber verheiratet ist, das hat eben Auswirkungen auf seine Politik und sein ganzes Denken. Ich weiß das alles, das stimmt alles. Ich weiß ganz genau, daß er eine gewisse Unbescholtenheit und eine gewisse Rigorosität im Denken und eine Ehrlichkeit gar nicht mehr haben kann. Wenn es plötzlich zu so 'nem Konflikt kommt, merkst Du eigentlich, daß niemand ja groß vorher drüber nachgedacht hat, obwohl sie also dauernd mit diesen Leuten zusammen waren. Genscher und alle fliegen immer hin und her und treffen sich mit den ganzen Jugoslawien-Leuten, früher schon, und wenn es zu einem Konflikt kommt, sind sie die Hilflosesten. Dann kommt gleich der Schrei nach Gewalt, dann muß gleich militärisch eingegriffen werden. Also wieder die ganz leichte Lösung.

Warum alle dann so hilflos sind: Je korrupter eine Gesellschaft ist, umso unfähiger ist sie, irgendwelche Probleme zu lösen, und das ist nur ein Beispiel. Wenn einer nicht mehr in der Lage ist, solche Begriffe wie Treue oder sowas überhaupt noch ernst zu nehmen, ja, dann wird das einen Einfluß haben auf alles andere, was er sonst auch macht.

Das ist ein sehr rigoroser moralischer Standpunkt. Es gab ja kürzlich diesen britischen Minister, dem man auch auf seine Geliebte gekommen ist, und der konnte bleiben. Normalerweise trennt man ja, was die Leute in ihrem Privatleben treiben, solange sie eine gute Arbeit leisten.
Jaja, aber ... so einfach ist die Sache nicht. Natürlich hat auch jeder ein Recht auf sein Privatleben, es ist mir auch egal. Aber es ist einfach nicht von der Hand zu weisen, daß dadurch eigentlich die größten menschlichen Katastrophen passieren. Das muß man sich ja überlegen. In dem Sinn bin ich da schon ein Moralist. Und ich weiß auch, daß es nie gutgegangen ist, weiß, daß durch solche Sachen einfach Menschen zerstört werden. Und sowas will ich nie gutheißen. Ich bin da wirklich ein ziemlicher Moralist, weil ich dann sage, na gut, ich will ja nur eine Konsequenz haben, wenn einer sagt, ich kann nicht mit einer Frau die ganze Zeit leben, gut, dann geht's eben nicht, dann muß er eben alleine leben oder mit wechselnden Freundinnen. Das hat im Leben eben 'ne Konsequenz. Das kann ein sehr einsames Leben werden. Aber immer diese Rückzugsgefechte, die sich alle offenlassen, also hier 'ne Familie und Kinder und hier 'ne Frau, aber trotzdem muß das andere auch noch laufen, ja? Das ist eben eine Unentschiedenheit, die ich nicht ausstehen kann. Das ist eine absolute Doppelmoral. Und da ist, wenn man genau hinschaut, eigentlich immer Elend im Spiel, irgendeiner zahlt immer furchtbar drauf bei diesen Geschichten. Es rentiert sich nie im Grunde. Keiner ist damit glücklich.

Das ist ja nichts anderes als so 'ne Art Korruptheit, wie auch eben bei Politikern. Sie sind eigentlich mit Volksgeldern gewählt und sollen mit diesen Volksgeldern für das Wohl des deutschen Volkes, wie es so schön heißt, tätig sein – und sie sind's eigentlich für sich. Auch diese Doppelmoral. So'n Staat, wie wir ihn haben : man geht davon aus, 10% bescheißen immer, und das verkraftet auch so 'ne Gesellschaft, wenn's aber so 70% werden, dann kracht die Sache.

Für den Reichen sind zehntausend Mark nix und für den Armen ist's unheimlich viel Geld. Ich denke schon, daß man so 'ne Diskussion wieder führen muß, und ich führ' sie auch. Allein aus meinem Bekanntenkreis kenne ich viele, die in Amt und Würden sind und die auch hohe Ämter bei Rundfunkanstalten einnehmen. Ich konnte feststellen: Je unmoralischer sich diese im persönlichen Leben aufgeführt haben, umso schlechter wurde auch ihre Arbeit. Weil Sie auch vorher gesagt haben: „Gut, es wird ja kein Problem sein, wenn der 'ne ganz tolle Arbeit macht, dann kann er meinetwegen noch drei Freundinnen haben, dann ist das seine Privatangelegenheit.“ Ich glaube nicht, daß es so stimmt. Ich kann immer – „immer“ will ich jetzt nicht sagen, aber in den meisten Fällen – feststellen, daß das einhergeht, daß die Sendungen schlechter geworden sind, rede ich jetzt mal aus dem Medienbereich, sie sind wurstiger geworden, weil eben parallel eine Einstellung lief, die überschwappte in die Arbeit. Ich will da keine Namen nennen, aber es sind Leute, die ganz oben sind, und so, wie ich das immer parallel verfolgen konnte, hat das immer eine Auswirkung drauf. Da kommt dann noch 'ne ordentliche Portion Zynismus dazu, das sammelt sich dann langsam, bis hin zu: „Was sollen die blöden Zuschauer!“ Also 'ne Abgrenzung gegenüber den Leuten, die man bedient, weil man seine Arbeit nicht mehr liebt. Das würd' ich auch für die Politiker gelten lassen.

Ich glaube nicht unbedingt, daß dieser englische Minister, wenn er sowas macht, unbedingt 'ne ganz tolle Politik macht. Könnte sein, ich kenne jetzt den Fall nicht, aber ich neige dazu, da etwas skeptischer zu sein.

Und wie ist die Moralgeschichte jetzt mit der Liebe verzahnt?
Der Herr Camphausen in „Finish“ stellt sich irgendwann mal selbst die Frage, ob er eigentlich noch in der Lage ist, 'nen Menschen zu lieben. Und das wäre ja das Furchtbarste, wenn nicht. Wenn Sie das feststellen, sind Sie ja... sind Sie tot. Und davor hat er eine unheimliche Angst. Ob er sich überhaupt noch für jemanden interessiert, als nur für sich.

Ich habe gerade hier im Fernsehen, bevor Sie kamen, einen Interview-Ausschnitt vom dem ehemaligen DDR-Dichter Strittmatter hier gehört, da ist es mir eiskalt den Rücken runtergelaufen. Der sagte gerade, es sei eine Art stillschweigende Übereinkunft mit seiner Frau gewesen, daß er sich um die Kinder nicht kümmert, das alles nicht macht, mit dem Haushalt nichts zu tun hat, sondern nur schreibt. Eine ganz traurige Szene, und da sagte er, seine Kinder besuchen ihn bis heute nicht, fragen ihn auch nix, wenden sich auch immer nur an die Mutter. Da frage ich mich, wie hat der denn die ganze Zeit gelebt, warum hatte er dann die Kinder? Also sowas widersprüchliches habe ich selten gesehen. Nun kenne ich nicht unbedingt die Texte von ihm, er sagt, sein großes Vorbild wäre Brecht gewesen, der ging, wann er wollte, Frauen verlassen, wann er wollte, ging nur seinen Weg. Ja. dementsprechend sind die Texte von Brecht auch. Ist einer der größten Frauenhasser, er hat alle Frauen schlecht behandelt, deshalb hatte ich auch gegen Brecht irgendwie immer große Vorbehalte. Natürlich auch ein verdienter Kollege, guter Dichter, gibt's gar nichts, gibt ein paar gute Stücke von ihm, aber diese Unmenschlichkeit, die er drin hat ... Und auch dieses männlich-kindische, wie sie sich das vorgestellt haben auf den Kanonen... Huren und so diese Kinderkramzeug, wie sie sich dann Erotik vorgestellt haben, das hat mir nie gefallen, weil er zu einer eigentlichen Erotik und zu einer Liebe mit einer Frau überhaupt nicht in der Lage war. Das sind diese absoluten Egomanen und Egoisten. Und die Frau von Strittmatter selber hat gesagt, ja, das wär nie ein Problem gewesen. Da sitzt also eine völlig verhärmte Frau, wo Du genau weißt, daß es für sie doch ein großes Problem war. Ich kann ich mir gar nicht vorstellen, ob er sie überhaupt lieben kann. Wenn er sich da vollkommen abkoppelt: was macht er dann mit der Frau?

Und diese Frage stellt sich auch Camphausen: Ist er schon so kaputt, daß er sich für überhaupt keinen mehr interessiert. Und Sie das feststellen, dann sind Sie am Ende, und das ist in unsrer Gesellschaft ein ganz großes Problem. Nicht, daß Sie mich falsch verstehen: Ich bin allen Genüssen in meinem Leben immer aufgeschlossen gewesen. Ich bin jetzt keiner, der nicht gerne mit meiner Frau ins Bett geht oder sowas. Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Nur, ich halte das andere ja eher für eine sehr spießige Geschichte, immer diese Nebenverhältnisse zu haben, eigentlich ist es spießiger als das andere, weil da wenig Freiheit rausschaut. Es stimmt ja nicht: Die sexuelle Freiheit, die sich manche Leute vorstellen, die findet ja nicht statt. Weil es eigentlich immer im Desaster endet. Und das ist der Gegenstand, der mich interessiert, wenn ich mich an die Schreibmaschine setze.

(August 1992)