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Internationale Funkausstellung Berlin 1995

IM ENTERTAINMENT-SCHLARAFFENLAND

Versuch über die Funkausstellung

Schwer zu beschreiben, was das eigentlich ist, die „Internationale Funkausstellung Berlin“. Der englische Untertitel sagt es am treffendsten: „World of Consumer Electronics“. Und zu dieser Welt gehört viel mehr als nur die Hardware, also Stereoanlagen, Fernseher, Lautsprecher, Autoradios noch und nöcher. Obwohl die Unterhaltungselektronik sozusagen das Fleisch ist, die Masse, die kaum zu überblickenden Mengen von geräuschemittierenden Gerätschaften. 758 Aussteller-Firmen von A.R.E.S. aus Kiel bis Zehnder aus Tennenbronn zeigen, was sie im Programm haben. Und da man Audio-Produkten ihre besondere Qualität weniger ansieht als anhört, sehen die Exponate ziemlich gleich aus. Wegen der Stereoanlagen muß man nicht zur Funkausstellung. Eher schon, wenn man sich für Messearchitektur interessiert. Die größeren Hersteller, die es sich leisten können, haben in den ca. 30 Hallen Stände bauen lassen, die allein „Stände“ zu nennen grob untertrieben ist. Es sind eher Paläste, ausladende und repräsentative Instant-Architekturen, mehretagig, Chrom und Stahl, Treppen und Teppichboden, Holz und Polstermöbel, Sitzgruppen und VIP-Lounges. Hifi-Tempel: dekonstruktivistisch Gekipptes bei Grundig, High-Tech-Ästhetik bei Loewe, ein Mini-Multiplex bei Sony.

Sogar eine Freundin (eine angehende Kunstpädagogin) war beeindruckt: man vergäße ganz, daß man sich in Messehallen befände. Aber wo dann?

Im Entertainment-Schlaraffenland! Denn, wie gesagt, die Technik dient nur dazu, den gebührenden Abstand zwischen den Software-Anbietern zu füllen. Alle sind sie da, die privaten und öffentlich-rechtlichen Programmanbieter, vom Deutschlandradio mit einem an Zeltmission erinnernden Mobil-Studio bis zu den kapitalkräftigen Privaten, die sich gegenseitig mit knöcheltiefen Teppichböden und gediegenen Einrichtungen zu übertrumpfen versuchen. 26 Fernsehstationen und 18 Radiosender, und alle senden live von der IFA. Jürgen Fliege und Max Schauzer auf der großen öffentlich-rechtlichen Bühne im Sommergarten, während Arabella Kiesbauer in Halle 13 Männer in Frauenkleidern interviewt. Bei RTL läuft eine Sportshow mit Michael Schumacher und Henry Maske, bei N-TV kämpft Talkmaster Schweizer mit den Tücken der Technik und Jermaine Jackson, und beim Regionalfernsehsender 1A, gleich neben dem Zelt des Bundespresseamtes, sehen die Moderatoren aus, als wollten sie gleich den ganzen Kram hinschmeißen. Kein Wunder, sie haben gemeinsam mit dem Berliner Lokal-Radiosender r.s.2 und der Bundesregierung ein Preisausschreiben veranstaltet – Hauptpreis: eine Reise nach Bonn, zum Kaffeetrinken mit Hannelore Kohl.

Bei den lokalen Radiostationen geben sogar die Praktikanten der treuen Fangemeinde Autogramme, und bei „Fritz“, dem Jugendsender des ORB, treten zweimal am Tag bekannte und beliebte Pop-Bands auf. SAT1 trumpft mit dem Sympathieträger des deutschen Fernsehens auf, Kommissar Rex, nur dessen Partner Tobias Moretti mault, weil der Hund und nicht Moretti einen eigenen Ruheraum hat. Der Sender ließ übrigens verlauten, daß Reginald von Rabenhorst, so Rex’ bürgerlicher Name, im wirklichen Leben „ein ganz normale Schäferhund geblieben“ sei.

Entertainment-Schlaraffenland. Denn all das und noch viel mehr läßt sich vom normalen Fernsehzuschauer hautnah und live verfolgen, ersatzweise über zahlreiche Großbildschirme, selten war der Abstand zwischen der ... naja: Wirklichkeit und ihrer Abbildung so gering. Und bei näherer Betrachtung der Schaulustigen wird klar, daß der Bildschirm auch hier die größere Anziehungskraft besitzt.

Überhaupt, die Schaulustigen, die Fernsehzuschauer in der Funkausstellungs-Sommerfrische, die Couchpotatos beim Freigang: Wir Schreiberlinge neigen bekanntlich dazu, die wirklichen Menschen gering zu schätzen, aber angesichts der TV-Deutschen und ihrer Hardware-Dealer muß man zu dem Schluß kommen, daß sich der Einfluß von Fernsehprogrammen negativ auf Erscheinungsbild und Sozialverhalten auswirkt, soviele Menschen, denen offensichtlich vollkommen egal ist, wie sie aussehen, die sich scheuklappig und bierbäuchig durch Menschenmengen zwängen, bedruckte Plastiktüten von Geräteherstellern und Programmanbietern genauso horten wie absolut wertloses Prospektmaterial und nur eins wollen – immer mehr, aber auf jeden Fall umsonst – diese Menschen haben gar kein besseres Programm verdient. Sagen wir jetzt mal so, und wissen ganz genau, daß sie auch gar kein anderes Programm haben wollen. Tschuldigung.

Und jetzt haben wir schon mehr geschrieben als der Redakteur bestellt hat und haben weder Datenautobahn noch interaktive Dienste erwähnt, nicht DBS erklärt, kein Wort über die „nahezu vollständig“ zu entsorgenden Fernseher von Loewe, den neuen „Plasmatron“-Bildschirm von Sony oder das 3D-Fernsehen von Sanyo verloren, haben nicht von unseren Erlebnissen mit Dolby Surround fürs Heimkino berichtet und die neuen Fernsehsender TM3 und VH1 glatt verschwiegen. Sorry, vielleicht bei der IFA 1997, dann aber täglich, in „Ultimo Online“.

(August 1995)


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