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DIE SCHÖNEN DINGE

Geschenke sind ein bißchen wie Grabstätten; der Beschenkte soll an den Schenker denken, wann immer er der Gabe ansichtig wird, er sie abstauben muß oder zu Seite stellen, weil sie im Weg steht. So wie Hinterbliebene gelegentlich an Gräbern stehen, um Vergrabenen an bestimmten festgelegten Tagen zu gedenken.

Manchen Menschen ist unbehaglich beim Gedanken an die Gedenkstätte, unter sie einst zerfallen sollen. Sie ziehen es vor, ihre Asche im Meer versenken zu lassen oder geben viel Geld aus, damit ihre Überreste aus einem Flugzeug möglichst hoch in der Atmosphäre ausgestreut werden.

Wie es bestimmte Termine gibt, an denen wir unsere Toten würdigen, gibt es auch Tage, an denen wir schenken – und uns beschenken lassen. Immerhin haben wir das Weihnachtsfest gerade hinter uns, schlaflose Nächte mit der Frage nach den Wünschen unserer Lieben, die ja sowieso alles haben, verbracht.

Auch zu Hochzeiten wird geschenkt was das Zeug hält. Das hatte in einer anderen Zeit bestimmt Sinn, wo Brautleute mit drei Papptellern, einem Senfglas und zwei Pommes-Frites-Gäbelchen ihren Hausstand gründeten. Heute gibt's für 49,95 das Ikea-Starterset mit allen beweglichen Dingen, die man braucht, um mit dem eigenen Nest Ernst zu machen, und das hat sich das junge Paar schon vor Jahren zugelegt, als es zusammenzog. Schwere Zeiten für wenig betuchte Schenkungswillige, die, wenn sie könnten, Kühlschränke mit Eiswürfelautomaten, professionelle Espressomaschinen oder vollautomatische Geschirrspüler mit Einräumautomatik verschenkten. Andererseits wäre das auch ein bißchen protzig, nicht wahr? Und lästig: „Diesen tollen Wäschetrockner haben wir von X zur Hochzeit gekriegt, er funktioniert zwar nicht, aber es ist eine schöne Erinnerung.“ Blumenvasen und Kerzenständer gehören auch zu den Grabstein-Geschenken, sie schreien immer „Mich habt ihr von Y bekommen, ich bin zwar häßlich und unnütz, aber haltet mich in Ehren!“

Nein, Hochzeitsgeschenke sollen sein wie eine Luftbestattung, sie sollen sich im Universum des Heimes verteilen und nicht weiter auffallen. Kleine Dinge. Schöne Dinge. Und wenn sie nützlich oder schmackhaft sind, unterhaltsam oder gar bereichernd – umso besser!

Dies soll eine kleine Kollektion schöner Dinge sein, billiger Kostbarkeiten, Seelennahrung, ohne Anspruch auf Verbindlichkeit oder Vollständigkeit. Sie sind alle bewährt und geprüft, Geschmacksache auch und vollkommen subjektiv ausgewählt, ohne Rücksicht auf Gemeinsamkeiten, außer der, daß sie alle dazu geeignet sind, einem als kleine Haltegriffe im Alltag zu dienen. Man kann ohne sie auskommen, aber sie zu kennen, spendet Trost, insbesondere, wenn es seit Tagen nicht zu nieseln aufgehört hat, im Fernsehen nichts als Talkshows oder Sportübertragungen zu sehen sind, wenn die Bahn Verspätung hat und der Bus überhaupt nicht kommt. Wenn man seit Monaten nicht mehr durchgeschlafen hat, weil dem Kind die ersten Zähne kommen. Oder sich die Frau vernachlässigt fühlt, weil der Mann ja den ganzen Tag „auf Arbeit“ ist und sie zuhause die erste Erziehungsphase alleine managen muß. Oder der Mann sich als Fremder im eigenen Heim fühlt, angesichts des engen Mutter-Kind-Verhältnisses.

Und auch, wenn alles in der Ordnung ist, die Zähnchen endlich durchgebrochen und die junge Kleinfamilie müde und glücklich vom ersten gemeinsamen Ausflug zurückgekehrt ist, tragen schöne Dinge erheblich zum allgemeinen Wohlbefinden bei.

Balsamico

Er kommt aus Modena zu uns und gehört zu den entbehrlichsten Dingen, die in modernen Küchen zu finden sind. Zwar umgibt ihn die Aura des Extravaganten, was daran liegt, daß er früher tatsächlich fast unbezahlbar und deshalb nur einem kleinen Kreis begüterter Gourmets bekannt war, aber heute wird er industriell hergestellt und ist daher auch für uns erschwinglich.

Dieser gehört zur preiswertesten Qualität, er hat nur zwei Jahre in alten Holzfässern vor sich hin gedümpelt, im Gegensatz zu seinen kostspieligen Verwandten, die manchmal ein halbes Menschenleben in mysteriösen Kellern verbringen, bevor sie auf mundgeblasene Flaschen gezogen werden. Aber auch dieser vermag aus ordinären Tomaten eine kleine Delikatesse zu machen. Er adelt die Vinaigrette zu grünen und bunten Salaten, man kann mit ihm dekorative Schlieren in allerlei Cremesuppen ziehen, sogar pur schmeckt er – teelöffelweise – höchst delikat. Naja, wahrscheinlich Geschmacksache, letzteres.

Bleistift

„Lange sinnend meinen Bleistift betrachtet. Welch tragisches Werkzeug! Um an seine Seele zu kommen, beschneidet man ihm den Körper: Der Dichter ist der Satan der Bleistifte; ihre Angst vor der Hölle meint den Papierkorb; in ihm verströmen die Graphitseelen auf zerknitterten Bogen seufzend das hingehauchte Leben.“ So ist es in den „Aufzeichnungen des Pudels Ali“ zu lesen. Tatsächlich haben Bleistifte eine fatale Bestimmung. Von Kugelschreibern und Filzstiften bleiben wenigstens leere Hüllen, vom Bleistift dagegen bleibt nichts, außer ein paar Spänen und eben dem Geschriebenen. Aber kein Schreibgerät – außer einer kostbaren Feder vielleicht – bereitet während des Gebrauchs einen derart sinnlichen Genuß als ein schön gespitzter, nicht zu harter Bleistift auf nicht zu glattem Papier. Sein Strich gibt Aufschluß über die Befindlichkeit des Schreibenden, und wenn alles Unsinn war, kann man wenigstens radieren – mit einem nicht zu harten, weißen Gummi.

Campari-Soda

Warme Sommer ohne diese köstliche Erfrischung sind eigentlich undenkbar. Man kann ihn schon am Nachmittag trinken, ohne Gefahr zu laufen, von weniger sinnenfreudigen Zeitgenossen als Alki eingeschätzt zu werden. Er schmeckt auch in homöopathischen Mischungsverhältnissen – und wenn man ihn selbst macht (was die Regel ist) empfiehlt es sich, kein teures Soda-Wasser zu besorgen, sondern Mineralwasser mit viel Kohlensäure zu verwenden.
Selbst wenn man jeglicher Berauschung abhold ist, machen sich die kleinen putzigen Fläschchen doch hübsch im Küchenregal. Auch im Winter.

Der lange Abschied

Es ist nicht nötig, ein Verehrer von Kriminalromanen zu sein, um Raymond Chandler zu lieben. Man muß nicht mal zu den begeisterten Leseratten gehören, die wöchentlich mindestens drei Bücher hinter sich bringen müssen. Es spielt auch keine Rolle, ob Chandlers Bücher nur Unterhaltung oder schon Literatur sind (obwohl anerkannte Bücherbeurteiler an letzerem eigentlich keinen Zweifel mehr lassen). Unser Kanzler sagte einmal, daß es allein wichtig sei, was hinten herauskomme, womit er zweifellos recht hat. Bei Chandler kommt hinten einiges heraus. Ohne jetzt mit Literaturkritik langweilen zu wollen, muß doch die atmosphärische Dichte, die genaue Milieuschilderung und die sprachliche Virtuosität erwähnt werden, bevor wir erläutern wollen, was für uns bei Chandler hinten herauskommt.

Sehr verkürzt gesagt, ist es wohl die Mischung aus Resignation und Trotz, die seine Bücher auszeichnen. Der staubige Detektiv Philip Marlowe, der ein staubiges Büro hat, in einer staubigen Stadt lebt, beruflich in den lackierten Milieus verkehren muß und eigentlich die letzten Ambitionen angesichts seiner wirtschaftlichen und persönlichen Misere verloren haben sollte, schwärmt immer noch für altmodische Ideale von Aufrichtigkeit und Redlichkeit. Er gerät immer wieder in Situationen, die sein normales graues Leben durchaus komfortabel wirken lassen.

Wir Leser können Marlowe begleiten, ohne Risiken einzugehen – wie das bei Romanen eben so ist –, können genüßlich dem pessimistischen Welttheater Chandlers folgen, ohne sie für uns einlösen zu müssen, aber die Silberstreife, die Möglichkeiten von Freundschaften, die einzelnen beglückenden Momente genießen wir so, als erlebten wir sie selbst.

„Der lange Abschied“ handelt von der Loyalität Marlowes zu einem Mann, den er betrunken auf einem Parkplatz aufgelesen hat. Dieser Mann ist in Schwierigkeiten, er engagiert den Detektiv, ihm zu helfen und gibt ihn einen Vorschuß: Ein „Madison-Portrait“, also eine $ 5.000-Note, was damals viel Geld war. Das ist für Marlowe der Vorwand, nicht eher Ruhe zu geben, bis das Rätsel um diesen Mann restlos gelöst ist. Eigentlich nicht nötig, noch extra zu erwähnen, daß es sich auch um ein spannendes, erbauliches und auf sarkastische Weise heiteres Buch handelt. Wenn übrigens ein Cocktail namens „Gimlet“ beschrieben wird und dabei die Zutat „Bitterbier“ auftaucht, ist das nicht den merkwürdigen Trinksitten der anglophilen Amerikaner zuzuschreiben, sondern dem Unvermögen des Übersetzers. Hans Wollschläger gehört offenbar nicht zu den Cocktailtrinkern und kennt Angostura nicht, ein gebräuchliches Cocktail-Additiv, das in Gimlets nichts zu suchen hat.

Parole d'amore scritta a macchina

Das ist natürlich auch Hintergrundmusik, gedämpfte Stimmung am Abend oder in der Nacht. Brennende Kerzen vor verregneten Fenstern. Oder Eiswürfelgeklirre in einer lauen Sommernacht: der Mann am Flügel singt zwischen seinen Drinks melancholische Lieder von Liebe, Welt und Gesellschaft, die eigentlich nichts wollen, als seinem Unverständnis Ausdruck verleihen. Gelegentlich tritt ein Saxophonist dazu, sie verständigen sich mit den Augen. Und am Ende, wenn sich der Morgen mit einem rosigen Schimmer am Himmel ankündigt, hat sich eine kleine Band um den Mann am Klavier versammelt, die eine Art Jazz spielt, die herrlich altmodisch und doch ganz zeitgemäß klingt.

Die Schweizer

Corto Maltese, der Kapitän ohne Schiff, der geheimnisvolle Abenteurer, der romantische Vagabund, reist in der Welt umher, ohne erkennbares Ziel, obwohl er zweifellos auf der Suche ist. Wonach, wissen weder er noch sein Schöpfer, Hugo Pratt, der Träumereien, mythologischen Firlefanz und martinitrockenen Humor zu einer beglückenden Melange verquickt, etwa auf seiner Reise in die Schweiz. „Die Schweizer“ handelt allerdings weniger von Land & Leuten, sondern von einem Traum, in dem unter anderem Klingsor (in Variationen), King Kong, der leibhaftige Tod, der heilige Gral, die Ritter der Tafelrunde, Hermann Hesse und allerlei anderer Irrsinn vorkommen.

Comics sind natürlich eine ganz spezielle Sache, vermutlich braucht man einige Routine, um die spezifische Bildersprache und die obligatorischen Chiffren würdigen zu können. Trotzdem: „Die Schweizer“ darf in keinem Haushalt fehlen!

Silvertone

Ob man Country & Western-Musik mag oder nicht: fest steht jedenfalls, daß die Trucker- und Cowboy-Klänge nicht nur in reaktionären weißen Kreisen gehört werden, sondern daß sie weit über die Grenzen von Texas und Tennessee Einfluß genommen haben. Außerdem täte man Chris Isaac sicher Unrecht, bezeichnete man ihn als Country & Western-Sänger. Bestimmt ist er von den Gesängen der Präries und Highways beeinflußt, aber er hat die kitschige Traurigkeit, die stets präsente Sehnsucht jener Musik auf die Spitze getrieben und daraus die womöglich tristeste Variante einer Großstadtmusik unserer Zeit destilliert. Ein eitler und selbstmitleidiger Mann mit silberbeschlagenen Stiefeln heult den Mond an und läßt sich von einer sedierten Rock'n Roll-Band begleiten. Gemütliches Gejammer für ruhige Stunden.

Pop Pop

Rickie Lee Jones ist ja sowieso toll. Auch wenn sie zwischendurch in so eine Elfenbeinturm-Künstlichkeit abgerutscht schien, mit rätselhaften Stücken voller artifizeller Schwermut und gelegentlich auch anmaßender Künstlichkeit. Aber mit der Zeit gewann die Musik, manchmal erst nach Jahren, wie das letzte Album „Flying Cowboys“, das sich als eines der schönsten der 80er herausgestellt hat. Bei der EP „Girl At Her Volcano“ war die Qualität schon nach dem ersten Hören offensichtlich. Sie enthielt Standards, „Under The Boardwalk“ und „My Funny Valentine“, „Hey Bub“ und „Walk Away Rene“. Stücke, die in kleiner Besetzung zum Teil live aufgenommen waren und eigenwillige Interpretationen von Schlagern aus verschiedenen Pop-Epochen darstellten. „Pop Pop“ sieht aus wie der direkte Nachfolger, auch wenn acht Jahre dazwischenliegen. Aufgemacht wie ein Päckchen Knallerbsen, gerüchtehalber als Anti-Pop gemeint, unverstärkt instrumentiert und besetzt mit unter anderem Charlie Haden am Bass und Dino Saluzzi, dem Bandoneon-Spieler, der gezeigt hat, daß Tango erst jenseits von Kitsch und Astor Piazolla wirklich beginnt. Robben Ford spielt nicht einfach Gitarre, sondern ausdrücklich „Acoustic Nylon Strings“! Joe Hendersons Saxophon klingt nach Tom Waits in den 70ern!

Jazz? Bestimmt nicht. Noch weniger als Pop. Vielleicht die vollkommen egomanische Sammlung einiger der schönsten Lieder aus siebzig Jahren Unterhaltungsindustrie. Von Tin Pan Alley („Bye Bye Black Bird“) über Peter Pan („I Won't Grow Up“), Billie Holiday („I'll be seeing you“), Sinatra („My One And Only Love“), Hendrix („Up From The Skies“), Jefferson Airplane (Comin'Back to me“) zu reinem Schlager („Hi-Lili Hi-Lo“). Meistens Low-Tempo, aber nur manchmal schwermütig, oft verhalten, gelegentlich heiter mit Doo-Wap-Backgrounds. Immer perfekt gesungen und gespielt. Und nie modisch – wirklich das Gegenteil von Pop. Die Platte fürs Leben.

Knoblauch

Es gibt ein Märchen, in dem ein König vorkommt, der von seinen verschiedenen Kindern die herrlichsten Dinge verlangt hatte, die es auf der Welt gibt. Wem das Schönste, Beste, Kostbarste einfiele und dies dem König brächte, sollte das Königreich erben. Die jüngste Tochter fand, daß Kochsalz alle Voraussetzungen erfüllt. Sie brachte ihrem Vater ein Schälchen davon und hatte zunächst wenig Erfolg. Später, nach einer salzlosen Zeit, besann sich der Monarch und machte die Tochter, die vermutlich zwischendurch auch ihrem Prinzen begegnet war, seinen Thron. Was das mit Knoblauch zu tun hat? Nun, Knoblauch gehört zu den schönen Dingen, ist also entbehrlich, im Gegensatz zu Salz. Aber Knoblauch ist auch eine ziemlich unscheinbare Küchensache, in unseren Breiten jedenfalls und falls nicht jemand anders stark danach riecht. Knoblauch ist gesund. Es hilft, Erkältungen vorzubeugen, vermindert die Herzinfarktgefahr und bewahrt seine Fans vor leichtfertigen Bekanntschaften. Aber was das Wichtigste ist: Knoblauch sieht gut aus, geradezu majestätisch, gehüllt in weiße Seide, kompakt und doch elegant. Und Knoblauch schmeckt. Man kann damit sogar Fertiggerichten eine gewisse Raffinesse verleihen und – sparsam gebraucht – beinahe jeder Speise (außer Vanillepudding vielleicht) einen Schubs in Richtung Vollkommenheit geben. Ein paar Schnitze Knoblauch zum Balsamico auf der Tomate lassen den goldenen Apfel der Italiener zum Prinzen der Gemüse werden.

Marabu-Schokolade

Der Klassiker unter den Süßigkeiten, für diejenigen jedenfalls, die sich nicht von teuern Werbespots, edel aufgemachten Verpackungen oder abwegigen Zutaten (Trauben, Nuß, Marzipan etc.) blenden lassen. Darüber hinaus läßt Marabu seinen Kunden auch die Wahl zwischen der recht vielseitigen Tafel, mit der man immerhin Tischwackeln beheben und architektonische Modelle fertigen kann, und der praktischen Rolle, der vollkommenen dreidimensionalen Entsprechung jenes skandinavischen Hochgenusses.

Olivenöl

Ausgewiesene Profi-Esser wie Wolfram Siebeck (oder war's Uecker?) bekennen, daß sie längst den Überblick über die Olivenöl-Szene verloren haben. Selbst vorgeblich verläßliche Angaben wie „Extra Vergine“ oder „kaltgepreßt“ haben ihre Verläßlichkeit im Wettbewerb der Etikettenschwindler eingebüßt. Fest steht allein, daß man für Öl von bester Qualität viel Geld ausgeben muß. Die allerbeste Qualität besteht aus Öl, das nichtmal aus der ersten Pressung stammt, sondern aus gar keiner. Es wird aufgefangen, bevor die Oliven mechanisch ihres Saftes beraubt werden, während sie nur durch ihr Eigengewicht die kostrbaren Tropfen absondern. Aber niemand weiß, wo man ihn kaufen kann. Uecker (oder Siebeck?) gibt jedenfalls zu, daß er das Öl nach dem Aussehen der Flaschen auswählt: wenn der Inhalt nichts taugt, hat man immerhin eine ansprechende Dekoration für die Vorratsregale. Wir können uns solche Experimente nicht leisten und setzen deshalb aufs Bewährte: Solide Ware, vermutlich im Eigenimport von italophilen Feinkost-Freaks über die Grenzen geschafft und im Laden in formschöne Bügelflaschen abgefüllt. Was will man mehr? Zusammen mit Butter gibt's nichts Besseres zum Anbraten, zu Salaten ist die Qualität durchaus ausreichend und besagte Tomate wird sich vor Freude kugeln, wenn sich zu Balsamico und Knofel-Schnitz auch ein Tröpfchen Olivenöl gesellt.

Salami

Ach ja, diese Italiener... Sie kennen sich nicht nur mit Wein, Essig und Öl aus, auch die Produkte der dortigen fleischverarbeitenden Industrie suchen auf dieser Welt ihresgleichen. OK, auch französische Bergsalami ermöglicht beachtliche Genußerlebnisse. Aber für kleine Verbrauchergemeinschaften (wie junge Familien) lohnt sich der Erwerb eines ganzen Ringes kaum. Und nur „ein Stück“ kann niemals den Eindruck eines Ganzen machen. „Gran Cacciatore“ dagegen ist klein und ganz, von keines Wurstverkäufers Messer verstümmelt, sondern komplett. Makellos, weiß bepudert, mit Plombe und Bauchbinde versehen wirkt sie fast wie eine edle Zigarre, nur daß sie viel besser schmeckt. Kein Esel wurde für diese Wurst geopfert, ganz und gar aus „puro Suino“ besteht sie und hat genau die richtige Beschaffenheit: sie überläßt den Totschlägercharakter gewissen westfälischer Mettwürsten und die fast obszöne Weichheit jenen billigen Imitaten, die in den SB-Regalen der Supermärkte zu finden sind.

Not Particularly Silly

Aus Nürnberg, wo die Franken ihre Metropole haben, und die deutsche Spielwarenindustrie, aber auch die Brauereiwirtschaft und die Jagd- und Sportwaffenhersteller Messen abhalten, kommt ein Pop-Sextett, das vor 5 Jahren als verspielte Infantilen-Combo angefangen hat, inzwischen mit 2 LPs zu kleinem Ruhm gekommen ist und letztes Jahr einen Industrie-Deal mit der EMI abschließen konnte: „Throw That Beat In The Garbagecan“. Kniffelige Vokal-Arrangements, Sorgfalt bei der Instrumentenbedienung, relativ kompliziert konstruierte Songs und der Willen zu (für Toy-Music unbotmäßiger) Härte deutet auf eine gewisse Ernsthaftigkeit, was eine wohltemperierte Naivität nicht ausschließt. Was noch wichtiger ist: Selten hat es mehr Spaß gemacht, junge Leute musizieren zu hören, die vermutlich nicht viel mehr wollen, als den Soundtrack zur Dr.-Sommer-Seiten in der „Bravo“ liefern.

Schweizer Geschichten

Diese „Schweizer Geschichten“ sind tatsächlich welche, 13 Stück insgesamt, und jede behandelt einen Kanton. Ein Ballonfahrer, der Dichter und eine dicke Frau bereisen die Schweiz ähnlich wie weiland der kleine Nils Holgerson Schweden. Wie der Gänsereiter das Land vor allem über erlauschte Geschichten kennenlernt, erschließt auch Widmer die Schweiz indirekt, versucht, typische Stimmungen in kleine Phantasien zu fassen. So gibt das Buch weder Auskunft noch beschreibt es die Schweiz, sondern, wie Urs Widmer schreibt, seine Schweiz, so daß die Qualität der Geschichten nichts mit der ihres Gegenstands zu tun hat.

Wollte man eine vollständige Liste der schönen Dinge erstellen, würde man wahrscheinlich früher oder später verzweifeln. Es kommt so sehr auf die jeweilige Stimmung an, auf die äußeren Umstände und sonstige Widrigkeiten, daß diese Liste mindestens jeden zweiten Tag einer gründliche Revidierung bedürfte. Wozu die Mühe? Die schönen Dinge gehören einem ganz allein, es passiert nur selten, daß man andere an ihnen teilhaben lassen kann. Und umgekehrt: was kümmern uns die Privat-Macken anderer Leute?

Aber es hat es uns viel Spaß gemacht, diese wenigen Kleinigkeiten auszuwählen, zu besorgen, Tonträger zusammenzustellen, zu überlegen, ob etwas Wichtiges fehlen könnte oder ob man vielleicht irgendwie übers Ziel hinausgeschossen sein könnte. Diesen Überlegungen fiel die Kiste Champagner zum Opfer, dabei ist nichts besser geeignet, das Fundament zum persönlichen Konsum-Altar zu bilden. Natürlich fehlt auch Wein in der Aufstellung (obwohl wir uns nicht verkneifen konnten, ein Fläschchen Moltepulciano d'Abbruzzo in den Korb zu legen – überhaupt der Korb! Toll, nicht? Man kann damit Katzen, Kinder, Picknicks und Windeln transportieren, er ist eine Zier auf jedem Wochenmarkt und doch nicht so groß, daß er zu schwer würde, wenn er voll ist. Außer man füllt ihn mit Briketts, die als Symbol für ein heimelig-warmes Zuhause natürlich auch zu den schönen Dingen gehören... aber ich schweife ab.) In der Liste fehlt also Wein, auch Schnaps, eine Beethoven-Büste, Kaffee, knuspriges Brot, zartwürziger Käse, ein 20bändiges Konversationslexikon, schöne Gläser, ach, unendlich viel.

Trotzdem hoffen wir, mit der subjektiven und wahllosen Auswahl Eure Herzen ein bißchen gewärmt zu haben.

Und das Schönste: Wenn der ganze Trubel vorbei ist, wird die Salami bald den Weg alles Irdischen gegangen sein, die Bücher werden sich unter die Euren gemischt haben, in dem Fläschchen, das jetzt noch den Essig beherbergt, wird ein kleiner Blumenstrauß stehen. Die Dinge werden sich verteilt haben, und nichts anderes wollten wir.

(Dezember 1991)


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