EINE AMERIKANISCHE AUSSTELLUNG
Das Deutsche Historische Museum zeigt in Berlin „Entartete Kunst“, eine Rekonstruktion der Diffamierungs-Schau von 1937. Jens Steinbrenner hat sich die Ausstellung angesehen und mit dem Generaldirektor des Deutschen Historischen Museum, Prof. Dr. Christoph Stölzl, gesprochen.
Ich ging wegen Hitler. Er ist nämlich auch ein Maler, wissen Sie, und da schien mir Deutschland für uns beide einfach zu klein. (George Grosz, 1942)
Eigentlich war es gar nicht geplant, die Rekonstruktion von „Entartete Kunst“ überhaupt in Deutschland zu zeigen. Gedacht war sie nur für das Los Angeles County Museum Of Art, wo sie vor einem Jahr zu sehen war. Dort war sie allerdings so erfolgreich, daß sie außerplanmäßig im Sommer nach Chicago und im Herbst nach Washington ging.
DIE ÜBERNAHME
Eine der Besucherinnen in Los Angeles war eine deutsche Politikerin, Ursula Seiler-Albring, von der die Anregung ausging, die „Entartete Kunst“ auch in Deutschland zu zeigen. Und so geschah es. Christoph Stölzl: „Die Leute aus dem Bundestag sahen es eigentlich als eine richtige Pflicht an. Die sagten, wenn wir in diesem nun vergrößerten, in der Welt sehr viel sichtbareren Deutschland ein Thema haben, das offenbar in dieser amerikanischen Tournee die Leute so aufgeregt hat, dann können wir eigentlich nicht daran vorbeigehen, wenigstens zu fragen, ob dies nicht zu uns kommen soll.“ Es ist ja selten, daß sich in kostenintensiven Kulturdingen die Entscheidungsträger dieser Republik einig sind. „In der Tat, es ist ein Wunder, daß nach einem fertigen Bundestagshaushalt noch einmal in irgendwelchen Nischen, ich will mal sagen, eine Anlauffinanzierung gefunden worden ist.“ Obwohl man vermuten muß, daß es nicht nur Idealismus war, der dieses „Wunder“ möglich gemacht hat. Billiger ist die Möglichkeit für einen Staat, sich als geläutert und kulturbeflissen darzustellen, wohl nicht zu haben, als einfach eine fertige Ausstellung zu übernehmen. Obwohl man der Gerechtigkeit halber hinzufügen muß, daß ein beachtlicher Teil der wissenschaftlichen Vorarbeit während der kulturellen Vergangenheitsbewältigung in Deutschland geleistet wurde.
EINE NEUES ARRANGEMENT
In Berlin ist also eigentlich eine amerikanische Ausstellung zu sehen, mit der den Amerikanern gezeigt werden sollte, wie das damals war, in Deutschland ‘37. Deshalb ist sie auch nicht nur eine Kunstausstellung. Christoph Stölzl: „Die Ausstellung war so konzipiert, daß man durch diese lange Schleuse der historischen Information hindurch gehen muß, bevor man überhaupt zu den, sagen wir mal, tröstlichen Kunstwerken kommt, die zwar in der Ordnung der Münchner Schandausstellung aufgehängt sind, aber ohne die denunzierenden Texte dahinter.“
Eine genaue Rekonstruktion von „Entartete Kunst“ wäre auch deshalb unmöglich gewesen, weil mehr als die Hälfte der ursprünglich gezeigten Werke verschwunden sind: verschollen in den Wirren des Krieges oder von den Nazis auf Scheiterhaufen verbrannt. In langwierigen Recherchen haben die Organisatoren den größten Teil der erhaltenen Werke lokalisieren. Gezeigt werden über 175 Gemälde, 70 Grafiken und fünf Skulpturen, Bilder, die seit Jahrzehnten nicht mehr gezeigt wurden, unter anderem die großen Expressionisten, Dada, mit die bedeutendsten Kunstwerke der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts; Arbeiten von Beckmann, Chagall, Picasso, Van Gogh, Nolde, Feininger, Kandinsky, Dix, Grosz, Klee und so weiter. Die Liste liest sich wie die Zusammenstellung der größten Stars der Klassischen Moderne.
Die Nazis hatten 650 Bilder und Skulpturen eng an eng in viel zu kleine Räume gesteckt, manche Bilder gar auf dem Kopf, und zudem noch mit üblen Hetz-Parolen und Überschriften versehen, wie zum Beispiel „Verhöhnung der deutschen Frau“ oder „Ideal: Kretin und Hure“ über Arbeiten von Hofer, Mueller oder Kirchner. Die gute Absicht, den Werken diese Ergänzungen zu ersparen, bewirkt allerdings auch die größte Schwäche der Schau. Die ursprüngliche Ordnung der Nazis war ja auf Diffamierung und Verächtlichmachung ausgerichtet und „funktionierte“ nur mit den Kommentaren. Jetzt scheint die Zusammenstellung willkürlich. Und durch die jetzt freundliche Präsentation wird das Ziel, das kalte Grauen zu rekonstruieren, nicht erreicht. Dafür soll die umfangreiche Dokumentation sorgen. In vier Räumen wird anhand von Dokumenten, Tonbeispielen, Videos und Plakaten die Kulturvernichtungspolitik der Nazis verdeutlicht. Da gibt es auch ein Schnittmodell der Original-Ausstellung, das allerdings mehr wie eine Puppenstube wirkt. Wegen der gigantischen Fülle an Dokumenten kann man sich schon in diesen ersten Räumen stundenlang aufhalten. Die Ausstellungsarchitektur, die vor allem den Dokumentarteil prägt, stammt übrigens von dem amerikanischen Star-Architekten Frank O. Gehry.
DIE WIRKUNG
„Das viele Leute schockierende, aufwühlende Erlebnis in dieser Ausstellung ist ja das Mißverhältnis zwischen dem Riesengeschütz an Nazi-Barbarei, Denunziation, wildgewordener Spießigkeit und politischem Kalkül, wie bei Adolf Hitler, und diesen Bildern, die wir, wenn auch nicht persönlich, aber eben im Typus doch als den Typ der klassischen Moderne kennen“, sagt Christoph Stölzl, den die Ausstellung mehr zu rühren scheint, als es sein rein professionelles Interesse vermuten ließe: „Ich war heut’ wieder drüben, es ist ja ein spektakulärer Erfolg, es sind tausende von Menschen dagewesen, (in den ersten drei Tagen) unglaublich. Und sie sind sehr intensiv und still damit beschäftigt, es ist sehr leise dort, man hat das Gefühl, daß eine gewisse historische Meditation die Leute bewegt, die da durchgehen. Und das straft alle die Lügen, die um Weihnachten herum sagten, das Thema sei doch in Deutschland schon genug dargestellt worden, es gäbe eigentlich kein Bedürfnis mehr.“
Knapp 8.000 Besucher hatte diese „Entartete Kunst“ an den ersten drei Tagen. Herr Stölzl übertreibt also nicht, wenn er das einen „spektakulären Erfolg“ nennt. Kann man diese Rekonstruktion vielleicht sogar mit der Originalausstellung vergleichen? „Nein, das kann man nicht. Die Originalausstellung hatte ja bei den verschiedenen deutschen Stationen drei Millionen Besucher, es ist, so hab’ ich’s gelesen, die erfolgreichste Kunstausstellung aller Zeiten gewesen, wobei niemand heute sagen kann, ob Leute aus Schauder oder aus völkischem Interesse an dieser angeblich entarteten Moderne hingingen, oder ob sie es sehen wollten, weil sie noch einmal einen Blick auf dann nicht mehr sichtbare Kunstwerke werfen wollten, da gehen die Meinungen ja auseinander, Sie könnten eine Zeitzeugin in Berlin befragen: die Präsidentin des Parlaments, Frau Laurien, hat als Kind an der Hand ihrer Eltern, die sagten: Kind, da siehst Du nochmal die gute Kunst, die Ausstellung gesehen und hat da ihre Lebensfreudschaft mit manchen Malern der deutschen Moderne geschlossen.“
UND HEUTE?
Frau Laurien ist ja nicht gerade als progressive Intellektuelle bekannt, und heute bestreitet auch niemand ernstlich den Rang der Kunstwerke. Diese inzwischen klassische Moderne entlockt keinem noch so spießigen Zeitgenossen mehr ein böses Wort. Überhaupt scheinen die Zeiten liberal geworden zu sein, jedenfalls was die Kunst angeht. Sind sie das wirklich? In der Berliner Tageszeitung TAZ konnte man lesen, daß die Rekonstruktion der „Entarteten Kunst“ die „Haß-Pädagogik der Nazis“ schlicht verkehre. Und daß etwa Joseph Beuys dieselben Ressentiments geweckt habe, die seinerzeit von den Nazis gegen die Künstler zu mobilisieren versucht wurden. Das kann ja schon sein, nur daß sich das anti-avantgardistische Treiben heute auf Initiativen engstirniger Privatleute beschränkt, daß heute irgendwelche Ignoranten – und seien sie noch so einflußreich – als Einzeltäter oder Bürgerinitiativen Kunst verhindern wollen und nicht als Staatsmacht. Diese Leute können sich in Talkshows äußern und in Leserbriefen, aber nicht per Gesetz. Der Staat greift ins kulturelle Treiben höchstens fördernd ein – oder auch nicht.
Als „Entartete Kunst“ in Los Angeles gezeigt wurde, gab es in den USA gerade einen Skandal, als Fördermittel für eine Ausstellung, in denen Fotografien von Robert Mapplethorpe gezeigt wurden, zurückgezogen werden sollten. Ein konservativer Politiker glaubte, daß es sich bei den Bildern nicht um Kunst, sondern um Pornographie handelte. Es gibt viele solcher Beispiele, auch bei uns, wo spätere Bundestagspräsidenten auch mal Ausstellungsstücke mit roher Gewalt entfernen, oder Bundesinnenminister Filmförderungsgesetze nach ihrem Gutdünken uminterpretieren, weil sie einen Film nicht verstanden haben. Das sind natürlich keine Ausnahmen, diese Leute dürften die Mehrheit ihrer Wähler repräsentieren, und das ist auch schlimm, aber im Grunde darf inzwischen in Deutschland Kunst ohne Angst vor Verfolgung ausgeübt werden.
Die Rekonstruktion von „Entartete Kunst“ ist noch bis zum 31. Mai im Alten Museum, Unter den Linden, in Berlin-Mitte täglich außer montags zu sehen. Der Eintritt beträgt 8 Mark, ermäßigt 4 Mark. Es gibt auch einen dicken, schweren und empfehlenswerten Katalog (Hirmer, München 1992) mit 422 Seiten und 750 Abbildungen, der kostet im Museum 48 und im Buchhandel 98 Mark.
(März 1992) |