Das Städchen Gescher im westlichen Münsterland ist in den vergangenen Wochen mit einem Kunstskandälchen in die bundesdeutsche Presse geraten. Schuld waren ein venezianischer Maler, ein kunstsinniger Pferdechirug, ein „dpa“-Artikel und natürlich die Republikaner. Jens Steinbrenner war da und entdeckte zwar allerlei Kunst, aber nicht die Spur eines Skandals.
Die Gescheraner sind ein außergewöhnliches Völkchen. Wo sich andere Kleinstädte damit zufriedengeben, ihre Wege und Plätze mit Blumenkübeln und rustikalen Brunnen zu verschönern, sollte den Platz um das neue Rathaus in Gescher zeitgenössische Kunst schmücken. Das mag für Münster oder Bielefeld ja angehen, wo es unter anderem einen Schütte (hübsch), ein wenig Oldenburg (unverstanden) oder sogar einen Serra (in Bielefeld, sehr sperrig) gibt. Geld für so bekannte Namen konnte man in Gescher nicht ausgeben, zum Glück ist der FDP-Vorsitzende, der Tierarzt Dr. Huskamp, ein sehr kunstinteressierter Mann. Er übernahm die Leitung der „Kunstkommission“, die den Rat der Stadt über die Gestaltung des Rathausplatzes und des Rathauses beraten sollte.
Für den Platz entschied man sich für eine Backsteinskulptur von Andreas Straub, für eine Lichtinstallation von Jan van Munster und für ein Würfelensemble von Ekkehard Neumann und Balduin Romberg. Für das Rathaus beauftragte man den italienischen Maler Corrado Simeoni, ein allegorisches Gemälde über den Karneval in Gescher auszuführen.
EIN SPIEL MIT 6°
Inzwischen ist das Rathaus fertig, draußen sieht es zwar noch ein bißchen öde aus, was aber für jüngst bezogene Gebäude normal ist. Die Sträucher müssen halt wachsen, die Grasnabe muß sich festigen, die Baulücken müssen geschlossen werden, und in die Geschäfte um den Platz müssen Lokale einziehen, auf daß in lauen Sommernächten die Gespräche und das Gelächter von den roten Klinkern des Rathauses widerhallen. Bei einem Cappuccino kann man dann das „Spiel mit 6°“, das um das Rathaus gespielt wird, richtig würdigen.
Die Kunstkommission entschied sich nämlich für eine Idee des Schweizers Andreas Straub, die aus der Not, daß die Fassaden das Rathauses und der gegenüberliegenden Post um 6° von der Parallellage abweichen, eine Tugend macht. Das ist natürlich nur mit einem Winkelmesser vom Stadtplan abzulesen, als Grundkonzept aber nicht schlechter als andere Ideen. Es kommt eben darauf an, was man daraus macht.
Gemacht hat man folgendes: Andreas Straub hat eine Backsteinskulptur entworfen, die die Form der Rathaus-Silhouette (eine Art negative Basilika) aufnimmt, aber um 6° zum Rathaus gedreht ist und eine Neigung von 6ø hat, also scheinbar im Boden versinkt. Der Holländer Jan van Munster hat 22 Lichtmasten-Paare erdacht, deren Oberkante eine Neigung von 6° hat und deren Abstände sich nach gewissen Gesetzmäßigkeiten vergrößern (wie bei Walter De Marias „Broken Kilometer“), was eine gewisse Irritation in die Perspektive bringt. Die beiden Deutschen Neumann und Romberg haben ein lockeres Würfelensemble beigesteuert. Drei Würfel aus Stahl, Holz und Sandstein mit den Kantenlängen von 160 cm sind mit einer Neigung von 6° auf dem Vorplatz installiert, 192 kleinere mit Kantenlängen von (na? – natürlich!) 40 cm sind scheinbar zwanglos im ganzen Ortskern verstreut.
Man hat es verstanden, den Bürgern das Ensemble zu erklären, sie haben es dem Vernehmen nach angenommen. Für meinen Geschmack ist das Konzept bemüht, es wirkt beinahe rührend in seinem Drang, überprüfbar und logisch zu sein. Aber es sieht gut aus und es erfüllt einen Zweck: die Lichtmasten als Beleuchtung (die laut Stadtverwaltung „nicht mehr Strom als herkömmliche Straßenbeleuchtung“ verbrauchen) und die Würfel als Auto-Hindernisse und Sitzgelegenheiten.
KARNEVAL IN GESCHER
Den Wirbel gab es um das Wandgemälde. Corrado Simeoni stammt aus Venedig, einer Stadt, die ja auch für eine besonders poetische Variante des Karnevals berühmt ist. Nun ist der Karneval in Gescher wahrscheinlich nicht besonders poetisch, sondern wohl eher westfälisch-derb. Diese Mischung hat Simeoni wohl in den falschen Hals bekommen. Sein Bild ist zwar poetisch, aber auch in einer Art und Weise derb, wie sie westfälische Bürger vielleicht in verschwiegenen Kabinetten zu würdigen wissen, oder auf Gemälden Alter Meister, die mindestens 200 Jahre tot sein müssen, aber nur ungern an einer exponierten Stelle ihres Rathauses.
Dabei hätte alles so glatt gehen können. Ursprünglich war geplant, Simeoni zwei bis drei Jahre an dem Bild arbeiten zu lassen, in aller Öffentlichkeit und unter einer sehr speziellen Beteiligung der Bürger. Die sollten sich nämlich beteiligen und sich für eine Spende verewigen lassen, was einerseits eine hübsche Tradition bei Auftrags-Gruppenportraits hat (allerdings hatte auch Rembrandt bei seiner „Nachtwache“ Ärger mit seinen Auftraggebern bekommen), andererseits den Stadtsäckel etwas entlasten sollte, der sich mit den 228.000 DM, die der Maler bekommen sollte, etwas schwertat. Am Rande: wir finden es nicht so teuer, schließlich entspricht es einem Monatslohn von gut 6.000 DM brutto, so mancher Verwaltungsangestellte verdient mehr.
Nachdem Simeoni Ende 1988 den Auftrag erhalten hatte, sah er sich erstmal den Gescheraner Karneval an und war, wie er in einem Brief an Herrn Huskamp schrieb, „beeindruckt. Stark bewegt möchte ich der Gescheraner Bevölkerung für dieses Spektakel und die mir zuteil gewordene Ehre danken. Ich wünsche, daß mein Beitrag in den kommenden Jahren dem, was ich gesehen habe, entsprechen wird und daß ich, allegorisch gesehen, von diesem Geiste etwas aufnehmen kann.“ Die Karnevalisten zeigten sich aber angesichts der ersten Eindrücke von dem Gemälde skeptisch. Delegierte des Stadtverbandes der Karnevalisten stellten verärgert fest: „Vom Gescheraner Karneval ist hier nichts zu finden“, ein Lehrer in der Delegation wollte Simeoni gar eine „fünf“ für sein Bild geben: „Thema verfehlt“. Wie man sieht, verstehen ordentliche Narren keinen Spaß.
„Karneval in Gescher“ ist 38 qm groß und erstreckt sich über 3 Stockwerke im Foyer vor den Ratssälen. Simeoni malt es auf venezianische Art, das heißt, er hat die Figuren auf schwarzem Untergrund skizziert und führt sie, wenn die Komposition stimmt, aus. Deshalb ist das Bild heute noch sehr düster, nur die fertigen Stellen leuchten intensiv und sind von einer starken Farbigkeit. Mit mehr als tausend Figuren, einem Himmel, einer Ober-, einer Mittel- und einer Unterwelt soll es einen allegorischen Karneval, eine „menschliche Komödie“ darstellen. Simeonis Stil ist eine Verquickung von Breughel, Bosch und Ensor mit der modernen Bildersprache der Cartoons und der Comics.
DAS VOLKSEMPFINDEN
Das Bild ist interessant und bunt, detailreich und unterhaltsam. Es ist nicht besonders subtil und in seiner populären Bildersprache für jedermann leicht verständlich. Die kopulierende Frau mit dem Kruzifix läßt sich leicht als Symbol für Bigotterie deuten, der „Superking“, der übrigens die Züge des Malers trägt und dessen Genital über einen Schlauch mit dem Hintern einer anderen Gestalt verbunden ist, kann als „Arschkriecherei“ (Huskamp) gesehen werden. Daß ganz oben eine Zuhältergestalt Münzen aus der Vagina einer Frau preßt, kann nur als die Illustration der finsteren Überzeugung gelesen werden, daß Geld und Ausbeutung die Welt regieren. Die Inhalte sind also nicht besonders revolutionär und die Mittel sind derb, auch wenn derart drastische Szenen „nichtmal 0,5%“ (Huskamp) der 38 qm füllen.
Es gilt wahrscheinlich nicht als „große Kunst“, aber damit will Simeoni sowieso nichts zu tun haben, die empfindet er als „geistige Onanie“. Damit hat er die gleiche Meinung wie Friedensreich Hundertwasser, Ephraim Kishon und Kurt Neumann. (Neumann ist bei den Gescheraner „Republikanern“ und ich habe die drei mit Absicht in einem Atemzug genannt.) Kurt Neumann findet das Bild „widerwärtig“ und „abscheulich“, wie er in einem Flugblatt der „Republikaner“ unter dem Motto „Wir sagen, was viele denken“ schrieb. In einem Leserbrief an die Lokalzeitung konstatiert er „Kulturterror“ und findet das ganze „pervers“. Ein anderer Leserbriefschreiber, der Stadtarchivar a.D. Willi W. hält sich „für durchaus liberal. Aber diese Malerei mag in einen Puff passen, in meinem Rathaus möchte ich sie mir verbitten.“ Soll er – erfahrungsgemäß wissen solche Leute genau, wie es im Puff aussieht und was dahingehört.
ENDLICH BERÜHMT
Mitte Dezember 1989 mußten die Initiatoren und Simeoni einen weiteren schweren Schlag hinnehmen: Die Stadtgemeinschaft der Karnevalisten distanzierte sich von dem Gemälde. Anfang Januar gab dann „dpa“ einen ausführlichen Bericht über die Ereignisse heraus, der unter anderem von den „Bremer Nachrichten“, der „Rheinischen Post“, der „WN“, der „Neuen Ruhr Zeitung“, der „Welt am Sonntag“, dem „Straubinger Tageblatt“ und den „Oberpfalz Nachrichten“ gebracht wurde. „Bild“, „WAZ“, „Zeit“, „Stern“ und „taz“ schickten sogar eigene Korrespondenten. Der Tenor der meisten Artikel war ein überhebliches Unverständnis, warum sich die wackeren Bürger in der Provinz so aufregten.
Ende Januar beschloß dann der Gescheraner Rat, das Gemälde nicht, wie vom „Zentrum“ beantragt, an den gewissen Stellen zu übermalen. Das Vorhaben, Bürger porträtieren zu lassen, wurde aufgegeben, damit die Malerei zügiger vonstatten gehe und Simeoni wurden die Bezüge um 48.000 DM gekürzt. Das war wohl die einzige Möglichkeit, die Angelegenheit nicht zu einer Provinzposse ausarten zu lassen. Immerhin will man in Gescher nicht rückständig wirken, sondern klein & fein. Die Republik schaute auf diese kleine Stadt, hunderte von Besuchern waren gekommen, um sich das Bild selbst anzusehen, vielleicht würden in Zukunft noch mehr kommen.
BACCHUS vs CAMBRINUS
Jetzt, wo alles vorbei ist, kann man sich eigentlich nur wundern, warum es um ein sich volkstümlich gebendes Gemälde so einen Wirbel gegeben hat. Die Kunst vor dem Rathaus ist um einiges aufregender und auch kontroverser zu betrachten. Und Simeoni teilt im Grunde die Meinung seiner rückständigen Kritiker und identifiziert sich wohl auch mit ihnen: „In unserer heutigen, um jeden Preis modernen, Gesellschaft, die dabei ist, alles, was unsere Väter im Laufe der Jahrhunderte für uns mühsam bewahrt haben, zu zerstören, ist es, als schöpfe man frische Luft, wenn man Menschen trifft, die Traditionen pflegen und sich im Geiste von Bacchus und im Wissen um das semal in anno licet insanire („Einmal im Jahr ist es erlaubt, verrückt zu spielen“) vergnügen.“ Vielleicht liegt es daran, daß manche Gescheraner lieber im Geist von Cambrinus feiern.
(Februar 1990) |