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PROST WEIHNACHT!

Die Spielbanken in der BRD haben nur an zwei Tagen im Jahr geschlossen: Sylvester und Heiligabend. Man sagt, daß die Prostituierten in der Zeit vor Weihnachten über den starken Andrang klagten. Das Weihnachtsgeschäft sei jedoch am Heiligen Abend, ca. Punkt 15.30 Uhr beendet, da zögen sich die Familienväter, die Söhne und Opas zu ihren Familien, Frauen und Freundinnen zurück, so daß auch jene Damen einen Zwangsruhetag geschenkt bekämen.

So gesehen hat Weihnachten auch sein Gutes. Aber was tun wir, die sowieso nicht zu den Huren gehen, weil wir zu geizig sind? Die wir vielleicht sogar Frauen sind, die niemandes Christbaum schmücken können, die auch mit selbstgebackenen Keksen niemandem eine Freude machen können, weil wir 1. nicht backen können und 2. keinen Menschen kennen, in dieser großen Stadt. Selbst wenn wir in der Hoffnung, von wem auch immer, wären, niemand böte uns Obdach, und in einem Stall, heutzutage... nein Danke!

Da legen wir uns doch lieber hin, am frühen Nachmittag, um unseren Rausch auszuschlafen, den wir uns in irgendeiner Kneipe zugezogen haben, als wir mit fremden Menschen „Ich wünsche mir vom Weihnachtsmann ein Weib“ gesungen haben. Das haben wir schon damals getan, noch als Schüler, und haben unseren Angehörigen Kummer gemacht, als wir gegen 15.30 Uhr sturzbesoffen aus Bussen gekugelt sind.

Wir wollen uns nichts vormachen: Die Zeiten sind nicht schlecht. In mancher Beziehung jedenfalls, und nicht so schlecht wie früher. Wo man Heiligabend bestenfalls in der Bahnhofsmission oder bei der Heilsarmee verbringen konnte, wenn man partout nicht zu Hause bleiben wollte (so man ein Zuhause hatte, aber das ist eine andere Geschichte). Inzwischen, mit der Auflösung traditioneller sozialer Strukturen, ist das Freizeitangebot, wenn auch überschaubar, so doch nicht zu übersehen. Selbst in dieser Stadt, die „scene“-mäßig höchstens das Niveau einer U-Bahnstation in Hirtshals hat, gibt es einige Möglichkeiten, sich unter Fremden zu betrinken. Im Jovel, zum Beispiel, da spielt zwar nicht Herman Brood (der ist in Bochum), aber immerhin gibt es Live-Musik, ab Mitternacht; von einer Revival-Band (Blues Brothers). Immerhin haben die Jovel-Leute mit ihrer „Scheinheiligen Nacht“ eine gewisse Tradition. Keine so große wie die vom Forum Enger (irgendwo zwischen Herford und Bielefeld), denn die halten ihren Laden Heiligabend seit 1975 für die Ruhelosen, Entwurzelten und Lebenshungrigen auf, und das schon ab 21.00. Da sitzen die Steffis und Calles noch im trauten Heim unterm Lichterbaum und packen Geschenke aus. Im „Byblos“ und im „Go-Go“ ist Weihnachts-Getanze angesagt, in der Lagerhalle zu Osnabrück können Zeichentrick-Kurzfilme betrachtet werden und im Cinema gibt es zur „Langen Nacht“ außer zwei großartigen Filmen (doch, doch!) noch Plätzchen und die Conference eines waschechten Programmkinomachers.

Vielleicht ist Heiligabend in einigen Jahren nicht mehr von anderen Tagen zu unterscheiden, nachtlebenmäßig. Das wäre schön, vielleicht brauchte man den knusprigen Hundertmarkschein von der Oma dann auch nicht mehr zu versaufen, sondern könnte ihn ganz reell in Dortmund oder Bad Oeynhausen verspielen. Das wäre auch besser für die Gesundheit.

(Dezember 1988)


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