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GROSSBERLIN-HIPPCHEN

Wie der Kollege Torial vor 14 Tage geschrieben hat: Es sind Große Zeiten, in denen wir leben, und sie werden täglich größer. Im Osten bröckelt der Sozialismus, wie wir ihn kannten, mit halbrecherischer Geschwindigkeit, unsere Brüder und Schwestern (Tanten, Onkels, Cousinen, Neffen incl.) aus der Zone kaufen uns „vornehmlich Südfrüchte und Radiorecorder“ (Tagesschau am 26.11.) ab, denen wiederum kaufen die Polen alles weg, in der DDR wird für jeden Abgehauenen ein VW (vietnamesischer Werktätiger, kein Witz!) eingeflogen und in den Vereinigten Staaten von Amerika wird mit Mauerstücken gedealt – irgendwie hatte ich mir die Folgen von „Glasnost & Perestroika“ anders vorgestellt.

In Westberlin riecht es schon nach Gemisch-Abgasen wie in der Hauptstadt der DDR, auch das Straßenbild ist ähnlich, nur chaotischer, weil die Trabis, Wartburgs und Skodas keine Knöllchen bekommen. Der Niedlichkeitsbonus der „Trabis“ (dabei müßte es doch „Trabbis“ heißen) ist aber schon fast aufgebraucht. Schon vor 14 Tagen berichtete der SFB von Reifenstech-Attentaten auf die haltbaren 2-Takt-Automobile aus Zwickau. Überhaupt brauchte sich das Westberliner Wochenende vor 14 Tagen in punkto Größe nicht vor dem Rest unserer Zeit zu verstecken. Die Gewerkschaften, die ja sonst peinlich über jede Ladenöffnungsminute wachen, genehmigten großzügig verlängerte Verkaufszeiten – wie weit verlängert, wußte kein Mensch, schon gar nicht die armen Zonis, die über den für Autoverkehr gesperrten Ku’damm taumelten, voll vom Konsumrausch erfaßt „Woolworth“ stürmten und mit Tränen in den Augen vor dem geschlossenen KaDeWe standen, auf der Suche nach dem nächsten Aldi waren und die mitgebrachten Stullenpakete bei Eiseskälte auf den Bänken der öffentlichen Grünanlagen verzehrten. Tatsächlich agierten sie, als würden sie in einem Film mitspielen, den sich ein fieser Kabarettist vor dem 9. November 1989 ausgedacht hatte.

Daß sich in unserer westlichen Informations-Gesellschaft in dieser großen Zeit gar nicht geändert hatte, wurde an diesem Abend mal wieder klar. Die ganze Welt schaute zum Brandenburger Tor, ob es denn jetzt endlich niedergerissen, pardon, geöffnet würde, die ganze Welt, nur ich nicht, weil ich nach einer halben Stunde stehenden Verkehrs auf der Potsdamer Straße aufgegeben hatte.

Während ich mir den Stau-Frust in einem ausgezeichneten schwäbischen Restaurant, von denen es dort eine ganze Reihe gibt, wegfraß, haben Westberliner Ordnungshüter einen Protestmarsch (der Anlaß war der Tod einer Frau auf einer Demonstration in Göttingen am Freitag, die von einem Auto überfahren worden war, das offensichtlich von Polizisten gesteuert wurde) sehr brutal auseinandergetrieben. Darüber, daß außer Augenzeugen und behandelnden Ärzten keiner davon erfahren hatte, wunderte sich niemand, natürlich, weil die Nachrichten voll mit neuen Begrüßungsgeld-Übergabestellen, Kontakt-Telefonnummern für Trabbi-Reifenreparaturen und kostenlosen Übernachtungsmöglichkeiten für versumpfte DDRler waren.

Aber wartet! Sobald Visumpflicht und Zwangsumtausch abgeschafft sind, werden wir Westler die Innenstädte von Dresden, Leipzig, Frankfurt/Oder und natürlich der Hauptstadt der DDR mit unseren Opels, Mercedessen und Audis verstopfen, werden die Märkische Schweiz und die Strelitzer Seenplatte zu freien Surferrepubliken ausrufen und die weißen Kreidefelsen von Rügen mit Graffiti versehen, daß überhaupt niemandem mehr Zweifel kommen, woher jetzt der Wind weht.

(November 1989)


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