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YOUNGSTER/DISCO-HIPPCHEN

Wir sind ja allerhand gewöhnt. Die Stones, anno ’86 in Hannover, oder Prince ’88 in Hamburg, Bowie in Berlin und „Künstler für den Frieden“ damals in Dortmund: Massenveranstaltungen, die diesen Namen verdienen, mit tausenden und tausenden, sozusagen abertausenden von Leuten, jungen Leuten, Fans, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, um ihren Helden einmal ins echte Auge und nicht nur auf aus Bildpunkten zusammengesetzte Abbildungen zu sehen.

Was sich aber an jenem Samstag Anfang September ‘89 vorm „PC“, wie der Volksmund den Namen jener Bielefelder Groß-Disco der obszönen Variante beraubte, abspielte, war jenen Beinahe-Hysterien durchaus vergleichbar. Vergnügungssüchtige echt-, noch- und nicht-mehr-Jugendliche drängelten sich, um Eingang in die bekannten Räume zu finden, in denen nicht einmal ein top act oder head-liner aufspielte, sondern nur fünf erfolgreich abgeschlossene Jahre zu feiern waren, die nebenbei den höchst umsatzträchtigen Auftakt zu einem sechsten Jahr lieferten.

Es dominierten die phantasievoll gestylten, sich gefährlich gebärdenden jungen Leute, die blitzblanken kleinen Mädchen aus Bünde, Gütersloh und Lübbecke, die ihre frustrierten Fahrer schnell an einer der draußen installierten Bierbuden installierten, um drinnen den Abenteuern der großen Stadt auf die Spur zu kommen. Das erste große Abenteuer hatten sie aber schon überstanden, wenn sie überhaupt die Disco betreten konnten. Die Menschenmenge vor der Tür war den Eintrittswilligen (also sich selbst) das, was Indiana Jones Schlangengruben und Sümpfe sind: kaum zu überwinden.

Erstmal drin, wollte man flugs wieder raus. Die Belüftung hatte längst den Kampf gegen das subtropische Klima mit der vielfach geatmeten Luft aufgegeben. Wir finden sowas ja gut, erinnert uns das doch an damals, als wir uns in der „Badewanne“ die große Welt erträumt hatten, oder uns im alten Osnabrücker „Hydepark“ eine Ahnung von Subkultur angeeignet hatten. Vorbei. Die Subkultur heutzutage (pardon!) ist konfektioniert und äußert sich in extremen Fällen höchstens in Unmengen vor Haarlack, Eiweiß und Honig, mit denen Frisurenskulpturen erschaffen werden, die selbst in Croydon schon vor Jahren niemanden mehr aus dem YMCA-Heim gelockt hätten. Die alten Kumpels sind verheiratet oder tot, heute beschränken wir uns auf den eigenen Campari, den Jazz aus den eigenen Boxen, und wenn uns nach Großer Weiter Welt ist, gehen wir auf den Balkon und schauen den Polarstern an.

Immerhin haben wir keine Schlägereien gesehen, nichtmal, als vor der Tür die Stimmung umzukippen drohte, weil all die jungen Leute ja zur Party gekommen waren, und da wollten sie nun auch rein. Eine erfahrene PC-Besucherin beteuerte mir, daß sie in all den Jahren (und schließlich sei sie jeden Freitag und Samstag hier, außer wenn sie im Urlaub in Griechenland sei) niemals etwas derartiges erlebt hätte, außer zu Sylvester vielleicht. „So viele Leute!“

Am nächsten Morgen, man hatte zum jubiläums-sonntäglichen Musikfrühschoppen geladen, war die Stimmung nicht mehr so euphorisch. Die wenigen Helden, die durchgehalten und auf ihren Schlaf verzichtet hatten, hingen, wie man sagt, „durch“. Das Personal war zwar frisch, aber uninspiriert, weil es die große Fete vom Samstag nicht mitmachen konnte, um eben am frühen Morgen (gegen elf) ihren Mann (und ausnahmsweise: ihre Frau) zu stehen. Da war ein deutliches Erlebnisdefizit zu verzeichnen. Draußen mühte sich ein trauriger Illusionist ab, das spärliche Publikum mit Tricks zu faszinieren, eine Jazz-Band leierte Standards herunter und der berichtende Sekt- und Cocktail-Profi vermißte ein Frühstück, daß ihm den Genuß des angebotenen Mumms erst ermöglicht hätte. Wir sind eben verwöhnt: nur Gummibärchen und Kojak-Lollis sind uns nicht Grundlage genug.

Als der Regen stärker wurde, haben wir uns auf den Heimweg gemacht, ohne mehr als einen Disco-Abend oder einen Musik-Frühschoppen erlebt zu haben. Vielleicht gibt’s zum 10jährigen ja Lachsbrötchen und Kaviar. Dann grüßt uns endgültig niemand mehr, aber wir werden da sein, um nachzusehen.

(Oktober 1989)


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