In letzter Zeit war ja ganz schön oft von Kinos die Rede, hier im ULTIMO, aber auch überhaupt, was beweist, daß wir noch nicht allen Bezug zum wahren Leben verloren haben, auch wenn uns gelegentlich Weltfremdheit vorgeworfen wird. Als Betriebs-Ananas mußte ich mir natürlich auch ein Bild machen, vor allem, was die gastronomischen Möglichkeiten der beiden neuen Kino-Foyers angeht. Von Film verstehe ich ja eh nichts, ich weiß nur, daß James Bond seinen Martini gerührt und nicht geschüttelt nimmt (wie es sich eben gehört), daß Richard Blaine in „Casablanca“ 17 Lucky Strikes (ohne Filter) raucht und woraus ein „Champagner-Cocktail“ besteht (Katermacher!). Das reicht nicht, um als Cineast auf den hiesigen Pressevorführungen gegrüßt zu werden, aber mit Foyers habe ich Erfahrung, zog ich mir doch am Eröffnungsabend in Hajott Flebbes „Passage“ einen Absturz zu, den ich bis heute nicht vergessen habe.
Für alle, die in ULTIMO nur das „Hippchen“ lesen, nocheinmal: Heinz Riech, der westdeutsche Ober-Kinobuhmann hat in der ehemaligen Schauburg mit viel Brimborium (und 50,- DM Eintritt) sein „Stadt New York“ eröffnet. Heiner Pier, der „Robin Hood der Kinoszene“ („kaufen + sparen“) machte im ehemaligen Riech-Kino „Rex“ sein „Metropolis“ auf.
Beim Riech gab’s bei der Eröffnungsfestivität den deutschen Sekt (immerhin: trocken war er) flaschenweise, außerdem „Pepsi-Cola“ in verschiedenen Mischungen mit edlen Schnäpsen, was beiden nicht gutgetan hat. Im „Stadt New York-Foyer“ kann man sich kleine Häppchen reichen lassen, u.a. eiskalten Salat und „New York-Burger“ (kein übler Scherz!), ein Weinchen trinken und den Kragen hochschlagen, es ist doch eine recht zugige Angelegenheit geworden. Das hat auch sein Gutes, sonst wäre der Duft von Friteusen und dem Bier von Vorgestern wohl kaum zu ertragen, schon gar nicht vom Service-Personal, das sehr bemüht ist, dem Gast die Wärme zu vermitteln, die dem Raum fehlt. Klartext: nette Leute hinter den Theken, jedenfalls immer, wenn ich da war.
In ganz normalen Kinos gibt es gewöhnlich keinen Theken-Lieblingsplatz. Im Stadt New York sucht man sich eine Stelle in der Nähe des Grills, um nicht vollends zu erkalten, im Metropolis hat man’s schon leichter. Einst, als sich da, wo jetzt der Tresen steht, ein Kinosaal namens Beta befand, raubte eine Säule unerfahrenen Kinogängern die Sicht auf die Leinwand und damit die Nerven. Jetzt bildet diese Säule eine wundervolle Rückenlehne für alle, die auf die bekannte Nummer Sicher gehen wollen. Da lehnten wir also und dachten wehmütig an den Champagner, der zur Eröffnung in Strömen geflossen war, an die köstlichen Häppchen, die von ansehnlichen jungen Frauen und Männern unter das geladene Publikum verteilt wurden. Jaja, ich höre Euch nölen: „Piña, wenn man zu solchen Anlässen geladen wird, ist’s kein Kunststück, von Champagnerbächen und Lachsbrötchen zu schwärmen!“ Aber – muß ich da erwidern – aber Ihr konntet doch auch schwelgen! Auch Euch wurde französischer Schaumwein kredenzt, sogar denen, die wegen vollkommener Überfüllung bedauerlicherweise keinen Einlaß in Foyer, Treppenhaus und Kinos fanden. Behendes Servicepersonal balancierte das spritzige Getränk hinaus auf den Berliner Platz, um die zahllosen Draußengebliebenen mit dem erfrischenden Naß zu laben. Und außerdem: für die wirklichen VIPs gab’s „Cuvée Dom Perignon“ statt „Charles Heidsiek“, da blieben uns ordinären Gratulanten auch nur neidische Blicke.
Aber das ist natürlich Schnee von gestern. Nach den Eröffnungen hat der Alltag Einzug in die neuen Kinos gehalten, jetzt wird sich zeigen, ob Riech mit seinem bemühten Edel-Konzept Erfolg haben wird, und ob es Pier gelingen wird, den Birkenstock-Charme, den die Thekenmannschaft im „Cinema“ bei aller Nettigkeit ausstrahlt, im Metropolis durch etwas Stil zu ersetzen. Aber eigentlich ist das ja auch egal, wirklich trockene Martinis gibt’s in beiden Häusern nicht.
(November 1989)
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