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ERSTSEMESTER-HIPPCHEN

...jung und gesund sind Sie,
das ist doch fein,
lassen Sie einfach das Studium sein!
(Georg Kreisler)

Liebe Erstsemester!

Da seid Ihr stolz, nicht? So viele Botschaften an Eure Adresse, die Flugblätter, Sonderbeilagen und sonstigen Zuwendungen, die Euch von den hiesigen Geschäftsleuten zugekommen sind. Also Freunde, und vor allem Freundinnen, laßt Euch nicht verunsichern. Das ist das erste und einzige Mal, daß sich überhaupt jemand für Euch interessiert, außer denen, die dafür bezahlt werden, wie Dozenten, Diskothekenbetreibern und sonstigem Ungeziefer. Überhaupt Ihr, liebe Erstsemesterinnen, paßt bloß auf! Die Stadtjungs warten jedes Jahr auf Frischfleisch. Geht nicht in die Mensa! Geht nicht in die Institute! Und meidet auf jeden Fall die einschlägigen Kneipen, denn dort stehen sie in ihren offenen Golf GLIs, und die besonders raffinierten mit dem „Stadtblatt“ und dem „Semesterspiegel“ unter dem Arm. Eine beliebte Masche ist auch, die „Na Dann“ bereits für den Dienstagabend zu versprechen, wenn...

Ich werde Euch leider nicht helfen können, weil ich diese Stadt für immer verlassen werde. Noch werdet Ihr mich nicht verstehen können, aber wenn auch Ihr einige Jahre mit Sperrstunde, Katholiken und Studenten an jeder Straßenecke verbracht habt, wird Eure Sehnsucht nach weg von hier ebenso unbezwingbar sein, wie meine.

Das Leben hier ist Kampf. Nicht nur um Essen und Lebensraum, Zuwendung und menschliche Wärme. Die größten Schlachten werden täglich auf den Straßen und Wegen dieser kleinen Stadt geschlagen. Könnt Ihr Euch erinnern, als Ihr mit Euren Eltern das erste Mal durch die City gefahren seid, und Euch gewundert habt, daß es hier so viele Fahrräder gibt? Vielleicht hat Euer Vater etwas von „Nähe zu Holland“ gemurmelt und das Ding auf sich beruhen lassen. Ja, der hat gut murmeln, der fährt wieder nach Haus, aber Ihr, Ihr! – wahrscheinlich mit DM 500.- im Monat nicht mit einem Auto ausgestattet, das immerhin, saurer Regen und Ölkrise einmal ausgeklammert, einen gewissen Schutz bietet. Und so werdet Ihr euch einreihen müssen, in die Massen von tumben, gleichwohl höchst aggressiven, zu Tieren gewordenen Radfahrern. Falls Ihr denkt, sich da vielleicht eine gewisse Solidarität im Kampf gegen die finsteren, umweltzerstörenden Autofahrer entwickeln könnte, Pustekuchen! Kampf! Jeder gegen jeden, Rollerball auf der Promenade, spritzendes Blut und gebrochene Herzen, Tag für Tag!

Aber es hilft nichts. Ihr werdet es in ein Paar Wochen nichtmalmehr wahrnehmen, Ihr werdet dazugehören, eingekeilt, ausgeliefert, und dann werdet Ihr auch mitspielen: Studenten werden, die Straßen mit Euren Rädern verstopfen, die besten Plätze in den wenigen guten Kneipen blockieren und im Kino immer an den falschen Stellen lachen. Das bißchen Verstand, das jeder Mensch von Natur aus hat, wird euch in den Hörsäälen und auf den AstA-Versammlungen abhanden kommen.

Ich kann nichtmal sagen, daß es mir leid tut, denn erstens habt Ihr es selbst so gewollt und zweitens werde ich nicht mehr da sein. Nochmal Schwein gehabt.

(Ein überaus rüder Hippchen-Vorläufer, mit dem ein Pseudonym verabschiedet wurde)

(Oktober 1988)


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