Nach der Legende sollen die lateinamerikanischen Restaurants in dieser kleinen Stadt von Studenten gegründet worden sein, die von „South of the border“ kamen, sich ein kleines Zubrot verdienen wollten und ob des Erfolgs ihrer gastronomischen Bemühungen das Studium sein gelassen haben. Wenn man etwa ins „America Latina“ oder „Café Brasil“ kommt, möchte man dieser Legende glauben. Sie sind zu den normalen Zeiten (zwischen 21.00 und 24.00 h) fast immer rappelvoll und die Besucher scheinen sich vor allem aus dem studentischen Milieu zu rekrutieren.
Aber nicht alles ist lateinamerikanisch, was einem spanisch vorkommt. Das „Bodega“, zum Beispiel“, ist spanisch inspiriert, auch wenn es an die Stelle des „Café Regenbogens“ getreten ist, das zwar nach Grünkern und Sojabrätlingen klang, aber über einen Koch verfügte, der raffinierte und überraschende lateinamerikanische Spezialitäten im Repertoire hatte. Es gab da zum Fleisch eine scharfe Schokoladensauce, die zu kosten wir nur einmal das Vergnügen hatten, die uns aber nachhaltig in bester Erinnerung geblieben ist. Auf den mehr oder weniger schmalen Karten der anderen Lokale suchten wir sie bisher vergeblich.
Weil das ULTIMO-Gastro-Budget ausgesprochen klein ist, konnten wir in den verschiedenen Lokalen nicht die Karte hoch und runter probieren, konnten sie nicht öfter besuchen, um eventuelle Qualitätsschwankungen zu ergründen. Deshalb haben wir uns an die Standards (Steaks, Grillkartoffeln etc.) gehalten, oder an preiswerte Spezialitäten. Apropos preiswert: Sättigung kann bei allen Lateinamerikanern der Stadt zu recht kommoden Preisen von ca. 15-20,- DM incl. Getränk erreicht werden, außer vielleicht im „Churrasco“, dem wir vielleicht ein anders Mal ein paar Sätze widmen wollen.
Das „Dos Passos“ in der Weseler Straße scheint uns genau richtig für einen Happen zwischendurch. Seit unserem letzten Besuch dort ist zwar schon einige Zeit vergangen, aber die Tacos dort waren immer lecker und die Atmosphäre nicht ganz so kneipenmäßig wie im „Café Brasil“ und im „America Latina“. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf den Service. Bedienungen in hiesigen Kneipen-Restaurants sind fast immer total überfordert, schlecht ausgebildet und unterbezahlt. Deshalb lassen sie es oft an Freundlichkeit und Schnelligkeit fehlen. Im Dos Passos, das recht klein ist, hatten die jungen Männer und Frauen immer einen guten Überblick. Woanders muß man längere Wartezeiten und genervte Bedienungen einkalkulieren.
Wenn das Essen fertig ist, aber niemand Zeit hat, dem hungernden Gast die dampfenden Köstlichkeiten zu bringen, wird es kalt. Mit diesem Problem haben alle dieser Lokale zu kämpfen. Wir hatten ein (im übrigen recht passables) Thunfischsteak im „Café Brasil“ in der Hafenstraße, das so lau war, daß nichtmal die (unvermeidliche) Kräuterbutter darauf schmolz. Ansonsten hat uns dieses Lokal ganz gut gefallen, die Gerichte waren meist passabel, das Fleisch sogar überdurchschnittlich und von der Sour-Creme auf der Kartoffel hätten wir gern das Rezept (oder den Namen des Lieferanten; man weiß ja nie). Das „America Latina“ in der Neubrückenstraße liegt im Herzen der Stadt, „deshalb geht es sehr gut“, soll heißen, ist es meistens voll. Die Qualität der dortigen Speisen zu beurteilen können wir uns leider nicht anmaßen, die Musik war zu laut, daß wir uns auf die Gerichte hätten konzentrieren können. Überhaupt war uns der Trubel zu heftig.
Jaja, Trubel. Das „Obina Shock“ in der Hüfferstraße bietet zwar auch lateinamerikanische Gerichte an, es ist aber auch eine Disco, in der sich gelegentlich Koryphäen des Pop-Jazz die Ehre geben. Wer bei solchen Gelegenheiten (oder auch nur beim Abtanzen) Hunger bekommt, dem sei die Küche des Hauses empfohlen. Zum vorsätzlichen Essengehen scheint uns das Lokal, auch wegen des Zahnarzt-Wartezimmerambientes, wenig geeignet.
Es scheint, daß die legendären Ex-Studenten, die jetzt zu Gastronomen geworden sind, perfekt assimiliert sind. Wir fanden im Angebot der erwähnten Lokale keinen Mate, das Nationalgetränk der Argentinier, außer den obligatorischen Cocktails keine Drinks, die auf Lokalkolorit hingewiesen hätten und schon gar nicht diese wundervolle Tequilabowle, die mit frischem Ananas zubereitet wird. Das hat uns doch ein bißchen traurig gemacht.
(Juni 1990)
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