Seit wir im zarten Alter von kaum 10 Jahren das „Wiener Blut“ in Bielefeld über uns ergehen lassen mußten, kommt es nicht so oft vor, daß wir unsere unsicheren Schritte in einen dieser Kulturtempel lenken. Aber durch eine Verkettung von unvorhergesehenen Zu- und Zwischenfällen gerieten wir mitten in den Trubel, der zur Zeit in Osnabrück tobt: das „Norddeutsche Theatertreffen“. Das war ganz was anders als Operette! Auf einem Platz in der Fußgängerzone (wir hassen das Wort auch) steht ein großes Zelt, in dem es Sekt geben sollte, wie uns eine Theater-Kollegin des Stadtblattes OS hinter vorgehaltener Hand erzählte. Sie hatte recht, nur kostete das Tülpchen (immerhin aus Glas) satte sechs Mark. Was uns in diesem Zelt beeindruckte, war außer der Spendierfreudigkeit unserer anderen Begleiterin ein großes Schild, auf dem die Sponsoren die Besucher des NTTs begrüßten. Da sah man, wo das Geld blieb: Schilder malen und Theatertreffen finanzieren, das können die Herren Davidoff und Jacobs-Suchard (immer diese Doppelnamen), Granini und Mumm. Die Marketing-Strategen von „Marienheller Premium Mineralwasser“, einem westdeutsche „Perrier“-Verschnitt schenkten ihr H2O aus Magnum-Flaschen aus. Aber mal richtig einen ausgeben, nö, so weit geht die Image-Pflege dann doch nicht.
Dabei hätte man einen soliden Sektsee im Bauch dringend brauchen können, angesichts der Darbietungen einer dreiköpfigen, irgendwie authentischen Hamburger Trachtengruppe. Die Lieder, die sie vortrug, handelten vom Hafen, von der Reeperbahn und von grünen Aalen – sie klangen alle wie „Im Prater blühn wieder die Bäume“ und wurden nur von den antiken Witzen unterboten. Ein schlechtes Zeichen. Später gab’s im Stadttheater ein Stück, in dem sich die beiden Schauspieler erst ganz am Schluß auszogen und vorher ganz furchtbar bedeutungsschwer von „Virus“, „positiv“ und „Liebe“ redeten.
Und dann standen wir in der kalten Osnabrücker Nachtluft und all die lustigen und spendablen Begleiterinnen hatten längst die örtlichen Discotheken aufgesucht, um der Kälte mittels Bewegung und Körperkontakt zu entfliehen. Wir dachten an Avignon, wo man immer noch in der Rhône schwimmen konnte, wenn die Vorstellungen vorbei waren, nachdem man sich in einer Bar einen Pastis von einer dieser Schülerinnen hat bringen lassen, die den Sommer bei ihrem Onkel, dem Bar-Besitzer, verbringen. Ein Bier im „Uni-Keller“ und ein Spaziergang an der Hase wären nicht das Gleiche gewesen.
(Juni 1989)
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