Ich habe die Zukunft gesehen! Sollen doch all die Pessimisten und Schwarzseher zuhause bleiben, sollen die Mißmutigen weiter schlechte Laune verbreiten; sie haben Unrecht. Die Zukunft (die vor kurzem begonnen hat) wird anders aussehen. Zwar gibt es, wie hier und anderswo oft zu lesen war, eine Klimakatastrophe, aber deren einzige Auswirkungen sind niedrigere Heizkostenabrechnungen, größerer Erfolg bei Bräunungsversuchen und wunderbare, tropisch anmutende Wochenenden, die so manches Frühlings-/Stadt-/Straßen-/Sonstwasfest zu bürgerlichen Woodstocks werden lassen. Denn, Freunde, die Zukunft ist eben mehr als Versteppung und Energieknappheit, ist mehr als Sieg des Kapitalismus und der IWF, Kulturimperialismus und das Verschwinden Sylts. Zukunft ist Brüderlichkeit, Versöhnung und Friede, Freude etc. pp.
Zwar hat unser „Schweine-System“ offenbar „Das Reich des Bösen“ in die Knie gezwungen, zwar gibt es bald wieder Großdeutschland und überhaupt sind die Träume und Visionen einer besseren Welt in den Safes der Weltbank verschwunden, wo sie aber Zinsen bringen (auch das muß man sich mal vorstellen!), aber dafür sind einige der größten Konflikte, die unsere kleine Welt erschütterten, verschwunden, zerstoben, im Nichts versickert! Und das ist schön.
Selbst der Generationenkonflikt, der bekanntlich sogar klassische griechische Denker zu Statements veranlaßt hatte, scheint verpufft, aufgelöst in Wohlgefallen und Pluralität. Denn das war am ersten Mai-Wochenende in dieser kleinen Stadt zu beobachten, die sich einer so gnadenlosen Feierei hingegeben hat, daß sich alle Pop-Festivals in diesem Jahr gewaltig werden anstrengen müssen, um dagegen anzukommen. Der gesamte harte Kern der Innenstadt incl. „Guter Stube“ Prinzipalmarkt war besetzt von fröhlichen jungen und älteren Leuten, die gemeinsam den Klängen von Reggae-, Oldie-, Dixieland-, Country & Western- und Krawallbands lauschten. Und die „Kelly-Family“ war auch da, jene irischen Kämpfer für Moral und Wollsocken – herzergreifend und kaum hundert Meter entfernt von der „Boss-Band“ und einer einheimischen Poser-Kapelle mit langhaarigen Herren, die sich mindestens für „Van Halen“ hielten und den Rhythmus von Supermike Glashörster bezogen, der hinter seiner Schießbude tüchtig schwitzen mußte. Jung und alt, reich und arm, Schüler, Studenten, Miethaie und Beamte gaben sich die Hände, um sich einzureihen in diesen glücksverheißenden Reigen – im übertragenen Sinne natürlich.
Und erst das gastronomische Angebot! Endlich vorbei scheinen die Zeiten von Bratwurst und Bier. Auf diesem Stadtfest war fast alles nur vom allerfeinsten. Das Champagner-Haus „Lanson“ war fast so oft vertreten wie die Privatbrauerei Rolinck, Lachsbrote bekam man beinahe überall und der Stand der heimischen Verleihnixe Hambrock wurde uns am späten Abend zu einem sicheren Hafen im wogenden Menschenmeer. Tatsächlich könnten die Hambrocks zu unserem Lieblingsfischgeschäft werden, ihre Bouillabaisse war preiswert und schmackhaft, die (unvermeidlichen) Tintenfischringe nicht allzu fettig und der Lachs wäre ein Gedicht gewesen, dick geschnitten, zart und saftig – hätte nicht ein roher Mensch das arme Tier mit gleich zwei verschiedenen aufdringlich-pappigen Dippings oder Dressings bedeckt. Der Wein war süffig und gut temperiert, ebenso wie an den anderen Buden das Bier, der Sekt und der Champagner, den wir mit 10,- DM/0,1l allerdings etwas übertrieben taxiert fanden.
Eine andere Art der Konfliktbeseitigung probierte Hajo Mussenbrock auf seiner „Nacht der Künste: Liebe – Wider die Trägheit“. Wir haben das Ereignis angekündigt, hoffend, daß sich die Zielsetzung wenigstens im Programm niederschlagen würde. Es hätte gar nicht die Liebe mit all ihren Komplikationen sein müssen, eine feine Nacht mit „United Arts. Vereinigte Leidenschaften. Lustvolle Stunden für Kunst und Publikum“, wie vollmundig versprochen wurde, wären uns sogar die 28,- DM an der Abendkasse wert gewesen. Was gab es statt dessen? Seiltänzer, die mit ihrer Wackeligkeit die Sensationsgier des Publikums anheizten. Ein Streichquartett, das kaum zu hören war, weil den Gästen Smalltalk letzlich wichtiger als Kunstgenuß war. Ein bißchen Tanztheater, ein bißchen Lesung, viel Musik vom Band und einer der charmantesten Conferenciers, dem wir je zu folgen das Vergnügen hatten: Georgette Dee. Romy Camerun hat genauso gefroren wie wir und auf Udo Kier haben wir zugunsten unserer Gesundheit verzichtet.
Es reicht halt nicht, einen Teil einer alten Fabrikhalle goldfarben anzumalen und sich ansonsten auf warme Nächte zu verlassen. Im Mai. Wie gesagt, noch ist er nicht da, der Klimaumschwung.
Was uns aber am meisten befremdete, war das erbärmliche kulinarische Angebot: Neben den berüchtigten Soft-Drinks Fanta, Cola, Wasser, gab’s Bier und Sekt. Keinen Wein! Keinen Schnaps, der uns sicherlich noch die eine oder andere halbe Stunde die nötige Körpertemperatur erhalten hätte.
Kultur macht fast so hungrig wie die Liebe. Bei dem Angebot konnte man sich mit Keuschheitsgedanken tragen: Bockwurst und Kartoffelsalat. Saure Gürkchen! Immerhin weiß man nach so etwas trockenes Toastbrot zu würdigen, das war nicht schlecht, Elliot Blues hätte seine Freude daran gehabt.
Alles hat zwei Seiten: Wer könnte sich an ein Volksfest erinnern, auf dem man sich über schlecht präsentierten Lachs ärgern kann? Wer an ein Kunstfestival, wo es nichtmal Kaffee gibt? Und wer kennt jemanden, der einen zu den wunderbaren Dingen des Lebens einlädt und einen vor den ärgerlichen warnt?
(Mai 1990)
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