Sicher, es gibt für verschiedene Gelegenheiten passendes und angezeigtes Schuhwerk. Wenn man die Absicht hat, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, sollte man große Schwimmflossen tragen, an gewissen Stränden empfiehlt sich der Gebrauch von Badelatschen, bei Spielkasinobesuchen sind Birkenstock-Sandalen unangebracht, die man aber unbedingt braucht, wenn man sich einer bestimmten Lebensart zugehörig fühlt (die Spielbank-Besuche sowieso ausschließt). Bademeister werden nölig, wenn sie Schuhwerk an Beckenrändern sehen. Cowboystiefel sind am besten zum Reiten durch gestrüppige Steppen und Sierras zu gebrauchen, man sieht sie aber auch sehr häufig an Zeitgenossen, die „Pferde“ lediglich mit „Pferdestärken“ statt mit Freiheit & Abenteuer assoziieren. Früher, als wir noch (schul-)sportlich waren, durften wir die Turnhallen nicht ohne Turnschuhe betreten, wehe dem, der mit denselben auf dem Schulhof erwischt wurde. Auch diese Zeiten haben sich geändert, besonders bei Turnschuhen und Westernstiefeln.
Bis vor kurzem galten besonders Turnschuhe als universelle Fußbekleidung, außer bei Vereidigungen für hohe politische Ämter wurden sie praktisch überall toleriert. Tatsächlich sind sie (im Gegensatz zu Westernstiefeln) bequem, haben einen gewissen Chic, sind auch bei unfreundlichen Witterungsverhältnissen warm – weil sie so teuer sind, taugen sie sogar als Statussymbole und Identifikationsobjekte („Puma? Würd’ ich nie anziehen! Muß schon mindestens Nike sein.“).
Das Unerhörte ereignete sich am frühen Morgen des 17. Februars des Jahres 1990. Der unerschrockene Gesellschaftskolumnist hatte nämlich vor, sich ein Bild von der neugestylten „Eule“ in der Königstraße zu machen, um es (an dieser Stelle) seinen treuen Lesern zu vermitteln. Das Etablissement trägt seit kurzem den Namen „Inn“ und wirbt auf Plakaten mit einem Damenpopo, der in einer überaus zerschlissenen Bluejeans steckt. Wir dachten also, daß für diesen Anlaß eine „Edwin“, dazu ein „Marc O’Polo“-Pullover, ein Angora-Schal und Dior-Socken in unseren halbhohen, gepflegten, mit einer sehr edlen Patina versehenen „Puma No. 10“ passend wären (Over-Styling ist uns ein Greuel!). Der Sonnenbank-getönte Zerberus verwehrte uns aber den Eintritt: „Ich kann dich (sic!) wegen der“ – sein Blick glitt mißbilligend abwärts – „Turnschuhe nicht reinlassen.“
Ob er sich wohl auch an Western-Stiefeln gestört hätte? Schließlich ist eine Disco ja nur im übertragenen Sinn eine Steppe. Ob er uns mit „Nikes“ oder ohne Patina wohl hätte passieren lassen? Vielleicht fürchtet er auch nur die gnadenlose, kompetente, brillant formulierte Lokal-Kritik, möglicherweise wurde drinnen den seriös beschuhten Gästen das Bier immer noch aus Senfgläsern (wie der „Eule“ nachgesagt wurde) kredenzt, oder war der Laden so leer, daß man sich schämte? Wir werden es nie erfahren. Unser edleres Schuhwerk werden wir nicht in einem Tanzkeller tragen, wo bloß irgendwelche besoffenen Rüpel(innen, jawohl!) drauf rumstehen.
(Februar 1990)
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