Weil Berlin zum größten Teil von Zugezogenen, sogenannten Wahl-Berlinern, bewohnt wird (der andere Teil sind Eingeborene oder Assimilierte, sogenannte Ur-Berliner wie Eberhard Diepgen, Harald Juhnke, Frank Zander und Britte Grothum, die größtenteils vom Wedding kommen), ist die deutsche Hauptstadt nicht weltstädtisch, sondern die Summe vieler Provinzialitäten. Was allerdings alle Berliner verbindet, ist ihr Stolz auf das, was sie über alle anderen Menschen auf der Welt (außer den New Yorkern) erhebt: ihre Weltläufigkeit. Mit großer Genugtuung und Betroffenheit hören wir immer wieder gerne von der Engstirnigkeit, mit der befreundete und benachbarte Völker und Stämme Errungenschaften der abendländischen Kultur und Zivilisation begegnen. Entfernung gewisser Werke der Weltliteratur aus US-amerikanischen Bibliotheken, Beschlagnahme von Walter-Moers-Alben in Thüringen, Kondomverbot in Irland. Schlimm, sehr schlimm. Kann uns nicht passieren, denn erstens sind wir tolerant und zweitens eine Metropole. Ach ja? Neese, wie man in Berlin sagt, wenn man „war wohl nichts!“ so kurz wie hämisch ausdrücken will. Jüngstes Beispiel: Das Kreuzberger Wirtschaftsamt hat mit Hilfe einer halben Hundertschaft von der Kriminal- und Sittenpolizei das Videodrom geschlossen. Wegen des „Verdachts der Verbreitung gewaltverherrlichender und jugendgefährdender Filme“ wurden so gefährliche Werke wie die US-TV-Serie „Holocaust“, der Dokumentarfilm „Adolf Hitler - Mein Kampf“, Schmuddel-Kultware von Russ Meyer, „Alien“ oder japanische Animationsfilme beschlagnahmt – um die 700 Titel. Im Videodrom versorgen sich Berliner Cineasten, Filmfreaks, -kritiker und –macher mit Ware: 14.500 Titel gehören zum Sortiment, Originalversionen, Klassiker, Bizarres. Hier holt sich die Filmkritikerin der SZ für ihre zweisprachigen Kinder „Dumbo“ in der OV, und Franka Potente klagt: „Nirgendwo sonst in Berlin kann ich mich so gut auf meine Arbeit vorbereiten, indem ich alte oder seltenere Filme meines Regisseurs ausleihen kann.“ Hat Tom Tykwer sein Frühwerk nicht zuhause? Egal. Die Szene ist in Aufruhr, mehr als 20 Benefiz-Veranstaltungen (Filmvorführungen mit beschlagnahmten Filmen in den Kinos, Parties, Diskussionen). Berichterstattung von „Junge Welt“ bis „Frankfurter Allgemeine“, allgemeine Geißelung des Wirtschaftsamtes. Herzerwärmend. Hoffen wir nur, dass die Entwarnung erst nach dem Ende der Soli-Aktionen gegeben wird, aber bevor die Betreiber durch die laufenden Kosten ruiniert sind. Guten Rutsch!
(Dezember 1999)
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