Botschaft von Piña
Das war schon ein erhebendes Gefühl, meinen Namen das erste Mal in einem Artikel zu lesen, statt immer nur kursiv darunter. Zwar fehlt mein liebstes „r“, aber Schwamm drüber! Ach ja, good ol’ Edi, mit dem ich seinerzeit so manches Glas geleert habe – obwohl ich seine Vorliebe für die schottischen Destillate mit den unaussprechlichen Namen nie habe teilen können –, er ist immer noch grantig und auch wacher, als es seine fortschreitende Abstinenz vermuten ließe... Hat er tatsächlich gemerkt, daß ich nicht mehr da bin. Obwohl seine Äußerungen über meine Person nicht ganz der Wahrheit entsprechen, bzw. nicht auf dem aktuellen Stand sind. Erstens lege ich Wert darauf, daß ich immer noch am liebsten trunken bin, auch als „Epiphyte“ (Was das wohl heißt? Na, ich nehm’s als Ehrentitel!). Was natürlich meiner Karriere als Taxifahrer nicht gerade förderlich war. Aber man soll dem Vergangenen nicht nachtrauern, immerhin bin ich immer noch im Personenbeförderungsgewerbe beschäftigt. Seit nun schon über einem Jahr arbeite ich als amtlich bestellter Aschenbecherentleerer in den ÖPNV-Einheiten der BVG. Ein harter Job, nur durch gute Beziehungen zu ergattern. Wie alles in dieser Stadt. Zu Ausstellungseröffnungen werde ich nicht mehr geladen, dafür kann ich die Reste aus den Bierflaschen trinken, deren ehemalige Besitzer nicht mehr in der Lage (oder nicht willens) waren, sie in den dafür vorgesehenen Behältnissen zu entsorgen. Am gesellschaftlichen Leben habe ich trotzdem teil. Man hört allerlei in Bussen, U- und S-Bahnen. Und man sieht viel, vorzugsweise in den weltberühmten Berliner Doppeldeckern. In dieser Zeit Weihnachtsdekorationen und Lichterketten, die jeden Gartenpartyausrichter vor Neid erblassen lassen. Und Weihnachtsmärkte auf allen Plätzen, an allen Bürgersteigen, die breiter als drei Meter sind oder Raum für mehr als vier Autos bieten. Da frieren Studenten und Lebenskünstler und beneiden die zahllosen Passanten, die sich wenigstens bewegen dürfen. Aus Rache wird versucht, die mit grauseligen Mischungen aus Christkindls Weihnachtsglühwein und Hochprozentigem außer Gefecht zu setzen. Wozu? Damit die Komplizen der Punschdealer, die Tandverkäufer, ihren Kram an den Mann bringen können. Aber was erzähle ich (Wahl-)Münsteranern? Schließlich habe ich selbst so manchen vorweihnachtlichen Tag im Rathausinnenhof verbracht. An genaueres konnte ich mich schon Stunden später nur mit Mühe erinnern, aber die Beweise jener Umtriebe (handgeschnitzte Korkenzieher, selbstgedrehte Schmuckkerzen, hausgeblasener Baumschmuck) verstauben noch immer auf meinen schmalen Regalen.
Jedenfalls freue ich mich, daß besagter Kollege die Gelegenheit genutzt hat, den Highland-Malt-Becher gegen die Sektflöte zu tauschen, und bedauere ihn, weil die Jahreszeit eher nach schwerem Rotwein ist. Und bemerke nachsichtig, daß er den Kalauer „Marc oder Chagall“ nicht mit einem kultivierten „de Champagne“ ausgebaut hat. Er fängt schließlich erst an. Frohes Fest!
Piña „Epiphyte“ Borracha
(Dezember 1991)
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