Kürzlich in Bielefeld gewesen. Was auffällt: deutlich längere Ampelphasen, vor allem rot, weniger Straßensperrungen wegen eskortierter Regierungsbeamter, eine hochentwickelte Gastfreundschaft. In Berlin verhandeln wir manchmal monatelang wegen eines Termines, und dann gibt‘s nur Filterkaffee und Kekse. In Bielefeld dagegen Junggesellenpasta, Wein bis zum Schwanken und am nächsten Morgen ein Frühstücksei. Von den guten Gesprächen ganz zu schweigen.
Überhaupt Bielefeld. Es soll Oetkers geben, die wohnen in Hamburg und halten sich ein klimatisiertes Zigarrenaufbewahrfach in der Bar vom Savoy Hotel, gleich neben der Berliner Börse. Das sind dann auch die Leute, die den Transrapid durchdrücken wollen, weil sie schneller bei ihren Havannas sein wollen. Aber es geht auch andersrum.
Amsterdamer Künstler, wegen Herzensangelegenheiten an den Teutoburger Wald verschlagen, kommen auch manchmal in die Hauptstadt. Weil hier ja kulturell ungeheuer was los ist, sowieso, und weil es in Berlin mit auffällig vielen Exil-Ostwestfalen immer eine Übernachtungsvakanz gibt. Wovon manchmal auch die Gastgeber profitieren, diesmal jedenfalls, denn der Besuchsanlass war die Verleihung des Prix Europa in Babelsberg. Beim Prix Europa werden in sechs Kategorien die besten Fernseh- und Radioprogramme des vergangenen Jahres mit zehn Preisen prämiert, und in Insiderkreisen scheint er trotz der mageren Dotierungen von jeweils 6000 Euro recht beliebt zu sein. 700 Teilnehmer aus 44 Staaten sahen und hörten sich die fast 500 nominierten Programme an, darunter auch „De egyptische schaatser”, das Hörspiel, das der Bielefelder Amsterdamer inszeniert hatte, und der Gastgeber (also ich) durfte mit auf die Verleihungsfeier, zu der der Ministerpräsident des Landes Brandenburg persönlich eingeladen hatte. Stolpe war aber nicht da, auch Naumann nicht, aber ORB-Intendant Rosenbauer moderierte die Veranstaltung recht munter, SFB-Intendant Schättle bekam einen Preis für das SFB-Lebenswerk, prämiert wurde unter anderem mal wieder Schlingensief, der war aber auch nicht da, gemeinsam mit einigen osteuropäischen Preisträgern, denen die Fahrtkosten wohl zu hoch waren, und Brandenburgs neuer Wirtschaftsminister sprach die Keynote und sagte dabei so denkwürdige Sachen wie „Konflikte entstehen aus Unwissenheit und Intoleranz” und dass sowas, wenn es nach ihm geht, abgeschafft gehört. Bei der anschließenden Party deutlich weniger attraktive Siebzehnjährige in inniger Begleitung wahrscheinlich ihrer Großväter als bei jeder x-beliebigen Filmpremiere, ein lausiges Buffet und ein gutgelaunter Hörspielregisseur, weil „De egyptische schaatser” immerhin eine Special Commendation gewonnen hatte. Noch schöner wäre gewesen, wenn die dänische Laudatorin diese lobende Erwähnung auch genannt hätte, aber man kann nicht alles haben. Moralisch seien sie die Sieger gewesen, erkannte das niederländische Team bei der Nachfeier im kleineren Kreis, und so können alle ganz zufrieden sein: die Niederlande über einen weiteren moralischen Sieg, Bielefeld über noch einen berühmten Sohn, Berlin-Brandenburg über das Interesse der Weltöffentlichkeit und nicht zuletzt der Autor, weil es immer schön ist, Künstler auf dem Weg zum Erfolg zu kennen, abgesehen von einer weiteren Übernachtungsmöglichkeit in Bielefeld.
(Oktober 1999)
Zurück zu Berlin-Souvenirs |