Berlin ist anders. Berlin-Korrespondenten versuchen seit je her, ihren Lesern in der Provinz dieses Anderssein zu erklären. Von Toleranz ist da die Rede, gerne auch von einer angeborenen (obwohl seit je her die wenigsten relevanten Berliner Eingeborene sind) Skepsis der Obrigkeit gegenüber. Was stimmt, jedenfalls teilweise: wer an allem rummeckert und mit nichts zufrieden ist, hat natürlich auch an der Obrigkeit allerhand auszusetzen. Auch die Art und Weise, wie der Berliner dies tut, gilt als typisch: Herz mit Schnauze. Dieses Gleichgewicht des Schreckens bestand vor Jahren (in Friedenszeiten, wie unsere Ostberliner Brüder und Schwestern sagen) noch, bis das Gewicht der Schnauze wuchs – zu Ungunsten des Herzens. Auswärtige, die hier öffentliche Verkehrsmittel benutzten, wussten nicht, vor wem sie mehr Angst haben sollten: vor dem Personal oder den Mitfahrenden. Lebensgefahr für Autofahrer, die den Grünen Pfeil nicht wahrnahmen. Schlimme seelische Deformierungen auch, wenn ein ahnungsloser Berlin Gast an Silvester beim Bäcker “Berliner” bestellte. Zwar isst man hier gerne Wiener, Frankfurter und Hamburger, aber Berliner heißen hier Pfannkuchen, wehe!
Umso größer das Erstaunen, als wir kürzlich in “Henriettes Feinbäckerei” eine Dame mit deutlich süddeutschem Zungenschlag “vier Brötchen” bestellen hörten. Vorbereitet, schnell Beistand zu leisten, falls die Kundin dem vermeintlich unvermeidlichen Dialog (“Wat’n für Brötchen? Mohn, Sesam, Roggen, Feierabend?” – “Na Brötchen eben, solche, wie...” – “Schrippen mein’se? Det sin Schrippen. Merk‘n sich det!”) nicht gewachsen sein sollte, vergaßen wir fast unsere Wünsche, als die Dame bedient wurde. Vier Schrippen bekam, dazu noch ein Lächeln. Nun ist Henriette nicht mit irgendeiner Brötchenfabrikfiliale in Neukölln zu vergleichen, sondern Charlottenburger Kiez vom Feinsten, aber dass auf einmal die Regeln nicht mehr gelten sollten, hat uns doch nachdenklich gemacht. Bis wir in Mitte ein Wahlplakat der PDS sahen: “Keinem Bonner wird es schlechter gehen”, stand da, dekoriert mit Gummibärchen (zu sehen auch unter http://www.pds-berlin.de/wahlbuero/program0.htm). Sollte die PDS zusammen mit der wahrscheinlich CDU-dominierten Bäckerinnung eine Geheimkampagne gestartet haben, Codename glücklicher Neuberliner, um der SPD endgültig den sicheren Platz als vorläufig drittstärkste Partei zuzuweisen? Einfache Strategie: Im Westen profitiert die CDU von den Zuzüglern, weil den Diepgen jeder kennt und der auch schon immer da war, und dass die SPD den Momper als Spitzenkandidaten hat, glaubt eh keiner mehr. Man hat nur seine Absetzung verpasst. (Auf den Plakaten ist er übrigens schon weg. Da steht jetzt nur noch: “Für Berlin. Wir kämpfen!”) Und im Osten wählt sowieso jeder PDS, auch die Neuen, allein, um ihren Chefs mal richtig einen reinzuwürgen. Und dann? Brauchten wir die Mauer nicht gleich wieder aufzubauen, aber eine klare Trennung der Stadtregierungen hüben und drüben wäre sicher unvermeidlich, allein, weil man dann endlich wieder wüsste, wer der Feind ist und wo er sein Unwesen treibt.
Apropos: Inge Meysel verlässt die Stadt. Angeblich soll die Miete ihrer Wohnung in der Schöneberger Heylstraße 29, die sie seit 49 Jahren mit Mutter und zwei Ehemännern (nacheinander!) bewohnt hatte, erhöht werden. Pure Desinformation: Frau Meysel als typisch skeptische Hauptstädterin mit Herz und Schnauze hätte sich das niemals bieten lassen, sie kennt ihre Rechte, und ihr bester Freund ist der Friseur Udo Walz (der kriegt auch ein paar Möbel); wer weiß, wen der kennt?
Verwirrende Faktenlage. Fest steht nur, dass nach wie vor alles anders wird, vielleicht nur nicht mit einer Koalition der Blockparteien. Denn erstens wäre Frau Meysel dann bestimmt nicht geflohen, und zweitens würde Henriette so eine Sauerei niemals mitmachen.
(September 1999)
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