Man kommt ja auch herum. Köln zum Beispiel, Hauptstadt des gleichnamigen rheinischen Regierungsbezirkes, Domstadt, Messestadt, und in der bundesdeutschen Unterhaltungsindustrie ganz vorn. WDR und RTL, Shows, Shows, Shows. Aber einen Bahnhof haben die, der spottet jeder Beschreibung. Baustelle, ok, wie überhaupt viel gebaut wird da, aber so schlimm hat der gute alte Bahnhof Zoologischer Garten nicht mal zu Zeiten von Christiane F. ausgesehen. Und heute? Keine Frage. Nina Hagens Lied vom Damenklo ist historisch geworden, die sanitären Anlagen werden von einer Firma namens McClean bespielt. So sieht es da auch aus. Man könnte vom Boden essen, wenn Essen erlaubt wäre, was es wahrscheinlich ebensowenig ist wie alles andere außer pinkeln und defäkieren. In Köln hingegen... Nun ist es für Auswärtige ja schon schwer, den nativen Rheinländer vom nicht-sesshaften Besoffski zu unterscheiden – Aussprache und Kleidungsgewohnheiten lassen die Grenzen verschwimmen. Aber wo es in Berlin schon immer mindestens drei annehmbare Imbiss-Italiener in fußläufiger Entfernung gab (und jetzt sogar einen Segafredo-Stand mit original-italienisch uniformierten Service-Kräften in der Halle), muss man in Köln HBF ein Weilchen suchen, um an einen Espresso zu kommen. Und durch die Baustelle irren, die Auswärtigen wie uns reichlich labyrinthisch vorkommen, vorbei an Imbissbuden, die “Dat Frikadellchen” heißen. Baustelle eben.
Wie das mit Baustellen so ist, werden sie irgendwann keine Baustellen mehr sein, sondern mehr oder weniger fertige, funktionstüchtige Wasauchimmers. Dann kommt jemand Wichtiges, durchtrennt ein oft rot schimmerndes Bändchen und übergibt das Ganze seiner Bestimmung oder der Öffentlichkeit oder beidem. Danach gibt’s ein Buffet und am nächsten Morgen einen Kater, weil die Weine immer ganz außerordentlich süffig aber leider minderwertig sind, was die Bekömmlichkeit angeht.
Das ist hier in Berlin natürlich auch so, bis auf einen kleinen Unterschied: Da wir in der Großstadt es immer eilig haben, feiern wir gerne schon mal vor der Fertigstellung unserer Projekte. (Klar, die Beteiligten wollen zu Lebzeiten auch was davon haben, nicht so wie beim Kölner Dom zum Beispiel, 500 Jahre Bauarbeiten und immer noch nicht richtig fertig. Andererseits hat das ja auch etwas Verbindendes, das ewig Werdende und nie Vollendete, hier eine Kirche, dort eine Heimatmetropole.) Wie dem auch sei, kein Wunder, dass die Schröder-Regierung in einem so grauenhaften Zustand ist, ständig muss man feiern und durchtrennen und einweihen und die Ehre geben bei Vorab-Eröffnungen oder Kanzlerfesten unter Linden. Und mit einem dicken Kopf, zumal in einer fremden Stadt, regiert es sich eben ein bisschen mühsam. Dafür findet man hier fast so schnell einen Espresso wie in München. Alles andere ist Gewöhnung.
(September 1999)
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