StartseiteWerkeGlossen, KolumnenBerlin-Souvenirs

SÄULEN & MITTEN

Schöne Hauptstadt, die wir hier haben. Jetzt auch mit Regierung. Alles wird ein bisschen teurer als geplant. Normal. Wenn Debis ein kleines Stadtviertelchen baut, bleibt alles im finanziellen und zeitlichen Plan, zumindest nach außen hin. Und die Bürger bekommen noch eine neue Mitte Berlins dazu, mit U-Bahnhaltestelle, Einkaufsparadies und Freizeitzentrum nebst Musicaltheater.

Aber wenn die Bundesrepublik sich einen Regierungssitz ausstattet, kommt es auf ein paar Monate (was ist schon ein Jahr?) und die eine oder andere Milliarde extra nicht an. Das Bundeskanzleramt (zum Beispiel) wird um schätzungsweise 100 Millionen (sagt Frau Eichstädt-Bohling vom Koalitionspartner) teurer, weil man den Baugrund falsch eingeschätzt hat. Was dachten die? Marmor? Granit? Führerbunker? Natürlich befinden sich auch unter der Bundeskanzler-Baustelle nichts als der bekannt hohe Grundwasserspiegel und Märkischer Sand. Nichts Neues. Auch der Reichstag ruht aus dem selben Grund von Anfang an auf Kiefernstämmen, knapp 3000 an der Zahl, und die sollen angeblich noch ein Weilchen halten.

Aber heute macht man aus Kiefern Naturholzmöbel und Schaumbäder, für moderne Regierungsbauten bleibt da nichts übrig. Vielleicht verleimen sie 1000-Mark-Scheine zu Pfählen. Wenn der Euro da ist, wird die Mark ja nicht mehr gebraucht, und bei Geld können die Ressourcen nicht so begrenzt sein wie zum Beispiel bei Kiefern (Geld wächst auch schneller). In Kombination mit der neuen Mitte, die der Bundeskanzler bestimmt mitbringt, könnte das – auch bei niedriger Pfahl-Zahl – eine ausbalancierte Lösung für das Untergrundproblem beim Bundeskanzleramt sein. Andererseits setzte diese Lösung die Festschreibung der neuen Mitte zumindest im Bundeskanzleramt voraus. Unabsehbare Folgen für den Fall, dass ein anderer Bundeskanzler Bundeskanzler würde. Da wäre es schon besser, wenn dieser andere Bundeskanzler vor Fertigstellung des Bundeskanzleramtes Bundeskanzler würde, weil man dann ja noch einmal nachbessern könnte. Dafür bliebe bis zum Frühjahr 2001 Zeit. Bis dahin wird dort regiert, wo zuletzt Erich Honnecker die Geschicke seines Deutschlands zu lenken versucht hat: im Staatsratsgebäude, immer noch ausgestattet mit kämpferischen Glasmalereien. “Trotz alledem!” auf rotem Grund unter einem sozialistisch-realistisch-holzschnittartigem Lenin. Denkmalschutz. Das Staatsratsgebäude, das interessanterweise immer noch so heißt, wurde übrigens auch auf Säulen gebaut. 826 sind es, nicht aus Kiefer, sondern aus Beton.

Der Bundeskanzler sagte übrigens an seinem ersten Arbeitstag in der Hauptstadt zu Presse und den versammelten 60 Schaulustigen, dass Berlin als Stadt eine Herausforderung sei. Er kann beruhigt werden: Mit Blick auf die Mitte unter Beachtung des Untergrundes kann eigentlich alles nur besser werden.

(August 1999)


Zurück zu Berlin-Souvenirs