Als amtlich bestellter Aschenbecherentleerer im öffentlichen Personennahverkehr bin ich natürlich privilegiert. Nicht nur, daß ich meine Monatskarten schon Tage vor dem Ersten kaufen kann. Ich habe auch die Möglichkeit, Quellen zu erschließen, die dem normalen Fahrgast verschlossen sind. Dazu muß man wissen, daß auch und gerade in Berlin das Schwarzfahren zu den beliebtesten Freizeitvergnügen bei jung und alt gehört. Bei den gewöhnlichen Schwarzfahrern steht zwar der praktische Aspekt im Vordergrund: der schnöde Geiz, wie ich als aus öffentlichen Mitteln Besoldeter hinzufügen muß. Aber auch im Bereich der städtischen Fortbewegung gibt es einige wenige von sportlichem Ehrgeiz Getriebene, die alle Schliche und jeden Trick kennen, um die Kontrolleure hinters Licht zu führen. Der Einsatz moderner Farb-Fotokopiertechnik ist zwar beinahe ebenso teuer wie der legale Wertmarkenerwerb, aber Spaß macht’s doch, die Aufpasser mit selbstgemachten Monatskarten-Aktualisierungs-Aufklebern zu foppen. In nämliche Bereiche wollte ich vordringen, als ich einen großangelegten 2nd-Hand-Fahrkartenhandel aufzuziehen versuchte. Unglücklicherweise – und das ist es, was ich eigentlich erzählen wollte –, ertappte mich mein Chef, ein nachtschichtender, bärbeißiger Bürokrat, während ich all die abgelegten Billets in meinen privaten Fahrschein-Wertstoffsack entsorgte, um sie später mit Tipp-Ex und einem feinen Pinsel zu recyclen. Großes Donnerwetter! Defizits-Moralpredigt! Zum Glück: eine letzte Chance („Boratscha, daß mir sowas nie mehr vorkommt!“). Aber: strafversetzt.
Nicht mehr in den heimeligen U-Bahn-Waggons der Linie 6 tätig sein, die aus den Reihenhausghettos Alt-Mariendorfs mitten durch die Stadt in die grauen 45qm-2-Zi.-K.-Du.-Quartiere nach Tegel und Retour fahren! Keine Joint-Reste aus den Linie-1-Aschenbechern sammeln! Auf den Bus bin ich gekommen, zur Linie 100, die bei den Kollegen seit der „Wende“ am verhaßtesten ist, weil sie vom Bahnhof Zoo ausgehend via Alexanderplatz den tiefsten Osten penetriert, wo alltags Touristenscharen glauben, die Gebühr für Stadtrundfahrten sparen zu können und Hauptstadt hautnah, mit dem Ohr am Puls der Berliner sozusagen, erleben zu können. Für drei Mark! Nichts als Ernte 23 und Marlboro in den Aschenbechern, nichts als Karlsquell-Dosen und Rotkäppchen-Sektflaschen – leer, versteht sich! – zwischen den Sitzen. Das wäre schon Strafe genug, begännen nicht just in dieser Zeit die Filmfestspiele, und die „Hundert“ tangiert das Pressezentrum, die ehemalige Kongresshalle, die jetzt „Haus der Kulturen der Welt“ heißt. Ergo: Mengen von Filmkritikern, Pfeifen- und Nichtraucher zumeist, die Smirnoff- und Absolut-Wodka trinken und keinen Schluck fürs Personal übriglassen. Pfeifendreck und Kaugummis in den Ritzen, Bonbonpapier in den Aschern! Viele haben keine Bleibe, so daß mein Besen nächtens nicht nur mit allerlei buntem „Informationsmaterial für die Fachpresse“ zu tun haben wird, sondern auch den einen oder anderen Lokal-Feuilleton-Redakteur unsanft aus cineastischen Träumen schrecken muß.
Das steht mir noch bevor. Mit dem normalen Publikum hatte ich kürzlich schon zu tun. Ein Haufen Filmbegeisterter nahm Quartier auf dem Oberdeck, um am nächsten Morgen mit der ersten Fahrt pünktlich die Vorverkaufszentrale im Europa-Center zu erreichen. Dort wollten diese Irren stundenlang bis zur Kassenöffnung ausharren, um eine der begehrten Karten für die feierliche Eröffnungsvorstellung zu ergattern. Zwar konnten mir die wenigsten den Namen des Filmes nennen, sie handelten wohl nach der olympischen Devise „Dabeisein ist alles“ <196> wobei auch immer, wie man ergänzen muß.
Es wurde jedenfalls eine recht bunte Nacht, und zum Abschied haben meine neuen Freunde versprochen, mir die Kinokarten zwecks Recycling zukommen zu lassen. Dagegen kann auch mein Chef nichts haben.
Piña Borracha
(Februar 1992)
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