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BRIEF VON PIÑA: POWER FROM THE EASTSIDE

Als amtlich bestellter Aschenbecher-Entleerer der BVG arbeite ich natürlich nachts, wenn Busse und Bahnen ruhen und ich in aller Ruhe meine Runden durch die ÖPNV-Einheiten drehen kann, bewehrt mit Eimerchen, Pinseln und verschiedenen Wertstoffsäcken, in die ich Bierdosen, Schnapsflaschen und die Tageszeitungen des Vortages stopfe; der Grüne Punkt ziert auch meine Uniform. Seit mir ein Fahrgast, den ich in einem Waggon der Linie 1 (natürlich) fand, aus Dankbarkeit ein Radio geschenkt hat, kann ich nebenbei auch noch den Lauf der Welt verfolgen. Ich hatte ihn aus einem Alptraum befreit, der wohl davon handelte, daß alle Fahrgäste plötzlich zu singen beginnen. Er schenkte mir das Radio, weil er von Musik erstmal genug hatte. Ich nicht, ich mag Geräusche bei der Arbeit und gerade in Berlin drängen sich viele Sender auf der Skala: private und öffentlich-rechtliche, die sich meistens kaum voneinander unterscheiden, weil sie entweder die „Schultheiss-Berliner“ mit deutschen Schlagern oder alle anderen mit „Hits der 70er, 80er und 90er“ (RTL-Radio-Slogan) bedienen. Und dann gibt’s da noch eine Station, die mir schon früher aufgefallen war und die nicht in die Kategorien paßt, weil sie nämlich nicht privat ist und schon gar nicht öffentlich-rechtlich, eine „Einrichtung“, die mit vielen anderen laut Einigungsvertrag zum 31.12.1991 aufgelöst werden sollte: das „Jugendradio DT 64“. Ich will nicht mit Details langweilen, nur soviel: Es ist definitiv der beste, frechste, unkonventionellste und dabei informativste Sender, den ich je gehört habe. Er hat zwar nicht die Einschaltquoten vom Dudelfunk Rias 2, dafür aber einen mordsmäßigen Wortanteil und eine Zielgruppenbindung, von der die müden Moderatoren der „Flipzeit“ (zum Beispiel) nur träumen können. DT64-Hörer traten in den Hungerstreik, besetzten Staatskanzleien und Sendezentralen, sammelten hunderttausende von Unterschriften und schrieben Briefe an Politiker (als ob die lesen könnten!), um ihren Sender zu erhalten. Da ziehe man nochmal über die Zonis her! Sage ihnen nach, daß ihnen in 40 Jahren Sozialismus das Urteilvermögen abhanden gekommen wäre! Dieser Sender hat auch seiner Klientel nicht nach dem Munde geredet, hat agitiert (gegen Bevormundung und Verdummerei) und propagiert (die sperrigen Klänge und anstrengenden weil unbequemen Ansichten) ... aber genug geschwärmt! Jedenfalls gab es am Silvestertag Hoffnung, daß ich mein Radio auch im neuen Jahr noch nutzbringend einsetzen könnte, man erklärte sich nämlich bereit, den Sender auf den Frequenzen von ODR und MDR sozusagen huckepack für eine gewisse Zeit weiterlaufen zu lassen. Diese gewisse Zeit scheint jetzt, Ende Januar, schon abgelaufen zu sein. Der MDR will ein entideologisiertes „Rockradio“ selbst produzieren und der ODR wird wegen eines nicht näher bezeichneten Formfehlers demnächst wohl auch abschalten. Die TAZ nannte das in einem ihrer wenigen klaren Momente „kalkuliertes Aussitzen“, was den Vorgang ziemlich genau umschreibt.

Und mein Radio und ich? Wir werden es wohl trennen. Wenn ich es versetze, kann ich mir vom Pfandgeld eine Flasche Nordhäuser Doppelkorn kaufen. Ich brauche es nicht mehr. Die alten Hits kann ich nämlich alle selber singen.

Piña Borracha

(Januar 1992)



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