"ES GIBT IMMER EINE SCHMERZGRENZE"
Der deutsche Film hat zur Zeit gerade eine kleine Hausse: Im Februar waren gleich zwei deutsche Filme in den Top-Ten, und vielleicht gelingt mit Das Superweib ein Anschlußerfolg. Immerhin hatte Sönke Wortmanns letzter Film Der bewegte Mann sechseinhalb Millionen Zuschauer.
Das Superweib handelt von der Hausfrau Franziska Herr-Gross (Veronica Ferres), die sich mehr aus Versehen von ihrem Ehemann, dem TV-Regisseur Will Gross (bürgerlich Wilhelm Großkötter; gespielt von Thomas Heinze) scheiden läßt. Ihr Anwalt (Joachim Król) rät ihr, alles, was mit der Ehe zu tun hat, aufzuschreiben, was Franziska tut. Die Aufzeichnungen geraten in die Hände der Mutter des Anwalts (Liselotte Pulver), die sie einem Verlagslektor (Heiner Lauterbach) gibt, dem sie gefallen. Franziska stimmt einer Veröffentlichung zu – unter dem Pseudonym Franka Zis. Das Buch wird ein Bestseller, und ausgerechnet Will Gross will daraus einen Kinofilm machen, ohne zu wissen, wer Franka Zis wirklich ist.
Diese Geschichte stammt von der gebürtigen Bielefelderin Hera Lind (bürgerlich: Herlind Wartenberg), und sie war mit 1,4 Millionen verkaufter Exemplare ein veritabler Bestseller. Hera Lind hat Erfahrung mit Filmen nach ihren Romanen. Ihr erster Bestseller „Ein Mann für jede Tonart“ (Auflage: 1 Million) wurde von Peter Timm mit Katja Riemann verfilmt, und man spricht von ernsten Differenzen zwischen Produktion und Autorin. Der Roman „Das Superweib“ soll eine direkte Reaktion auf diese Erlebnisse sein.
Sönke Wortmann verfilmt einen Bestseller von Hera Lind, in dem es um einen Regisseur geht, der einen Bestseller verfilmt. Gibt es noch weitere Parallelen zwischen Film und Leben? Ich bin kein Arschloch wie Will Gross, oder?
Natürlich nicht, aber die Probleme, die die Romanautorin mit dem Filmemacher hat, sehen ziemlich realistisch aus. Sie mußten den Roman doch auch umschreiben? Ja, schon, es war für uns aber wesentlich einfacher als für die Filmfigur. Die Hera Lind ist nämlich ziemlich vernünftig und hat eins kapiert: daß Film ein anderes Medium ist als ein Buch. Und sie kann halt loslassen, das können viele Autoren nicht. Sie sagt okay, ich hab jetzt mein Buch gemacht und jetzt müßt ihr den Film draus machen, und ich bin gespannt, was dabei rauskommt.
Die Besetzung vom Superweib: hatten Sie die Leute schon im Kopf, als Sie das Drehbuch gelesen haben? Joachim Król war für mich schnell klar, auch Thomas Heinze. Ich arbeite ja immer gerne mit Leuten, mit denen ich schon mal gearbeitet habe, das macht mir Spaß, und ich weiß, daß das Publikum die gerne wiedersieht.
Wie sind Sie auf Liselotte Pulver gekommen? Als Bewunderer von Billy Wilder ist der Schritt nicht weit.
Liselotte Pulver steht für mich zuerst für manche besseren deutschen Komödien der 50er und 60er Jahre, Kurt Hoffmann und so. An die denke ich auch, ja. Da gab's ja auch ganz gute deutsche Filme.
War es schwer, Frau Pulver zu gewinnen? Sie war ja schon lange nicht mehr im Kino zu sehen. Naja, sie durfte ja nicht, sie wurde ja nicht besetzt.
War sie begeistert? Begeistert wäre sie über eine Hauptrolle gewesen, aber sie hat sich sehr gefreut, daß man sie sozusagen wiederentdeckt hat. Der Film hat ihr sehr großen Spaß gemacht und ich finde, in jeder Szene, in der sie auftaucht, ist sie auch sehr präsent. Und ihre Rolle, die ja eigentlich eine Nebenrolle ist, kommt mir im Nachhinein sogar größer vor, als sie es ist.
Gab es Unterschiede in der Arbeit mit den Schauspielern? Liselotte Pulver gehört ja einer viel älteren Schauspielergeneration an. Ja, einen kleinen Unterschied habe ich da schon gesehen. Sie ist wirklich extrem gut vorbereitet. Sie sagte immer: Sönke, der erste Take ist sowieso immer der beste, spätestens der zweite. Und wir haben auch selten mehr als zwei gedreht bei ihr. Bei den anderen war das schon anders.
Sie haben ja diesen tollen Deal mit Bernd Eichinger, drei Filme für die Constantin zu inszenieren. Der bewegte Mann ... ... war der erste davon.
Läßt er Sie als Regisseur in Ruhe, können Sie machen, was Sie wollen, oder ist er dominant und versucht, Einfluß zu nehmen? Nein. Das ist eine Frage, die ich immer wieder gestellt bekomme, die ich – wie soll ich sagen? – nur begrenzt verstehe. Am Drehort zum Beispiel war er in acht Wochen insgesamt sieben oder acht Minuten. Hat kurz guten Tag gesagt und ist dann gegangen. Er ist in der Drehbuchphase sehr engagiert und auch im Schnitt wieder.
Die Frage kam wahrscheinlich daher, daß wir es in Deutschland mit wirklich starken Produzenten nur selten zu tun haben. Ich sehe das ähnlich. Ich bin aber auch ein starker Regisseur, ich lasse mir da nicht so unbedingt reinreden. Diese Fragen klingen immer so, als würden sich Produzent und Regisseur von vornherein erstmal nicht verstehen. Dabei sind die Interessen des Produzenten und des Regisseurs zum großen Teil dieselben. Die wollen beide einen guten Film machen. Nur, wie kriegt man das hin? Was ich damit sagen will: Man kann unter vernünftigen Leuten alles besprechen, und dafür ist für mich auch ein Produzent da. Damit man sich mit ihm kreativ reiben kann und dann gemeinsam eine Entscheidung fällt. Das kann man mit Bernd Eichinger wunderbar.
Sie gehören zu einer neuen Generation deutscher Filmemacher, denen das Publikum wichtiger als Selbstverwirklichung ist. Ich wollte immer ein Publikum unterhalten, nicht mehr und nicht weniger.
Wie setzen Sie da Ihre Kriterien? Ich höre oft Leute, die sagen, wir machen‘s für ein Publikum, aber dann sagen sie auch, wir dürfen ihm nicht hinterherrennen. Beides ist ja auch richtig. Es gibt ja immer eine Schmerzgrenze, sagen wir mal so. Das Publikum – und auch ich als Teil des Publikums – hat das Bedürfnis, sich zu unterhalten. Das muß ja nicht durch Lachen sein. Es kann auch durch Trauer sein, durch Angst beim Thriller. Ich möchte berührt werden, wie auch immer.
Gibt es noch weitere Aspekte, die dem vielleicht untergeordnet sind, die aber auch sein müssen? Haben Sie über die Unterhaltung hinaus etwas, was Sie transportieren wollen? Ja, in jedem Film ist da schon was drin. Nur ist das halt wesentlich einfacher, als man sich das denkt. Jeder Film hat auch einen politischen Standpunkt. Wenn Rambo in Vietnam irgendwelche Vietnamesen umnietet, dann weiß ich, warum dieser Film entstanden ist, ein politischer Standpunkt.
Und was ist der Standpunkt beim Superweib? Der Standpunkt ist der, daß ich finde, daß Frauen sich nicht alles gefallen lassen sollen, und daß ‘ne ganze Menge dabei rauskommen kann, wenn man sich mal traut, kreativ zu sein. Nicht nur Frauen: die meisten Menschen trauen sich einfach nicht.
Aber die Heldin ist zunächst nicht begeistert, daß ihre Notizen eine größere Verbreitung finden. Es wird durch Zufall angetippt, aber sie bleibt dann ja dabei: irgendwann schreibt sie ihren zweiten Roman. Und ich glaube, daß viele Menschen das genauso könnten, und das steckt in dem Film drin. Das ist jetzt nicht: Rettet die Welt! Das ist ja sowieso klar. In Der bewegte Mann gehen am Schluß Schwule und Heteros zusammen einen saufen. Und das ist eine Botschaft, die angekommen ist, auch bei schwulenfeindlichen Heteros.
Und bei heterofeindlichen Schwulen? Da war's ein bißchen anders ... (Sönke Wortmann lacht und überlegt) ... aber doch: die mit uns gearbeitet haben, haben gesagt, die Heteros sind ja doch ganz lustig und haben die bessere Musik auf Partys.
Herr Wortmann, stehen Sie unter Druck, Ihren Riesenerfolg wiederholen zu müssen? Nee, überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Ich habe jetzt das Gefühl, ich kann ruhig mal ‘nen Flop machen, davon geht die Welt immer noch nicht unter. Der bewegte Mann war schwierig, weil der Film davor eben ein Flop war, deshalb stand ich danach tatsächlich unter einem sehr großen Druck.
Das war Mr. Bluesman, da ist wirklich was schiefgegangen. Das kann passieren, das passiert den Größten unter uns.
(März 1996)
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