StartseiteWerkeFilmInterviews, Portraits

Roland Emmerich - Stargate, Independence Day

Nachdem „Stargate“ in den USA einige Kassenrekorde gebrochen hat, ist er jetzt auch in deutschen Kinos zu sehen. Vorher wurde Regisseur Roland Emmerich auf Interview-Marathon geschickt. In Berlin hat er Jens Steinbrenner getroffen.

„ICH BIN EINE AKTIE“

Zur Zeit wird in Babelsberg gerade der Pilotfilm zur Science-Fiction-TV-Serie Star Command gedreht, eine Koproduktion zwischen dem Babelsberger Studio und dem US-Major Paramount. Was halten Sie davon, US-Filme im Ausland zu drehen?
Es wird immer vom Dollar-Kurs abhängen, es sieht also gerade nicht sehr günstig aus. Wenn du wirklich die Kosten nebeneinander stellst, hat es fast keinen Vorteil, im Ausland zu drehen. Außerdem: Es hängt total vom Stoff ab. Ich glaube, wenn ich sowas drehen würde wie Cabaret, müßte ich nach Berlin kommen, dann ergibt sich das von selber, und ich glaube auch, daß vielleicht die größte Stärke von einem Ort wie Berlin die geschichtliche Seite ist, die Originalschauplätze, die echt aussehen. Es gibt, glaube ich, fast so ‘nen Trend zu historischen Stoffen, von daher kann es sehr wohl sein, daß es für viele Leute interessant wird.

Sie meinen die zwanziger Jahre, die goldenen?
Genau. Obwohl da Berlin aufpassen muß, nicht alles an Ungarn und Polen zu verlieren.

Es kommt also doch weniger auf die Authentizität der Schauplätze als auf die Kosten an?
Da wird ständig getürkt. Die sagen sich, wer sieht außerhalb Deutschlands den Unterschied zwischen Prag und ‘ner alten Straße in Berlin? Die sehen da keinen Unterschied, aber ich sehe den, und wenn ich sehe, daß Swing Kids in Prag oder in Budapest gedreht wurde, und ich sehe da ‘ne Brücke, die überhaupt nicht, sagen wir, nach Hamburg paßt, ärgert mich das.

Sie sind aber eher auf imaginäre Schauplätze spezialisiert, Sie schaffen die Welten, in denen Ihre Geschichten spielen, selber. Können Sie sich vorstellen, auch mal eine Geschichte vor einem existierenden Hintergrund zu erfinden?
Ja. Mein nächster Film, Independence Day, spielt im Amerika von heute, in der Welt von heute.
Ich bin ein Riesen-Fan von Desaster-Movies, und ich hab immer nach ‘nem Desaster-Movie gesucht. Und mir waren immer die Desaster zu klein. Ein Schiff, das sich umdreht oder ein Erdbeben, das hat’s alles schon gegeben. Und da ist mir klargeworden, daß das größtmögliche Desaster ‘ne außerirdische Invasion von uns nicht sehr freundlich gesinnten Außerirdischen ist, die uns einfach ausrotten wollen. Das hat’s ja auch schon gegeben, aber wie würde das als Desaster-Movie aussehen?

Und dann konnten Sie einfach Ihr Desaster-Movie, Ihren Katastrophenfilm vorbereiten?
Hollywood ist wie so’n offener Markt, wie ein Aktienmarkt. Ich bin ‘ne Aktie als Regisseur, und ich habe gesagt, ich will das nur an jemanden verkaufen, der diesen Film sofort greenlighted. Ich hab Bedingungen gestellt, und jetzt habe ich das alleinige Sagen, und das Studio kann den Film nur stoppen, wenn ich mein Versprechen nicht einhalte, daß die Below-The-Line-Kosten unter 40 Millionen bleiben. Aber dafür habe ich auch alle Freiheiten. „Below The Line“ heißt alles ohne Regisseur, Schauspieler und Drehbuch. Also, der Film kostet am Ende so 55 Millionen, wie Stargate. Vielleicht 60. Ich brauche sehr viele Schauspieler, und das ist relativ teuer.

Unvorstellbar. Die Filmboard Berlin-Brandenburg GmbH als einer der größten deutschen Filmförderer verfügt zum Beispiel über höchstens 40 Millionen Mark.
Das ist viel Geld. Das ist ein anderes Business. Ihr macht Filme, die hauptsächlich für den deutschen Markt zugeschnitten sind. Das heißt, ein Film für den deutschen Markt sollte nicht teurer sein als vier Millionen Mark, würde ich sagen, aus wirtschaftlichen Gründen. Aber ein Film mit 60 Millionen Dollar ist in Amerika, wenn’s ein großer, spektakulärer Action- oder Science-Fiction- oder Fantasy-Film ist, in der unteren Preisklasse. Es gibt Filme, die gerade für 150 Millionen Dollar gedreht werden.

Können Sie sich vorstellen, mal wieder einen kleinen, billigen Film zu machen?
Absolut. Es ist, glaube ich, sogar total erholsam, das mal wieder zu machen.

Was wären dann die Unterschiede?
Das wäre dann wahrscheinlich ein Stoff, wo es nur darum geht, mit Schauspielern zu arbeiten, wo man versucht, den Aufwand so gering wie möglich zu halten, eine Komödie oder es ist eine tolle Liebesgeschichte. Das wäre ein bißchen schwierig für mich, weil ich sehr von der visuellen Seite herkomme, nicht so schnell Filme akzeptiere, die einen Look haben, der nicht absolut ausgefeilt ist.

Ihr erster Film, Das Arche-Noah-Prinzip, den Sie als Abschlußfilm an der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film gemacht haben, ist für mich der Prototyp eines Films, der teuer aussieht, aber in Wirklichkeit sehr billig war: er hat 890 000 Mark gekostet.
Verständlich, denn wir waren alle Studenten, haben kein Geld gekriegt, haben alle für ein oder anderthalb Jahre geackert, haben kein Geld verdienen dürfen, ist auch gut so, Studenten sollten froh sein, daß sie irgendwie was lernen dabei. Die Schauspieler haben ein bißchen Geld bekommen, das waren also nur Materialkosten, wenn man so will, wir haben die Kameras unglaublich billig zur Verfügung gestellt bekommen, viel Nachlaß gekriegt, und trotzdem war es einer der teuersten Studentenfilme, die jemals gedreht wurden.

Aber er war ja auch recht erfolgreich. Haben Sie, der Stab und die Besetzung, wenigstens nach der Auswertung verdient?
Ich habe meine Einlage zurückgekriegt. Aber nix drüber hinaus. Aber die Firma Solaris, die als privater Koproduzent aufgetreten ist, die hat richtig Kohle gemacht. Der Filmverlag hat Kohle gemacht. Ich meine, ich habe mich gefreut, daß das Geld, das außerhalb der privaten Koproduzenten zurückkam, an die Filmhochschule ging, die damit andere Filme produziert hat. Ich habe noch nie Filme wegen des Geldes gemacht, nichtmal heutzutage, wo ich viel Geld verdiene. Für mich ist die Gage sogar nur eine Frage der Macht, weil ich weiß, wie wichtig das in Los Angeles ist, aber ich kann mit Geld nicht viel anfangen

Haben Sie einen Rat für Leute, die in Deutschland gutaussehende und qualitativ hochwertige Filme machen wollen?
Ich würde jedem jungen deutschen Filmregisseur oder Filmemacher, oder wie immer er sich nennen mag, sagen: mach die Filme, die du willst, die du dir im Kino angucken willst. Mach um Gottes Willen nicht ‘nen Film aus Berechnung! Glaub nicht, daß Du glaubst, wissen zu können, was die Zuschauer wollen, sondern versuch’, den Film zu machen, in den du reinrennen würdest. Das wird manchmal total vergessen. Jeder ist Zuschauer. Manchmal siehst du hier in Deutschland Leute Filme machen, in die sie selber nicht reingehen würden. Ich hab’ da so’n Trick drauf. Ich frage Leute, die deutsche, ein bißchen schwermütigere, komplizierte Filme machen, die frag’ ich: Warst du in diesem Film? – Nein. – Warst du in jenem Film? – Nein. Und dann: warst du in Der bewegte Mann? – Ja, den hab’ ich gesehen. Frag ich: Hast du den gemocht? – Och nee, nicht so besonders. Und ich: Warum bist du überhaupt reingegangen? Und warum bist du in die ganzen anderen Filme nicht reingegangen, die eigentlich so ein bißchen sind wie deine eigenen Filme? Und dann gucken die dich meistens so ganz entsetzt an, weil sie sich plötzlich ertappt fühlen.
Ich würde den ganzen Filmförderungsanstalten und Organisationen versuchen zu erklären, daß sie die Entscheidungsgremien so ausrichten sollten, daß die Leute entscheiden, die einen ganz einfachen Bezug dazu haben, was der Zuschauer sehen will, die erfolgreiche Filme gemacht oder produziert zu haben. Da gibt’s so jemanden wie Bernd Eichinger, der offensichtlich ein ganz klares Gespür hat, was die Deutschen sehen wollen. Der ist auch der einzige, der sich beim Verleih dieser Filme finanziell voll aus dem Fenster hängt und absolut wie ein Spieler jedesmal alles aufs Ganze setzt. Und ich würde mich fernhalten von Leuten, die über Jahre und Jahre Filme verleihen und produzieren, die immer wieder den gleichen Fehler begehen und kein Risiko zeigen und kein Gespür zeigen für den Zuschauer, denn letztendlich machen wir ja die Filme für den Zuschauer, nicht für unser Ego oder aus filmpolitischen Gründen.
Ich hab immer wieder zu Dean (Roland Emmerichs Ko-Autor) gesagt, daß ich so einen Film wie Stargate im Kino sehen will, und solche Filme werden gerade nicht gemacht, warum machen wir das jetzt nicht? Und da hat er gesagt, hast recht, ich mag solche Filme auch, das wollen wir jetzt im Kino sehen, das machen wir jetzt. Und dann, nachdem Stargate ein Erfolg war, haben wir gesagt: so, was ist der nächste Film, den ich jetzt sehen will? Und dann habe ich gesagt, ich will Independence Day sehen, ich will ‘nen Film sehen, der diese Stimmung hat von Doom, von Untergang, auf der anderen Seite den Leuten aber auch irgendwie so ‘ne Hoffnung gibt.

Zum Schluß die obligatorische Frage, ob Sie als Deutscher nicht mal wieder Lust hätten, einen Film in Deutschland zu machen.
Klar, irgendwann kommt ein deutscher Filmstoff daher, den ich unbedingt machen will. Aber ich muß auch mit meinem Stellenwert nicht mehr zur Filmförderung hingehen. Ich sag dann einfach irgendeiner Firma: ich mach diesen nächsten großen Film für euch, aber vorher gebt mir mal sechs Millionen, ich mach ‘nen kleineren Film. Weil die die sechs Millionen locker durch Vorverkäufe zurückkriegen. Die machen schon 10 Millionen, bis die Leute gemerkt haben, daß das ‘ne ganz andere Art von Film ist. Es ist eben eine andere Situation jetzt.

(März 1995)


Zurück zu Interviews, Portraits