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Riemann, Ohrt - Nur über meine Leiche

Ein neuer deutscher Film: „Nur über meine Leiche“ ist eine Mischung aus Zombie-Grusical, Beziehungskomödie und Sitcom. Jens Steinbrenner hat die Hauptdarsteller Katja Riemann und Christoph M. Ohrt getroffen.

„KOMÖDIE IST SAUSCHWER“

Katja Riemann und Christoph M. Ohrt auf dem Sofa eines Berliner Mittelklasse-Hotels: Gut gelaunt aber auch ziemlich gestreßt, denn zumindest Katja Riemann hat zur Zeit vier Filme auf dem Markt, zu denen sie ständig von neugierigen Schreiberlingen ausgefragt wird.

Katja Riemann: Ich finde das furchtbar anstrengend. Man will’s ja auch richtig machen und nett sein. Das Problem ist, daß – natürlich – häufig ähnliche Fragen gestellt werden, und da will man immer wieder frisch und neu erzählen ... Meine Mutter hat vorgeschlagen, wir sollten die Fragen, die am häufigsten kommen, einfach schriftlich beantworten. Ich finde das sinnvoll, eigentlich.
Christoph M. Ohrt: So Zettel ...
Katja Riemann: Ja, also, für diese Frage hätten wir dann schon was vorbereitet. (Gelächter)

Und das sind dann wahrscheinlich so Fragen, wie Sie sich erklären, warum sie plötzlich überall so präsent sind?
Katja Riemann:
Ja! (Aufschrei) Gut, Bingo! „Haben Sie keine Angst, sich zu verbrauchen?“ Ja. „Beziehungskomödien!“ Und: „Warum gibt es immer nur Beziehungskomödien?“ Zum Beispiel.

Und? Sie haben keine Angst, sich zu verbrauchen, oder?
Katja Riemann:
Na, ich habe diese Filme in zwei Jahren gedreht, verstehen Sie? Und vier Filme in zwei Jahren, das ist jetzt nicht inflationär viel. Oder?

Das stimmt. Und es ist einfach nur ein Zufall, daß diese Filme jetzt laufen?
Katja Riemann:
Ja. Zwei davon sind Fernsehspiele, das eine, Himmel und Hölle, ist eine Geschichte über ‘ne Sekte innerhalb der katholischen Kirche. Das andere, da habe ich ‘ne kleinere Rolle gespielt, Küß mich, und dann war’s Rainer Kaufmanns Film Stadtgespräch, wo’s mich irsinnig gefreut hat, daß der Rainer Kaufmann, den für einen hundsbegabten Regisseur halte, auch noch den Hypo-Preis gewonnen hat. Und Nur über meine Leiche. So kam da ein bißchen was zusammen.

Werden Sie denn auch gefragt, wie Sie zu dem Status eines Stars stehen?
Katja Riemann (begeistert):
Ja, genau! Richtig! Die Frage auch!

Und was sagen Sie dann immer so?
Katja Riemann:
Was ich dann immer sage, ist: Erstmal müßten wir uns darüber einigen, was Sie unter ‘nem Star verstehen, zum Beispiel. Oder „man“. Was das ist. Ein Star für mich was Internationales, und wir sind ja schon froh, wenn wir schon national sozusagen irgendwie bekannt werden.

Wo wir schon bei International sind: Sie werden doch bestimmt auch gelegentlich gefragt, ob Sie planen, nach Hollywood zu gehen.
Katja Riemann (zu Christoph M. Ohrt): Er ist gut, oder? (ernsthaft:) Nein, ich plane nicht, nach Hollwood zu gehen, ich plane, mal Amerika zu besuchen, weil ich das noch nicht kenne, tatsächlich, ich war als Wessi noch nie in Amiland, man glaubt es kaum.

Ich auch nicht.
Katja Riemann:
Also, das finde ich jetzt fast sympathisch.

Herr Ohrt, Sie haben ja eine große US-Erfahrung ...
Katja Riemann:
Ich muß nicht zuhören, ich weiß, wie er diese Frage beantwortet.
Christoph M. Ohrt: Dann antworte Du doch! (Heiterkeit) Nee, ich hab da meine Ausbildung gemacht, seit Anfang der achtziger Jahre habe ich hier in Deutschland gearbeitet, Und dann hat es sich irgendwann daß ich einige Rollen in amerikanischen Fernsehfilmen bekommen habe, daraus hat sich eine Fernsehserie für CBS in Los Angeles ergeben. Das ist jetzt ein paar Jahre her, und seitdem fliege ich hin und her. Und allmählich wird es ein bißchen anstrengend, weil es immer öfter wird und immer häufiger ...
Katja Riemann: ...was dasselbe ist.
Christoph M. Ohrt: Was ist dasselbe?
Katja Riemann: Öfter und häufiger.
Christoph M. Ohrt (mutlos): Ach so. Na gut, dann einigen wir uns auf öfter, und ... (etwas aus dem Konzept gebracht:) Nee, ich arbeite ja viel in Deutschland, aber was heißt schon viel? Es gibt Leute, die arbeiten mehr in Deutschland ...
Katja Riemann: Hast Du mich gerade angeguckt?
Christoph M. Ohrt: Nein. Aber ... Als ich das Drehbuch zu Nur über meine Leiche bekommen hab’, dachte ich natürlich erstmal: Was ist das überhaupt? Ich kannte Rainer (Matsutani, Regisseur und Co-Autor) überhaupt nicht. Ich hab’ mich dann mit ihm getroffen, und er hat mir seine beiden Kurzfilme gezeigt, und daraufhin ... Ich kannte also das Drehbuch, hab die beiden Filme gesehen, hab sofort zugesagt, ohne mit der Wimper zu zucken, weil es so dermaßen professionell gemacht war. Und das waren Hochschulfilme!
Katja Riemann: Klinik des Grauens ist wirklich so Klasse ...
Christoph M. Ohrt: Irre gut, irrsinnig komisch, mit einer ganz eigenen Handschrift ...
Katja Riemann: ...und sind auch technisch sehr brillant. Klinik des Grauens ist in schwarz-weiß gedreht und mit der Lichtführung von diesen Edgar-Wallace-Filmen, so 50er-Jahre, und auch die Spielweise, also, ist schon klasse.
Christoph M. Ohrt: Also, ich hab nie Angst gehabt, daß das irgendwie unprofessionell wird, und das ist es ja auch in Deutschland nicht. Der Rahmen bei uns ist ein bißchen kleiner, weil wir natürlich immer zuwenig Geld haben. Und drüben? Na gut, für jeden Handschlag gibt’s da eine Gewerkschaft und gibt ‘nen Spezialisten dafür.

Man munkelt, daß Sie beide bei diesem Film auf einen Teil der Gage verzichtet haben. Aus Liebe zum jungen deutschen Film?
Christoph M. Ohrt:
Das haben alle gemacht.
Katja Riemann: Das ist auch gang und gäbe, auch bei Low-Budget-Filmen. Du kannst im Kino kein Geld verdienen. Du verdienst dein Geld im Fernsehen oder am besten in Fernsehserien. Also, bei Abgeschminkt haben wir gar nichts verdient, da hat niemand was verdient. Da gab’s so Rückstellungsverträge, und auch bei Küß mich gab es wenig Geld, und auch beim nächsten Film, den ich drehen werde, gibt es wenig Geld, weil es eben Filme sind von – wie sagt man? – Debütanten. Nicht zu verwechseln mit Dilettanten, und da kann man sich freuen, wenn man das Geld für’s Filmmaterial zusammenkriegt.

Könnten Sie denn davon leben, wenn Sie etwa auf Fernseharbeit verzichten würden?
Katja Riemann:
Ja, könnte ich. Also, so ist es nicht. Ich nage nicht am Hummer ... am Hungertuch. Nein, nein, das reicht noch.

Was halten Sie von dem aktuellen Trend bei deutschen Filmen ...
Katja Riemann:
Ich habe jetzt überhaupt keine Lust, die Beziehungskomödien, die in den letzten Jahren entstanden sind, irgendwie niederzumachen! Die waren zum Teil brillant, das muß man jetzt wirklich mal sagen, unabhängig davon, daß ich in zweien davon mitgespielt habe. Und dazu kommt: Komödie ist sauschwer. Sauschwer.
Christoph M. Ohrt: Ja, Leute zum Lachen zu bringen ...
Katja Riemann: ...sowohl zu machen, also zu inszenieren, als auch zu spielen. Du brauchst zusätzlich zu deiner Begabung, die du entweder hast oder nicht hast, und deinem Handwerk, das du gelernt hast irgendwann, brauchst du die Handwerklichkeit der Komödie. Und das sind andere Spielregeln. Und das muß man sich aneignen. Dazu kommt, daß Du natürlich eine Figur niemals denunzieren darfst, nur weil es eine Komödie ist. Du erzählst ‘ne Geschichte, und die komischsten Situationen entstehen aus der größten Not. Siehe die großen Stummfilmstars wie Keaton oder Chaplin.

Man braucht gar nicht so weit zurückzugehen. Ihre Figur in Nur über meine Leiche hat ja auch ...
Katja Riemann:
...ist die tragischste Figur. Das ist ja furchtbar! Die Arme!

War das eine große Umstellung für Sie, statt der starken, aktiven Frauen diesmal eine graue Maus wie die Rita zu spielen?
Katja Riemann:
Kann ich auch schriftlich beantworten. Es war überhaupt nicht schwierig. Es war ‘ne wunderbare Herausforderung. Ich bin ja Schauspielerin, ich muß nicht immer dasselbe geben.

Wie ist das denn mit persönlicher Eitelkeit? Wenn man sich eher strahlend und aktiv gewöhnt ist, und dann so unscheinbar und unattraktiv sein muß ...
Katja Riemann:
Ja, das war Arbeit. Das so zu erzählen, daß es stimmt. Es ging ja nicht darum, sich zu verstümmeln oder häßlich zu machen, sondern eine Figur zu erfinden, die genau das repräsentiert, was geschrieben ist. Aber das war auch ‘ne ganz große Lust. Ich würde mich eher als uneitle Schauspielerin einschätzen, wenn es um die Sache geht. Und wenn ich dann die Filme sehe, denke ich manchmal, Riemann, du bist so häßlich und fett. Warum hast du dich da nicht nochmal abpudern lassen, scheiße, ja? Und in diesem Film dachte ich: ach Rita, gute Seele! Das konnte ich mir angucken, weil ich das Gefühl hatte, es stimmt.

Sie, Herr Ohrt, sind ja in Ihrem Rollenfach geblieben. In den USA spielen Sie meistens Bösewichter, und Ihr Fred ist ja auch nicht gerade sympathisch.
Christoph M. Ohrt:
Das Problem an dem Buch war, daß der wirklich sehr unangenehm rüberkam. Aber der mußte irgendwas haben, damit die Leute ihn irgendwie doch sympathisch finden. Daß sie über ihn lachen. Es mußte so übersteigert sein, daß dieser Macho-Typ, der er vorgibt zu sein, daß der einen Bruch hat. Die Brüche passieren nach und nach, durch die Situationen im Film, er mußte aber von Anfang an etwas haben. Und das war für mich die Herausforderung, daß er am Anfang nicht so unsympathisch ist, daß das Publikum kein Interesse an ihm hat. Und wenn das funktioniert hat, bin ich froh, dann habe ich das erreicht, was ich wollte.

Und, wie sieht Ihre Zukunftsplanung aus? Haben Sie Traumrollen ...
Katja Riemann:
Das Käthchen von Heilbronn am Theater.

Und beim Film?
Katja Riemann:
Da gibt es ja gar keine klassischen Rollen! Das kann ich nicht sagen, und das verändert sich auch immer mit der Zeit. Ich werde auch immer älter, gewisse Dinge kann ich nicht mehr spielen. Ich habe zum Beispiel angefangen, selber ‘ne Geschichte zu schreiben, über die Zeit, wo wir alle auf der Schauspielschule und Filmhochschule und so waren, wo alle so anfingen, alle waren arbeitslos und erfolglos und wollten aufhören mit Theater und über diese Zeit habe ich so ‘n bißchen versucht, ‘ne Geschichte zu erzählen. Das kann ich ja nicht mehr selber spielen.

Aber vielleicht inszenieren?
Katja Riemann:
Das weiß ich nicht, ob ich mir das letzlich zutraue, einen Film zu inszenieren, weil es doch ein Beruf ist, den man lernen muß, das Technische. Was mich interessiert, ist mit Schauspielern zu arbeiten. Das würde ich mir auch mal ganz kühn zutrauen, aber einen Film wirklich aufzulösen, so richtig? Ich weiß nicht, ob ich das könnte.

Herr Ohrt?
Christoph M. Ohrt:
Überhaupt nicht! Ich habe größten Respekt vor Drehbuchautoren und Autoren im allgemeinen, größten Respekt vor Leuten, die sich zutrauen, Regie zu führen, das ist etwas, was ich für so mit das schwerste halte, was es so gibt auf diesem Sektor. Das traue ich mir nicht zu,. Ich bin froh, wenn ich meinen Job so einigermaßen hinkriege, und das ist genug Arbeit.

(August 1995)


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