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Rena Owen - Die letzte Kriegerin

Der erfolgreichste neuseeländische Film aller Zeiten heißt „Die letzte Kriegerin“ und kommt im September in die deutschen Kinos. Jens Steinbrenner hat den Film gesehen und mit der Hauptdarstellerin Rena Owen über den Film, kulturelle Identität, das neuseeländische Filmschaffen und „Waterworld“ gesprochen.

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Endlich, nachdem er einige Male verschoben worden ist, kommt einer der außergewöhnlichsten Filme der letzten zwölf Monate doch noch in die Kinos: Die letzte Kriegerin (Originaltitel: Once Were Warriors). Eine Frauengeschichte, die Geschichte einer Befreiung, eine Geschichte von Wurzeln und Willen und Identität: Beth und Jake sind Abkömmlinge vom Stamm der Maori. Sie leben mit ihren fünf Kindern in einem Vorort einer neuseeländischen Großstadt. Beth und Jake lieben sich, aber Jake ist gewalttätig. Zunächst hauptsächlich mit seinen Kumpels in der Kneipe, wo er immer öfter in Schlägereien verwickelt, aber dann trägt er die Gewalt in seine Familie – mit katastrophalen Folgen.

Die letzte Kriegerin ist kein Sozialdrama. Oder doch, es ist ein Sozialdrama, aber so spannend, so unterhaltsam, so reich, daß sich jeder Vergleich mit den „sozial relavanten“ Filmen, wie wir sie kennen, verbietet.

Die letzte Kriegerin erzählt für einen kommerziell so erfolgreichen Film nicht gerade eine schöne Geschichte ...
Die Realität ist nicht schön, wir werden viel zu oft von denen verarscht, die uns hübsche Bilder vorgaukeln wollen. Deshalb, glaube ich, ist der Film auch so erfolgreich, weil er eine Ehrlichkeit hat, auf die das Publikum gewartet hat. Ich glaube nicht, daß sich unsere Gesellschaft einen Gefallen tut, wenn sie die Probleme unter den Teppich kehrt. Außerdem geht es um universelle Themen. Wir wissen alle, daß es sexuellen Mißbrauch gibt, zum Beispiel. Yeah, manchen Leuten wird es schwerfallen, dem zuzusehen, aber die Leute, die Ähnliches erlebt haben, sind froh, daß endlich einmal ihre Geschichte erzählt wird.

Und es gibt ein gutes Ende.
Ja, es gibt Hoffnung, auch für die Opfer. Es ist auch ein guter Anti-Gewalt-Film, der zeigt, daß keine Form von Gewalt zu akzeptieren ist. Wir sehen so oft amerikanische Filme, voller Splatter und Blut und Mord – ohne jeden Sinn. Gewalt wird nur glorifiziert. Bei uns hat die Gewaltdarstellung wenigstens einen Sinn und eine Absicht.

Wer hat sich den Film in Neuseeland angesehen?
Jeder. Junge, Alte, Arbeiter, Oberschicht. Das ist so faszinierend an diesem Film: daß er alle sozialen und kulturellen Grenzen durchbrochen hat.

Eine Nebenlinie der Geschichte handelt von den Maori, Beth stammt aus einem angesehen Stamm und ist stolz auf ihre Herkunft, im Gegensatz zu ihrem Mann.
Er ist wie viele Maori, die durch den Kolonialismus ihre Wurzeln und ihr Erbe verloren haben. Sie hassen es, weil sie es nicht verstehen. Ein menschliches Phänomen: Wir hassen Dinge, die wir nicht kennen, weil wir Angst davor haben. Eine sehr wichtige Aussage des Films ist, daß man wissen muß, wer man ist. Woher man kommt. Sonst ist man eine verlorene Seele. Ohne Wurzeln driftet man ab, es ist sehr wichtig, Wurzeln zu haben.

Sind die Wurzeln für manche Maori in Wirklichkeit so stark, wie es im Film gezeigt wird?
Ja, natürlich. Andererseits gibt es viele Maori, die keine Ahnung von ihrer eigenen Kultur haben, die damit auch gar nichts zu tun haben wollen. Und dann gibt es aber auch sehr bewußte Maori, die mit ihrem Erbe, den Mythen, den Legenden, der Sprache und der Stammesgeschichte sehr vertraut sind.

War das schon immer so?
In den letzten 20 Jahren gab es eine Maori-Renaissance, eine Erklärung der Rechte, eine Menge Land ist zurückgegeben worden. Aber vorher? Der Stolz der Maori hat nicht existiert. Wir waren Bürger 2. Klasse, wie die Schwarzen, wie die Aborigines, man schämte sich für seine Hautfarbe. Die Sprache ist ein gutes Beispiel. Als mein Vater jung war, wurde man ausgepeitscht, wenn man Maori sprach. In den fünfziger Jahren durften gab es eine strikte Rassentrennung. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie sich die Leute da fühlten, was sie für ein Selbstwertgefühl hatten. Aber so ist es überall auf der Welt. Es ist das gleiche mit den amerikanischen Ureinwohnern oder den Aborigines in Australien. In meiner Generation durften wir die Sprache nicht lernen. Und in den sechziger und siebziger Jahren war sie praktisch tot. So werden Zivilisation zerstört. Verbietet man die Sprache, zerstört man einen großen Teil der Kultur. Aber heute gibt es Maori-Schulen, die jungen Leute lernen die Sprache wieder.

Wie ist die Situation für Maori im Neuseeland der Gegenwart? Wie für Schwarze in den USA?
Nein. Das würden wir nicht hinnehmen. Zum Glück leben wir in einem Land, wo die Stimme zählt, wo die Menschen genug Lärm machen können, um die die Regierung zum Zuhören zu bewegen. Es ist wie in dem Film, Once were Warriors, es waren Krieger, und Schwestern waren Krieger, und sie haben bis zum bitteren Ende gekämpft. Sie haben den Engländern nicht nachgegeben. Deshalb haben wir überlebt.

Im Film schließt sich der älteste Sohn einer Maori-Gang an und wird im Gesicht tätowiert. Ist das künstlerisch überhöht, oder gibt es das wirklich?
Nein, das ist wahr. Im Film sieht es etwas hübscher aus als in Wirklichkeit, denn in Wirklichkeiten werden diese Tätowierungen in Heimarbeit gemacht, aber viele Statisten im Film sind aus Gangs. Deren Tätowierungen sind echt.

Können sie mir ein bißchen über das neuseeländische Filmschaffen erzählen?
Es ist ein sehr kleines Geschäft, wir machen vielleicht drei Filme im Jahr, mit sehr kleinen Budgets. Once Were Warriors hat 1,2 Millionen gekostet, ist in sechs Wochen gedreht worden. So werden die meisten Filme in Neuseeland gemacht, außer, man hat ausländisches Geld. Wie bei Heavenly Creatures, der ist von Hanno Huth von der deutschen Senator Film und von Miramax co-finanziert worden. Das Piano hatte ein großes Budget. Die letzten Jahre waren sehr aufregend, wir hatten ein paar große Erfolge. Und es gibt ein großes internationales Interesse an Neuseeland, viele ausländische Produktionen drehen bei uns. Weil es so schöne Schauplätze gibt, weil es so billig ist und weil wir so gute Crews haben. Wir sind eben an kleine Budgets gewöhnt, können improvisieren. Die Amerikaner sind da ganz verdorben. Die verschwenden so unglaublich viel Geld! Mir bricht das Herz, wenn ich daran denke. In Neuseeland oder Australien machen wir für Bruchteile dieser Budgets Filme. Weil wir nie den Luxus oder die Dekadenz dieser Riesenbudgets hatten. Im Moment drehen sie ja gerade diesen Film, Waterworld, für 160 Millionen amerikanischer Dollars, unglaublich. In einer Welt voller Armut, heimatloser Leute, Hunger kann ich nicht nachvollziehen, wie man so viel Geld für einen Film ausgeben kann. Der den meisten Leuten dann doch nichts bedeutet. Mit so viel Geld würden wir 160 neuseeländische Filme machen. Aber die stecken es in einen einzigen, und der verändert noch nichtmal die Welt. Bestenfalls unterhält er.

Können Sie sich vorstellen, in Hollywood zu arbeiten?
Ich würde nach Hollywood gehen, wenn mir ein gutes Script angeboten würde. Ich gehe aber nicht nach Hollywood, weil Hollywood Hollywood ist. Mit diesem Ego-Scheiß kann ich nichts anfangen. Was mich an einem Stoff reizt, ist ein gutes Drehbuch. Und eine gutes Team, eine gute Besetzung. Ich würde nie ein Buch machen, für das ich mich schäme, das mir peinlich ist. Ich glaube auch nicht, daß man sich als Schauspieler damit einen Gefallen tut. Ich habe deshalb einige Hollywood-Angebote abgelehnt, aber ich würde für ein gutes Buch auch nach Zimbabwe gehen oder auf die andere Seite der Welt. Überall hin.

Aber Sie haben in einem Hollywood-Film mitgemacht ...
Rapa Nui, ja. Aber der wurde auf den Osterinseln gedreht. Und es war wirklich eine Schande, weil er das Potential hatte, sehr gut zu werden. War aber nicht. Wir haben den verdammten Film nie beendet. Rapa Nui wurde von Kevin Reynolds inszeniert und von Kevin Costner produziert, und die machen jetzt ja gerade Waterworld. Bei Rapa Nui waren wir mit den Dreharbeiten drei Monate im Verzug, also haben sie das Budget verdreifacht. Das Gleiche passiert jetzt mit Waterworld. Drei Monate vertrödelt, das Budget verdreifacht. Damit ist es der teuerste Film, der jemals gemacht wurde. Dafür muß Waterworld verflucht gut sein. Man kann sich keine extremeren Unterschiede zwischen den Dreharbeiten zu Once were Warriors und Rapa Nui vorstellen, ich bin von einer 50-Millionen-Dollar-Produktion mit einer Drehzeit von einem halben Jahr zu einer 1,2 Millionen-Produktion gekommen, die in sechs Wochen abgedreht war und heute in Neuseeland sogar besser als Jurassic Park gelaufen ist. Aber ich habe auf den Osterinseln eine Menge über das Geschäft und die Schauspielerei gelernt, und ich habe noch nie vorher so viel Geld verdient. Dank Kevin Costner konnte ich mir ein kleines Haus am Strand kaufen, und das ist doch auch etwas.

(November 1994)


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