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Mike Newell - Eine sachliche Romanze

„Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ ist einer der erfolgreichsten britischen Filme aller Zeiten, und Mike Newell ist sein Regisseur. Jetzt hat Mike Newell einen neuen Film gemacht, „Eine sachliche Romanze“, und Jens Steinbrenner in Berlin getroffen.

„EXPERIENCE ALWAYS FUCKS INNOCENCE“

Es gibt Leute, denen muß man bei Interviews jedes Wort aus der Nase ziehen, die sind wortkarg und haben offensichtlich überhaupt keine Lust, tage- und wochenlang Schreiberlingen aus aller Herren Länder auf mehr oder weniger die gleichen Fragen mehr oder weniger das gleiche zu antworten. Und es gibt Leute, die haben Spaß daran, sich mit vielen verschiedenen Menschen zu unterhalten. So einer ist Mike Newell. Gib ihm ein Stichwort, und er legt los. Das erste Stichwort – nichtmal in einer Frage, nur weil Mike Newell eben da war – war Berlin:

Für Engländer eine unglaublich romantische Stadt. Immerhin haben die Engländer eine wichtige Literatur-Gattung erfunden, die sich in der Nachkriegszeit auf die Eigenarten Berlins gründete: den Spionageroman. Graham Greene, Smiley, all diese Sachen, und das bedeutet, daß wir Engländer uns wie keine andere Nation auf diese moralische Un-Eindeutigkeit konzentrierten. Alle anderen versuchten, klare Grenzen zu ziehen: daß Kommunismus das Reich des Bösen war, der den Kapitalismus und Amerika bedrohte. Das ging damals einfach so (macht eine entsprechende Handbewegung). Und die Engländer sagten, daß es vielleicht einen anderen Weg gibt. Und für uns war es ein echter Schock, deshalb ist Berlin für uns so romantisch, weil es eben in der Nachkriegswelt eine tiefere Wahrheit gab – ich meine, Sie haben wohl davon gehört, immerhin sind Sie Deutsche – aber es gab hier mehr Wahrheit über die Nachkriegswelt als irgendwo sonst auf der Welt. Es war der Berührungspunkt zwischen den beiden Weltmächten, und falls etwas passieren sollte, war die Chance, daß es genau hier anfangen würde, sehr groß. Ich weiß noch, es ist erst ein paar Jahre her, all die Szenarios, wie der Westen atomisiert würde. Das waren wichtige Fragen damals! Und aus all diesen Gründen war hier die Wahrheit der wahren Natur des Kalten Krieges. Nicht, was die Amerikaner sagten, was wahr sei, nicht, was Moskau sagte, sondern wie es wirklich war. Hier in Berlin.

Inwieweit beeinflussen Sie solche Tatsachen und Entwicklungen bei Ihren Filmen?
Naja, ich wäre am liebsten Geschichtsprofessor an einer kleinen Universität. Oder Anthropologe. Weil ich finde daß ein Autor – und jeder leidenschaftliche Regisseur ist für den Film eine Art Autor – nach dem Stamm suchen muß, und der Stamm ist jedesmal anders. Jede Geschichte hat ihren Stamm. Und wenn man nicht sieht, wie und warum etwas auf der Welt passiert, während die Story spielt, und wie das die Handlung, den Stamm, beeinflußt , dann verfehlt man die ganze Geschichte. Es gibt keine Geschichte, die von der Welt, in der sie spielt, unabhängig ist.“

Und was ist die Parallele zwischen Ihrem letzten Film und der Gesellschaft?
Nein, nein, das meine ich nicht! So kann ich nicht arbeiten. Ich kann nur sagen, was die Geschichte für mich bedeutet: den Anfang des Lebens einer Person (Stella). Und diese Person ist ein sechzehnjähriges Mädchen, voller Leben, voller Originalität. Sie hat Augen wie niemand sonst, sie sieht auch nicht, wie andere sehen. Sie sieht auf ihre eigene Art, als wäre es das erste Mal. Und sie sieht eine Welt, die müde ist, zornig, gestresst, hungrig. In allen wörtlichen und übertragenen Bedeutungen. Die Welt in England, unmittelbar nach dem Krieg (Denn da spielt Eine sachliche Romanze) war viel härter und bitterer als während des Krieges. Während des Krieges wußten wir als Nation, was wir taten, und als der Krieg zuende war, hatten wir kein Ziel mehr. Und in gewisser Weise haben wir es immer noch nicht gefunden. Was soll man als junges Mädchen voller Leben und Energie und Originalität in einer Welt tun, die einem nichts geben kann, in der es keinen Optimismus gibt? Denn dieses Mädchen ist sehr optimistisch, sie findet es sehr aufregend, ihr Leben zu beginnen. Und sie findet sich in einer Welt, die grau und ausgepumpt ist, also sucht sie sich einen Platz, der eben nicht so grau ist: das Theater. Und sie denkt, daß das Theater die Wirklichkeit ist, aber das ist es nicht. Es ist voller Leute die sich nur um ihre eigenen Dramen kümmern. In gewisser Weise ist es das, worum es in der Geschichte geht: Unschuld. Zwei Sorten von Unschuld. Einerseits die außergewöhnliche Fähigkeit, alles zu überstehen. Dieses Mädchen gleitet (dazu macht er eine ausladende Geste) durch ihr Leben, während hinter ihr alles zusammenbricht (er schlägt die Hände ineinander), aber sie sieht es nicht. Es ist wie ... Kennen Sie The Great Race (Das große Rennen rund um die Welt)? Da gibt es eine Tortenschlacht, und Tony Curtis steht im Zentrum, ungefähr so (Mike Newell stellt sich hin wie Tony Curtis in Das große Rennen gestanden hat) – und er wird nicht getroffen. In gewisser Weise ist sie so. Aber andererseits, und das macht Eine sachliche Romanze zu seiner traurigen Geschichte, ist es so, daß Unschuld immer von Erfahrung kaputtgemacht wird. Und so ist am Ende der Geschichte die Elastizität verschwunden, und Stella fängt an, ein ganz normales Leben zu leben, was bedeutet: Angst und Zweifel und Unsicherheit. Und darum geht es. Aber wir haben über Geschichte geredet. England ist voll davon. Es sieht so aus, als hätten wir einen Krieg gewonnen und den Frieden verloren. Das ist ziemlich verwirrend, aber das ist es, was seit fünfzig Jahren in England passiert. Naja, nicht das, das ist fünfzig Jahre her, aber diese ganze Angelegenheit, ein Weltreich zu verlieren, das ist noch nicht vorbei. Diese Ödnis und Ängstlichkeit (die Eine sachliche Romanze zweifellos beherrscht) verstehen die Leute jedenfalls nicht. Sie sagen: Warum hast du das gemacht? Warum haben wir eine so schwere Zeit? Die Geschichte funktioniert nicht, und die Figuren sind schrecklich! Sie haben es so schwer! Nun, das alles ist wahr. Aber (dieses „but“ klingt wie ein kleiner Hieb): Wenn Sie ich wären, 1942 geboren, und sich an all das erinnern könnten, sehen könnten, was mit dem eigenen Optimismus, der Unschuld und den Erwartungen passiert ist ... ich kann nicht klagen, ich bin ein wirklich glücklicher Mensch, aber ich sehe all die Leute um mich herum, deren Erwartungen von dem entstellt wurden was nach dem Krieg mit uns passierte.

Gibt es für Sie Grundsätze beim Filmemachen, etwas, das bei jedem Projekt, bei jedem Film, den Sie machen, dabei ist?
Ja.

Und welche sind das?
Nun. (Mike Newell zögert, die Eloquenz scheint im Moment verflogen zu sein) Ich fühle mich sehr unsicher, wenn ich darüber etwas sagen soll. Natürlich sage ich sofort „ja“, instinktiv, weil es mit einer ganzen Reihe von Gefühlen und emotionalen Überzeugungen zusammenhängt, die ich für eine Geschichte oder ein Thema habe. Aber das Problem ist: wenn ich darüber sprechen soll ... Es muß eine ganz bestimmte Vorstellung sein, mit der ich wirklich treffe, mit komisch oder tragisch oder was auch immer. Aber es muß einen richtigen tiefen Schlag in den Bauch geben. Wenn das für Sie einen Sinn ergibt: toll. Es wäre besser für mich, wenn ich es nicht näher erläutern müßte.

Haben Sie nach dem Riesenerfolg von „Drei Hochzeiten ...„ unter Druck gestanden, den Erfolg wiederholen zu müssen?
Nein. Das konnte ich nicht. Mit siebenundzwanzig wäre ich bestimmt sehr bekümmert gewesen, weil ich gedacht hätte, daß es möglich wäre. Sidney Lumet sagt: Einer von drei Filmen funktioniert. Und das stimmt. Nicht: Einer von dreien wird ein Hit, nur: einer von dreien funktioniert. Ich glaube auch, daß es ungesund ist, hintereinander ähnliche Filme zu machen. Außerdem ist „Eine sachliche Romanze“ eine Herzensangelegenheit, wie man sehen kann, ein Film, den ich, wie ich hoffe, gemacht hätte, egal was passiert wäre. „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ war ein so großer Erfolg, er hat mein professionelles Leben verändert, ich entwickele jetzt große Projekte, von denen ich hoffe, daß Hollywood sie mögen wird. Ich arbeite jetzt nämlich für Hollywood, Teilzeit. Und diese kleinen Sachen hoffe ich in Europa machen zu können, und wenn kein Mensch versteht warum, in Gottes Namen: Ich werde sie machen, genau wie diesen Film, denn zumindest werden die Budgets so klein sein, daß niemand zu Schaden kommt.


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Eine andere Fassung dieses Interviews wurde vom "Filmboard-Bulletin", dem Mitteilungsblatt der Filmförderung in Berlin und Brandenburg, gebracht. Der Schwerpunkt hier liegt auf Fragen der Finanzierung und der Produktion.

Mike Newell hat mit „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ einen der erfolgreichsten britischen Filme aller Zeiten gedreht. Sein neuer Film, „Eine sachliche Romanze“, sieht nicht so aus, als würde er auch nur annähernd so erfolgreich werden. Der Regisseur hat uns erzählt, warum er ihn trotzdem gemacht hat.

„EINE HERZENSANGELEGENHEIT“

Eine sachliche Romanze handelt von einem jungen Mädchen aus Liverpool, das in der Nachkriegszeit zum Theater geht. Was ist der Hintergrund der Geschichte?
Das Leben in England unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war viel härter und bitterer als während des Krieges. Während des Krieges wußten wir, was wir taten – als Nation –, und als der Krieg zuende war, hatten wir kein Ziel mehr. Was soll man als junges Mädchen voller Leben und Energie und Originalität in einer Welt tun, die einem nichts geben kann, in der es keinen Optimismus gibt? Denn dieses Mädchen ist sehr optimistisch, sie findet es sehr aufregend, ihr Leben zu beginnen. Und sie findet sich in einer Welt, die grau und ausgepumpt ist, also sucht sie sich einen Platz, der eben nicht so grau ist: das Theater. Und sie denkt, daß das Theater die Wirklichkeit ist, aber das ist es nicht.
In gewisser Weise handelt die Geschichte von Unschuld, die auf der einen Seite alles zu überstehen imstande ist, aber auf der anderen Seite – und das macht es zu einer traurigen Geschichte – durch Erfahrung zerstört wird. Am Ende beginnt sie ein „richtiges“ Leben zu leben, und das heißt: Angst und Zweifel und Unsicherheit. Darum geht’s. Und das verstehen die Leute nicht. Sie sagen: Warum hast du das gemacht? Warum haben wir eine so schwere Zeit? Die Geschichte funktioniert nicht, und die Figuren sind schrecklich! Sie haben es so schwer! Nun, das alles ist wahr. Aber: Wenn Sie ich wären, 1942 geboren, und sich an all das erinnern könnten, sehen könnten, was mit dem eigenen Optimismus, der Unschuld und den Erwartungen passiert ist... Ich kann nicht klagen, ich bin ein wirklich glücklicher Mensch, aber ich sehe all die Leute um mich herum, deren Erwartungen von dem entstellt wurden was nach dem Krieg mit uns passierte.
In Deutschland war bestimmt auch eine schreckliche Zeit, in gewisser Weise viel schlimmer als bei uns, aber, obwohl das ein Klischee ist, Ihr konntet neu anfangen. Und wir nicht.

Haben Sie nach dem Riesenerfolg von Drei Hochzeiten... unter dem Druck gestanden, den Erfolg wiederholen zu müssen?
Nein. Das konnte ich nicht. Mit siebenundzwanzig wäre ich bestimmt sehr bekümmert gewesen, weil ich gedacht hätte, daß es möglich wäre. Sydney Lumet sagt: „Einer von drei Filmen funktioniert.“ Und das stimmt. Nicht: Einer von dreien wird ein Hit, nur: einer von dreien funktioniert. Ich glaube auch, daß es ungesund ist, hintereinander ähnliche Filme zu machen. Außerdem ist Eine sachliche Romanze eine Herzensangelegenheit, wie man sehen kann, ein Film, den ich, wie ich hoffe, gemacht hätte, egal was passiert wäre. Vier Hochzeiten und ein Todesfall war ein so großer Erfolg, er hat mein professionelles Leben verändert, ich entwickele jetzt große Projekte, von denen ich hoffe, daß Hollywood sie mögen wird. Ich arbeite jetzt nämlich für Hollywood, Teilzeit. Und diese kleinen Sachen hoffe ich in Europa machen zu können, und auch wenn kein Mensch versteht warum: in Gottes Namen! Ich werde sie machen, genau wie diesen Film, denn zumindest werden die Budgets so klein sein, daß niemand zu Schaden kommt.

Wie groß war das Budget bei Eine sachliche Romanze?
Sehr klein. 2,6 Millionen Pfund.

Woher kam das Geld?
Von überall, ein Cocktail. Viel aus Frankreich. Amerika. Und zwei Quellen in England und Irland.

Sehen Sie sich in einer Filmemacher-Tradition, etwa dem Free British Cinema?
Nein. Weil die Filmentwicklung so zyklisch ist. Es gibt fünf gute Jahre, fünf schlechte, und so weiter. Das ist in Deutschland bestimmt auch so. Man hat das Gefühl, als steckten Sie gerade in einem Tief.

Aber Sie hatten in den letzten Jahren viele großartige Filme, so etwas gab es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht.
Hör’ mal zu, Junge, du kannst mir ruhig glauben. Ich war in den schlechten Zeiten dabei. Für euch sieht es vielleicht anders aus, aber ich erinnere mich, als diese Leute noch gearbeitet haben: Fassbinder, Margarete von Trotta und... wie heißt der Kerl, der mit ihr verheiratet war? Schlöndorff. All diese Leute, und wir haben gedacht: Großer Gott, wie können wir jemals so sein? Ehrlich, es ist das gleiche.
Glauben Sie, daß das Filmemachen von Europa profitieren könnte?
Ich glaube nicht. Diese Art der Zusammenarbeit ist für Filme absolut nicht gut. Ich meine: Film ist dabei gar nicht so wichtig, wichtig sind die Geschichten. Wenn die nicht ganz speziell ihrer Zeit und den Regeln, die sie sich setzen, folgen, wird das nie was. Die Vorstellung, daß da noch etwas anderes reinkommt, eine Kooperation: Machen wir eine Geschichte mit einem italienischen Polizisten, der sich in eine schwedische Stewardeß verliebt, und dann ist da noch der deutsche Bösewicht und der französische Komödiant... Bööh! Außerdem: solche Filme gibt’s ja schon, in England nennen wir es Europudding. Und es ist schrecklich.
Gut ist, sich die Arbeiten der anderen anzusehen. Wim Wenders zum Beispiel hat eine bestimmte Art von Filmemachen in England und den USA sehr stark beeinflußt. Nicht meine Altersgruppe, sondern die unter mir. Eigenartig, aber auch jemand, der so konservativ wie Schlöndorff ist, war für Leute in England genauso wichtig, weil er gezeigt hat, daß man aus einem so sperrigen Roman wie „Die Blechtrommel“ einen sehr ansprechenden Film machen kann. Eine wichtige Lektion, und in dieser Beziehung können wir tatsächlich voneinander profitieren.

(April 1995)