StartseiteWerkeFilmInterviews, Portraits

Matthias Glasner - Die Mediocren

ÜBERDURCHSCHNITTLICH MITTELMÄSSIG

Ein neuer deutscher Film über junge Deutsche: „Die Mediocren“. Jens Steinbrenner hat mit Regisseur Matthias Glasner gesprochen.

In Amerika gibt es die „Generation X“: unzufriedene junge Menschen zwischen zwanzig und dreißig, die mit sich und dem Leben wenig anzufangen wissen und die ihre Unzufriedenheit zum Lebensinhalt gemacht haben. Solche Leute gibt es natürlich auch in Deutschland, aber jetzt haben wir auch einen Namen für sie: Die Mediocren. Das heißt „Die Mittelmäßigen“ – „aber wenigstens auf lateinisch“, wie eine der Figuren aus dem Film kokett bemerkt. Die Mediocren handelt also von den Mittelmäßigen, und da Mittelmäßige logischerweise keine großen (oder auch nur kleinen) Abenteuer erleben, steht deren Mittelmäßigkeit im Vordergrund.

Die Mediocren leben in Hamburg: Leo, dessen Freundin Robin, Jost und dessen Schwester Anna. Jost fängt ein Verhältnis mit Robin an, während Leo und Anna schon länger was miteinander haben. Daraus wird aber kein Eifersuchts- oder Beziehungsdrama, weil alle viel zu abgeklärt sind, wegen schnöder Gefühle Streß zu machen. Man beschließt, einfach die neuen Konstellationen beizubehalten und ansonsten gute Kumpels zu bleiben. Daraus wird aber nichts, weil sich eines Tages ein schrecklicher Verdacht ergibt: Leo ist möglicherweise nicht das, was er zu sein vorgibt, sondern einer aus Ostdeutschland. Was für die anderen Mediocren vielleicht noch zu akzeptieren wäre, hätte Leo sie nicht getäuscht.

Für Regisseur und Autor Matthias Glasner ist die Handlung allerdings eher eine Nebensache. „Die Geschichte ist ein notwendiges Übel, das man braucht, um den Zuschauer in diese Kinowelt reinzuziehen, aber sie ist nicht Sinn und Zweck des ganzen Unternehmens.“ Es gehe im Kino um etwas ganz anderes: „Um die Präsenz des Bildes und der Schauspieler, die Farben und das Licht, die Musik und den Rhythmus der Bilder. Das ist es, was bleibt, das macht beim Zuschauer Eindruck.“

Es hat also gar keinen Sinn, dem Regisseur vorzuwerfen, daß die Geschichte zu dünn und zum Ende geradezu hanebüchen ist, genausowenig, wie die Künstlichkeit der Dialoge zu monieren: „Die sind absolut verdichtet und überhöht, so spricht kein Mensch. Aber ich fände es auch langweilig, wenn man die Dialoge so wiedergäbe wie im wirklichen Leben. Weil sie dann keinen Charme haben und kein Tempo und keine Pointierung. Dabei kommen immer diese WG-Küchenfilme raus.“

Und so ein Film ist Die Mediocren nun wirklich nicht geworden (auch wenn er ausschließlich in Küchen, Betten, Autos und am Telefon spielt). Matthias Glasner konzentriert sich auf die Bilder. Die sind in Cinemascope und fast immer eine Augenweide. Auch die Schauspieler Andreja Schneider, Jasmin Tabatabai und Jürgen Vogel sind überzeugend, und daß der Vierte im Bunde, Dani Levy, ein besserer Regisseur als Schauspieler ist, kann man verschmerzen, immerhin ist er eine originelle Type.

Man sieht dem Film Die Mediocren an, daß er mit ungeheuer viel Liebe und Enthusiasmus gemacht wurde. „Ich glaube ans Kino“, sagt Matthias Glasner, „ich glaube an die Kraft und Möglichkeiten des Kinos, ich hadere auch nie mit dem Kino, ich hadere höchstens mit dem Kinobetrieb und dem Business, aber das Kino an sich stelle ich nie in Frage. Das Kino ist mein eigentliches Zuhause. Seit ich sechs Jahre alt bin, gehe ich ununterbrochen ins Kino und gucke mir alles an. Und ich mag das Kino grundsätzlich, fühle mich immer wohl, egal was läuft.“ Man ist geneigt, dem Regisseur zu glauben. Obwohl: alles? Citizen Kane und Rennschwein Rudi Rüssel, alles egal, alles Kino? „Ääh, ja, im Prinzip kann man das so sagen. Grundsätzlich sind das immer meine Freunde, da oben auf der Leinwand, auch wenn ich mich über sie ärgere, wie bei Rennschwein Rudi Rüssel, aber das ist eben ein Kinderfilm. Und ich mag keine Kinderfilme.“

Mit seiner Kinobegeisterung hat Matthias Glasner etwas, was seinen Figuren fehlt, ein Ziel nämlich. Er wollte immer Filme machen. Das tut er jetzt, und mit diesem Aspekt seines Lebens ist er offenbar zufrieden. Aber kaum jemand, der 1965 geboren ist, macht einen Film über junge Menschen, die entweder Dreißig sind oder als Jüngere wenigstens potentiell dreißig sind, ohne auch ein bißchen einen Film über sich selbst zu machen. „Alle Figuren sind ein Teil von dem, was ich manchmal bin, was ich manchmal gerne wär, oder wovor ich Angst habe, was ich sein könnte.“ Klar, so funktioniert es. Das ist seine Qualität. Die Mediocren hat das gewisse Etwas, etwas Exemplarisches. Jeder kennt die altklugen Gespräche von Leuten, die alles zu kennen glauben, ohne jemals etwas erlebt zu haben, beinahe jeder hat solche Gespräche schon mal selbst geführt. Jeder wäre froh, seine Dumpfheit so eloquent in witziges Wortgeklingel kleiden zu können wie die Mediocren bei ihren Küchengesprächen.

„Im allerureigensten Sinne ist es ein Film über ein nicht zu überwindendes, durch nichts zu erklärendes oder zu begreifendes Einsamkeitsgefühl.“ Was wenig mit dem Weltschmerz sinnsuchender Spät-Teenager zu tun hat, die glauben, daß sie niemand mag und niemand versteht. „Das Problem ist, daß die Mediocren niemanden wirklich mögen, daß sie nichts so verstehen, daß es ihnen was gibt. Daß das pubertär ist, stimmt wohl. Ich glaube, ich bin auch immer noch unheimlich pubertär. Vermutlich kommt man da raus, wenn man erwachsen wird, und Erwachsenwerden heißt, daß man weiß, wer man ist. Erwachsenwerden heißt, daß man Kinder kriegt und daß man denen vermitteln kann, wer man ist und was man machen soll. Diesen Zustand habe ich nicht erreicht, und den haben auch die Mediocren nicht erreicht, und der hat auch nichts mit dem Alter zu tun.“

Eine neue deutsche Komödie mit Tiefsinn. Oder über die Abwesenheit von Sinn? „Es geht in dem Film darum, daß man eigentlich gerne irgendeinen Fuß auf den Boden kriegen würde, und sich gerne irgendwohin zugehörig fühlen würde. Sei es Familie, eine politische Bewegung, sowas, was die 68er mal hatten, daß man sich in eine Teestube treffen konnte und sagen, Mensch, wir glauben an das, was wir machen, wir mögen uns, und wir finden das richtig, was der Nachbar gerade sagt.“

Matthias Glasners Filmographie umfaßt bereits einige Titel, trotzdem bezeichnet er Die Mediocren als seinen Erstling. „Es ist der erste Film, den ich nicht als Experiment gemacht habe, mein erster Film, den ich ins Kino bringen wollte, mit dem ich jemandem was erzählen, jemanden unterhalten will. Ich habe dabei immer ans Publikum gedacht. Es ist auch der erste Film, zu dem ich ein Drehbuch hatte.“ Daß er dieses Drehbuch außer für die Dialoge so gering schätzt, daß er einer Geschichte so wenig Bedeutung beimißt, sieht man dem Film an, das ist seine Schwäche. Matthias Glasner hat vielleicht recht, wenn er sagt, daß in der Erinnerung des Zuschauers von einem Film etwas anderes als die Geschichte bleibt. Aber um den Zuschauer für dieses andere zu interessieren, ist eine gute Geschichte unentbehrlich. So bleibt Die Mediocren ein Film, der hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Trotzdem: eine ehrgeizige Komödie, mit der ein etwas anderer Weg zu gehen versucht wird. Und ein Dokument über unsere Generation X, ein authentisches dazu: „Das Lebensgefühl, das der Film vermittelt, ist mein Lebensgefühl. Aber ich habe das Ganze eher aus so ‘ner ironischen Distanz betrieben. Ich amüsiere mich über mich und meine Sorgen oder meine Melancholie, und daraus wird dann sowas wie Die Mediocren.“

(Juni 1995)


Zurück zu Interviews, Portraits