Joseph Vilsmaier ist einer der wenigen konstant erfolgreichen deutschen Filmemacher; eine feste Größe. Jens Steinbrenner hat mit Joseph Vilsmaier und seiner Gattin (und Hauptdarstellerin) Dana Vávrová in ausgesprochen heiterer Atmosphäre über den neuen Vilsmaier-Film „Schlafes Bruder“ gesprochen.
„FIKTION, MÄRCHEN, DER GANZE WAHNSINN!“
Ein wuchtiger Film, gedreht an Originalschauplätzen in den Alpen im Montafon: Die Geschichte des musikalischen Wunderkindes Elias, das Anfang des 19. Jahrhunderts in ein hinterwäldlerisches Bergdorf hineingeboren wird. Elias hat das absolute Gehör, vernimmt alle Klänge der Welt (auf einmal), bringt sich selbst das Orgelspiel bei, reüssiert als Attraktion bei einem Orgelwettbewerb in einer Stadt und nimmt sich schließlich das Leben, indem er zu Schlafen aufhört. Der Grund für den finalen Selbstmord durch Schlafverweigerung ist aber nicht künstlerische Zerrissenheit, nicht der Umstand, daß Elias als Genie unter debilen Dörflern leben muß, sondern die unerfüllte Liebe zu der schönen Elsbeth, seine Unfähigkeit, weltliches Leben und künstlerische Genialität in Einklang zu bringen.
André Eisermann als Elias trägt gelbe Kontaktlinsen und spielt so, wie man es von ihm seit Kaspar Hauser erwartet. Ansonsten ist die Besetzung mit Ben Becker, Eva Mattes, Jochen Nickel, Lena Stolze und vor allem Paulus Manker (als unbegabter Kantor und Dorflehrer) durchweg geglückt. Im übrigen atmet Schlafes Bruder den typischen Vilsmaier-Realismus und ist sehr monumental angelegt.
Die Elsbeth wird von Joseph Vilsmaiers Ehefrau Dana Vávrová gespielt, und auch wenn Dana Vávrová nicht in jedem Film ihres Mannes spielt, liegt folgende Frage doch nahe:
Wie ist die Arbeit am Set, mit den anderen Schauspielern? Ist Frau Vávrová während der Dreharbeiten nur die Hauptdarstellerin? Gibt es Rivalitäten mit den anderen Schauspielern? Joseph Vilsmaier: Rivalitäten gibt’s da nicht. Ich bin seit 1961 dabei, und da kennt man eigentlich die meisten Schaupieler. Die wissen auch, wie unsere Zusammenarbeit ist. Zum Beispiel bei Schlafes Bruder war das auch so, wenn sie nicht mehr dran war, mir anderweitig geholfen hat. Sie war immer da, hat mich immer tatkräftig unterstützt, weil sie bei den ganzen zweijährigen Vorbereitungen jedes Detail wußte. Und das ist natürlich hilfreich, wenn ich jemanden schicken kann, der genau Bescheid weiß. Das kann kein Fremder, der zwei oder drei Wochen vorher gekommen ist, der gar nicht so viel Wissen mitkriegen kann, in dem Sinn, und das war dann natürlich schon eine Beruhigung auch für mich.
Also sind Sie, Frau Vávrová, eine Art Assistentin? Dana Vávrová: (Tut empört) Also bitte! Wirklich nicht! (lacht) Aber ich finde das ganz toll. Ich habe das ja das erste Mal bei Stalingrad gemacht, zwangsweise, nach dem Unfall vom Sepp. Da hat er einfach gebraucht, daß da jemand Kontakt zwischen der Kamera und den Schauspielern hält, weil er sich kaum bewegen konnte. Und bei Charlie und Louise hat’s mir tierisch Spaß gemacht, die Zwillinge vorzubereiten, weil ich ja selbst so viele Kinderfilme gemacht habe. Da war ich wirklich nur hinter der Kamera. Und bei Schlafes Bruder habe ich mich ganz ruhig einfach von Anfang an immer eingemischt, bei den Herren, wenn sie über Frauenfiguren schreiben, und dann sage ich, so reagiert doch keine Frau auf der Welt. Und die hören dann auch noch auf mich, und zumal sagen sie: das war gar nicht so schlecht, Dana, du darfst wiederkommen. Das ist nicht nur, daß mich der Sepp hin und her schickt, aber daß ich ab und zu mal was sagen darf, aus meiner eigenen Phantasie, das finde ich gut. Aber Assistentin? Bitte! So nicht. Der Sepp hat ja viele Freunde, und alle sagen zu ihm: du Sepp, es ist ja so großartig, du bist so toll! Und ich gehöre nicht zu diesen Leuten, ich sage ihm immer nur, was er alles schlecht macht. Und das ist, glaube ich, sehr hilfreich, und das kann man sich als Frau und als guter Freund eben auch leisten.
Und Sie, Herr Vilsmaier, können das ertragen? Joseph Vilsmaier: Ich kann das schon ertragen. Mir bleibt nix anderes über, aber ... Nein, ich merk ja selber, daß die Hilfe ja hilfreich ist. Man kann nicht jeden Tag gut drauf sein, und da hab ich dann in der Dana jemanden, die’s sofort merkt. Wenn ich nicht gut drauf bin ... Dana Vávrová: Motz ich sofort! Joseph Vilsmaier: ...und Dana sagt: Wenn wir den Film bei der Premiere auf der Leinwand sehen, da kannst du nichts mehr ändern. Jetzt, da kann man alles ändern! Reiß dich zusammen, und so. Das habe ich mir eigentlich sehr zu Herzen genommen, und da ist die Dana schon ein Garant dafür, daß, wenn’s mir schlecht geht, daß sie mich richtig aufbaut und mich vorantreibt. Dana Vávrová: Vor allem muß man sagen, daß der Joseph, der liebt es, im Schneideraum zu sein (sie lacht, offensichtlich hat sie das ironisch gemeint). Beim Sepp muß alles Ruckizucki gehen. Auf einmal, es regnet, wunderbar, alle her! Und alle in den Schlamm, und jetzt wird das, was geplant war, Monate vorher, umgeschmissen. Im Schneideraum legt er sich dann schön auf ein Sofa und kontrolliert, was wir da vorne machen, und wir dürfen stundenlang ausprobieren, dann zeigen wir das dem Herrn Vilsmaier, und Herr Vilsmaier sagt, das ist ja alles ... Scheiße! (Beide lachen herzlich.) Und dann sagen wir danke und dürfen nochmal. Das hat schon Spaß gemacht, der Film, da sind wirklich Fetzen geflogen.
Die Fetzen geflogen? Dana Vávrová: Aber hallo! Das war sehr schön, wir haben beim Drehen sehr viel Spaß gemacht, wir hatten ein Team von Menschen, die unheimlich gut gearbeitet haben, die unheimlich professionell sind, sehr talentiert, und die auch gut mitfeiern konnten, mit uns beiden, das können wir nämlich auch sehr gut. Joseph Vilsmaier: Also, wenn man sich das vorstellt, da auf 1700 Meter Höhe, jeden Tag, die Anfahrtswege, das war alles beschwerlich, und dann, wenn wir da oben waren, die ganze Natur, ob jetzt der Regen kam oder das Gewitter, oder die Kälte, der Schnee ... Im Gebirge, im Juli schneit’s da ‘n Meter unter Umständen, das war sehr schwierig. Gewohnt haben wir in dem schönen Fremdenverkehrsort Gaschurn, in einem Hotel mit Sauna und mit allem. Da konnte auch keiner ausbrechen, von den Schauspielern oder vom Team. Wir waren auf einem Haufen, fünf Monate. Wir waren untertags zusammen und haben auch abends noch die Nähe gesucht. Zu den anderen! Wir haben teilweise um vier Uhr früh Tischtennisturniere gespielt, und um neun wieder aufgestanden und auf unseren Berg, und es hat uns nichts ausgemacht. Wir haben so einen Schub gehabt bei dem Film, also irgendwie, weil wir uns alle gemeinsam gesagt haben, wir versuchen einfach, das Beste daraus zu machen, wir versuchen jetzt, einen Film zu machen, der sowieso wahnsinnig ist, der ein Märchen, Illusion, alles mögliche ist.. Dana Vávrová: Jaja, es wurde viel gelacht, und es wurde viel geweint, hysterische Anfälle, und Männer haben sich geprügelt, da ging’s richtig zu!
Wer hat sich denn geprügelt? Dana Vávrová: Unser Cutter hat den Tonmischmeister böse angegangen, weil der niht mehr probieren wollte, die Atmo nochmal neu zu mischen (Sie kann sich vor Lachen kaum halten.) Es war großartig, und dann lagen sich wieder alle in den Armen. Herrlich.
Die Stimmung des Films ist ja ganz anders, sehr schmutzig-freudlos, düster umwölkt ... Dana Vávrová: Ja eben, deshalb mußten wir das irgendwann auch mal ausleben und austoben.
Herr Vilsmaier, was hat Sie an dem Stoff ganz besonders gereizt? Oder, andersherum: können Sie vielleicht in wenigen Sätzen die Geschichte erzählen, was Ihnen wichtig war? Joseph Vilsmaier: Ja, ich kann eigentlich nur sagen, ich hab das Buch gelesen und war begeistert. Ich wollte unbedingt daraus einen Film machen. Auch wenn der Robert Schneider (Autor der Romanvorlage und Drehbuchautor) gesagt hat, das kann man nicht verfilmen. Und dann haben wir uns irgendwie zusammengerauft. Das ganze Mystische, das ganze Archaische, alles, was da drin vorkommt, Fiktion, Märchen, der ganze Wahnsinn! Und daß ich mich als Filmschaffender da ausleben kann, ich kann mich in der ganzen Geschichte richtig suhlen, und das hat mich eigentlich am meisten interessiert. Was fällt dir da zum Hörwunder ein, was fällt dir zum Orgelkonzert ein und so, und wir haben, auch was die technische Seite des Films betrifft, die Möglichkeiten gehabt. Ob das jetzt die Steadycam war oder ein Kran, ein riesengroßer, wir hatten die Möglichkeiten, und wir haben das auch eingesetzt. Es war mal ursprünglich so gedacht, daß die die ganze Tonebene vorhanden ist, bevor wir drehen, aber wie das halt meistens ist, verschiedene Faktoren, keiner kam mit sich selber klar ... Und dann haben wir das Drehen angefangen und die Tonebene war noch nicht da, und die Musik war auch noch nicht da, und jetzt sich da zu versetzen, in die Bilder, was passiert da eigentlich beim Hörwunder, welche Töne ... Elias wird beschrieben als genial: was andere Menschen nicht hören, er hört das All, alle Stimmen dieses Alls. Und das Ganze, weil’s eben so schwierig war, auch, hat mich auch ungeheuer gereizt. Also, mich reizen dann irgendwie so unmögliche Sachen, wo man sagt, das kann man eigentlich fast gar nicht machen und so. Und ich sag’ immer in meinem Leben, es gibt nichts, was man nicht machen kann. Vielleicht mit ein paar kleinen Abstrichen, aber ansonsten, wenn man ein positives Denken hat, geht eigentlich alles.
Warum haben Sie ein ganzes Dorf in den Bergen aufgebaut? War das nötig? Joseph Vilsmaier: Ja, das war schon nötig, man hätte das im Studio nie so bauen können, und wenn doch, dann wäre es doppelt so teuer gewesen. Das ist ja ein ungeheuerer Faktor. An meinem Drehort hatte ich alles im Orignal, da gibt’s keine Pappe, das war alles original, was da gebaut worden ist, da hatte ich natürlich noch meine Umwelt, meine Natur pur!
Mußten Sie auch nach Ihren großartige Kleindarstellern lange suchen? Joseph Vilsmaier: Das war auch so ein Punkt: Wir waren lange vorher in Gaschurn, da haben sich jeden Tag funfhundert ... Das waren Schlangen, die sich angestellt habe! Und wir haben da drin gesessen und haben gesagt, da sind die richtigen nicht! Dana Vávrová: Das ist ja halt so, wenn man in so einen kleinen Ort kommt, und die Filmer sind da, dann kommen die schönsten Mädels, und die wollen alle zum Film, und genau die wollten wir aber nicht! Und dann wurden die halt gesucht, von den Bergen da, von oben, die richtigen. Joseph Vilsmaier: Und dann waren wir noch einen ganzen Monat auf ... ja, Menschenjagd, sozusagen, auf Komparsen, und die haben wir dann alle von oben, haben wir wirklich auf 2000 Meter Höhe – Berghöfe und so – die von der Natur gezeichnet sind, also die auch ihre Sprachlosigkeit ... wie die auch wirklich waren, obwohl das 150 Jahre später ist, die sind ja noch so! Auch die Behinderten und die Inzüchtler, das gibt es ja alles. Und wir haben auch die ... zum Beispiel, den Bruder von Elias, den Philipp, haben wir überall gesucht. Deutschland, Österreich! Nicht gefunden. Sagt einer von der Bergwacht: Meine Schwägerin hat ein behindertes Kind, ein mongloides Kind. Ist ein Mädchen gewesen. Wir haben die Michaela gesehen, haben sie sofort ins Herz geschlossen, haben gesagt: Das ist die! Vor Ort hat man das alles gefunden! Das haben wir ja überhaupt nicht gewußt, vorher.
Wie war es, Robert Schneider, den Autor der Romanvorlage, das Drehbuch schreiben zu lassen? Joseph Vilsmaier: Mit Robert hat sich eine gewisse Freundschaft rausgestellt, was ja nicht immer der Fall ist, daß man mit dem Autoren oder dem Drehbuchautoren konform geht und so, aber er sagte: Buch ist Buch und Film ist Film, und ich habe da hunderte Personen in meinem Roman, und ich hab einen Erzähler, aber hier müssen wir uns konzentrieren auf Elias, Elsbeth und Peter mit den Familien dazu, daß man nicht nach zwei Stunden aus dem Kino rausgeht und sagt, da waren jetzt vierzig Familien, aber wer hat jetzt eigentlich was gespielt, um wen ging’s jetzt eigentlich? Und das war von Anfang an so, daß man gesagt hat, da legt man den Schwerpunkt drauf.
Schlafes Bruder wird gelegentlich als Heimatfilm bezeichnet. Stört Sie das? Joseph Vilsmaier: Heimatfilm? Ich hab da überhaupt nichts dagegen. Der Begriff hat so einen schlechten Nachgeschmack aus den fünfziger Jahren, das ist natürlich ganz etwas anderes. Heimatfilm? Ich denke europäisch, ich könnte überall sein, wo ich Menschen um mich hab’, die ich in Ordnung finde. Was weiß ich, in Russland oder in Frankreich kann ich in meinem Umfeld vielleicht bessere Menschen finden und fühle ich mich vielleicht wohler als ich mich jetzt in Bayern fühle. Und ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich jetzt einen Heimatfilm mache. Wenn der Forman den Feuerwehrball dreht, dann ist das ein purer Heimatfilm, weil das sind die Menschen von da ... Und wenn der Woody Allen Manhattan dreht! Heimat ist irgendwie ... da hat jeder irgendein Problem. Mich hat die Geschichte interessiert. Schlafes Bruder hat ja mit Deutschland gar nichts zu tun. Das kann in Kanada spielen, da gibt’s die selben Probleme.
(Januar 1993)
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