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John Schlesinger - ...und der Himmel steht still

John Schlesinger, britisch-amerikanischer Regisseur und Oscar-Preisträger, hat seinen letzten Film in Berlin und Potsdam gedreht: „...und der Himmel steht still“. Jens Steinbrenner hat John Schlesinger getroffen.

„FILM IST EINE STERBENDE KUNST“

John Schlesinger sieht nicht besonders glücklich aus in diesen Tagen. Haare und Vollbart – dicht und weiß, Reste verschneiten englischen Rasens um eine rosige Billardkugel – sind wie immer akkurat geschnitten, aber die Augen schauen müde. Resigniert. Das kann daran liegen, daß die Interviewer-Horden, die im 30-Minuten-Takt versuchen, geistreiche Gespräche mit dem Meister zu führen, ihm die Kraft rauben; immerhin ist er 67 Jahre alt. Vielleicht ist er aber auch mutlos, schließlich sollen all diese Gespräche dazu dienen, der Presse seinen neuen Film, The Innocent (deutsch: ...und der Himmel steht still), schmackhaft zu machen.

John Schlesinger hat in seiner 30jährigen Kino-Karriere nicht nur gute Filme inszeniert, aber er macht den Eindruck, daß er ungefähr weiß, welche Qualität er gerade abgeliefert hat, daß er sich mit verdienten Niederlagen abfindet, abfinden muß, weil er auch realistisch ist. Zu den „großartigen, originellen Schöpfernaturen“ zählt er sich ohnehin nicht. Umso schmerzlicher empfindet er unverdiente Niederlagen, und umso mehr leuchteten seine Augen, als ich ihm sagte, daß sein Day Of The Locust (deutsch: Der Tag der Heuschrecke) zu meinen zehn All-Time-Favourites gehört. Das ginge ihm ähnlich, aber die Welt teile unsere Auffassung offenbar nicht.

The Innocent wird wohl niemandes All-Time-Favourites-Liste bevölkern. Dazu ist die Geschichte zu abgeschmackt, stimmen die Hintergründe zu wenig – was bei einem Film, der seinen Reiz vor allem aus der Authentizität des Milieus beziehen soll, fatale Folgen hat. The Innocent sieht wie eine unambitionierte Auftragsarbeit aus, was die Vertreter des Verleihs bestreiten. Sie beteuern, daß Schlesinger seinen neuen Film liebe. Ich habe darauf verzichtet, Schlesinger zu fragen, was er von The Innocent hält – was hätte er antworten sollen? Regisseure sagen in der Regel frühestens nach ihrem nächsten Film, was sie wirklich von dem vorherigen halten.

Auf jeden Fall gehörte John Schlesinger nicht zur ersten Regie-Wahl bei The Innocent:

„Das Projekt existierte bereits. Es gab ein Drehbuch, das von jemand anderem für die Paramount inszeniert werden sollte. Aus allen möglichen Gründen wurde es gekippt. Und dann wurde es wieder aufgenommen, unter anderen Umständen: mit deutschem Geld, das uns dazu zwang, es hier zu drehen, in diesem Studio (Babelsberg), mit einer großen deutschen Crew. So ist es entstanden.“

Dieser andere Regisseur war Jon Amiel, ebenfalls ein Brite, der vom Fernsehen kommt (The Singing Detective), und der hat nach zwei Jahren aufgegeben. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Paramount bereits 3 Millionen Dollar in den Film investiert. Der deutsche Produzent Chris Sievernich produzierte den Film schließlich als deutsch-britische Co-Produktion mit Fördermitteln aus Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen.

The Innocent spielt während der fünfziger Jahre in Berlin. Der junge britische Fernmeldetechniker Leonard hilft, bei der (authentischen) „Operation Gold“ sowjetische Telefonleitungen anzuzapfen. Er verliebt sich in die Deutsche Maria. Die ist zwar verheiratet, will sich aber von ihrem Mann Otto, einem gewalttätigen Säufer, trennen. Bei einer Auseinandersetzung erschlägt sie Otto. Gemeinsam mit Leonard zerlegt sie die Leiche, die er dann verschwinden zu lassen versucht. Otto wird entdeckt. Leonards Vorgesetzter, der amerikanische Offizier Glass, verhilft ihm zur Flucht und heiratet dafür Maria. Das Ganze wird als Rückblende erzählt: Leonard ist im November 1989 in Berlin, erinnert sich und trifft natürlich auch Maria wieder.

Das entspricht nicht genau der Romanvorlage (von Ian McEwan): „Es begann zum Beispiel nie mit dem Mauerfall. Und hörte auch nicht so auf. Es fängt in den Fünfzigern an und endet dann ziemlich elegisch mit einem Brief von ihr, und was er über sie denkt, während er die Reste des Tunnels besucht, die lange zerstört und entdeckt sind. Nicht sehr filmisch.“ Der Mauerfall ist aber der Dreh- und Angelpunkt des Films, auch wenn er mit der Handlung direkt nichts zu tun hat. „Ich habe das Drehbuch nie ohne diesen Aspekt gelesen, es schien mir ein ausreichend erinnerungswürdiges Ereignis für ihr zufälliges Treffen zu sein, für ihre Wiedervereinigung, wenn Sie so wollen. Wenn sie sich nur so in einem Berliner Restaurant getroffen hätten, wäre es nicht so interessant gewesen. Es ist hübsch: diese Begegnung während einer Feier, die wirklich stattgefunden hat und von der jeder weiß. Die Mauer hatte ihre Rolle zu spielen, und das ist etwas, was jedes Publikum versteht. Damit ist auch eine gewisse Ironie verbunden. Wir wissen ja jetzt, was die Vereinigung Berlins wirklich für Folgen hatte. Es wird also einige Kopfnicken geben, oder etwas Gegrinse.“

The Innocent wurde zum Teil in den Straßen Berlins gedreht. „Zum Glück hatten wir die Ost-Bezirke zur Verfügung, für die Bilder aus den fünfziger Jahren in West-Berlin. Das hat geholfen. Wir haben auch viel recherchiert: Fotografien, Wochenschauen, Dokumentationen und so weiter, für ein akkurates Feeling, wie es gewesen sein muß. Unmöglich, es präzise zu machen, und wir hatten nicht genug Geld, um die Schauplätze in größerem Umfang nachzubauen. Das Schwierigste, was mich am meisten beunruhigte: Wie kriegen wir die Mauer? Dann kamen wir auf die Idee, Fernsehbilder zu zeigen, im Hotel, wissen Sie: überall Presse. Das hat uns ermöglicht, echte Bilder zu benutzen, bis auf die Schlußsequenz, die mußten wir rekonstruieren. Wir mußten alle möglichen Entscheidungen treffen, wir konnten nicht exakt das drehen, was im Buch stand, weil wir nicht immer die Mittel dazu hatten.“

Bei der Besetzung scheint es keine Geldprobleme gegeben zu haben: mittlere bis große Namen in den Hauptrollen, wenn auch etwas kurios kombiniert: Isabella Rosselini, eine Italienerin, spielt die Deutsche, Maria. Anthony Hopkins, ein Brite, spielt den Amerikaner Glass. Und Campbell Scott, ein echter Yankee aus New York, spielt den Briten Leonard. Wie das? „Nun, es hat sich so ergeben. Wir haben die Rolle des Glass verschiedenen amerikanischen Schauspielern angeboten, und sie war ihnen nicht groß genug, oder sie hatten keine Zeit. Der Produzent hat jemanden vorgeschlagen, dem ich nicht die Tiefe zugetraut habe, die für die Rolle nötig ist. Dann habe ich gesagt: Was ist mit Anthony Hopkins? Er ist ein Star. Wir könnten den Film mit ihm besser verkaufen als ohne ihn. Und er hat zugesagt. Bleibt nur das Problem, wahrscheinlich nur für ein paar Amerikaner, daß sein Akzent nicht absolut authentisch ist. Auf der anderen Seite Campbell Scott: Man bemerkt überhaupt nicht, daß er kein Engländer ist. Er schien alle Qualitäten für die Rolle zu haben. Und er sieht sehr britisch aus. Er ist gut, ausgezeichnet. Bleibt sie: Ich liebe Isabella.“

Die Innenaufnahmen wurden in den Babelsberger Studios gedreht. Und um die wird seit drei Jahren ein ziemlicher Wirbel veranstaltet. Was meint John Schlesinger? Hat Babelsberg eine Zukunft? „Ich hoffe.“ Warum? „Weil wir erfolgreiche europäische Filmzentren brauchen. Film ist zu einer immer schwieriger zu finanzierenden und am Laufen zu haltenden Angelegenheit geworden. Man kann aber nicht so tun, als hätte Babelsberg nicht seine Dämonen. Nach allem, was geschehen ist, kann man kein berühmtes Studio haben, wo während der zwanziger und dreißiger Jahre erstaunliche Filme entstanden sind, das dann in ein Propaganda-Hauptquartier verwandelt wurde – von zwei vollkommen unterschiedlichen totalitären Regimes – ohne daß Dämonen bleiben.“ Was für Dämonen? „Nun, die Tradition. Sie lassen keine Gelegenheit aus, zu betonen, daß es hier war, wo Marlene Der blaue Engel gemacht hat, und Fritz Lang Metropolis und all das. Aber sie sind sehr still über die Geschichte des Studios seitdem. Was ich ziemlich interessant finde.“

Spürte denn Schlesinger selbst den Hauch der großen Filmgeschichte in den altehrwürdigen Studio-Hallen? „Das kann ich eigentlich nicht sagen. Ich habe mich mehr um andere Sachen gesorgt: Gibt es einen sauberen Ort, wo man hingehen kann, um zu scheißen? Offen gesagt. Ich meine, die Toiletten waren dreckig, nicht einladend. Ich suche in Studios immer nach diesen sehr privaten Örtlichkeiten, wo man sich erleichtern kann. Weil man so viele lange und überflüssige Stunden in Studios verbringt. Ich bin da eigen, ich persönlich. Das Essen war auch nicht besonders gut. Also hatten wir eine Verpflegungs-Firma von außerhalb, die uns sehr gut verpflegte. Es gab kein frische Luft, keine Belüftung. Die Vorführräume waren nicht besonders. Aber so ist es eben, es muß modernisiert werden, man muß Geld reinstecken. Aber ich glaube, Babelsberg ist wichtig. Der Film ist eine sterbende Angelegenheit, eine sterbende Kunst. Das Fernsehen, wissen Sie, El Cheapo-Things, Billigware ist zur Norm geworden. Oder aufgeblasene Beerdigungen aus der Special-Effects-Abteilung.“

John Schlesinger hat seine erfolgreichsten Filme in den USA gemacht: Midnight Cowboy (deutsch: Asphalt Cowboy), Marathon Man, Yanks, The Falcon And The Snowman, Pacific Heights (deutsch: Fremde Schatten). Was hält er vom europäischen Film? „Ich weiß nicht, was der europäische Film sein soll. Dies ist ein wirklich europäischer Film, den ich gemacht habe. Das bedeutet: Nichts ist Fälschung. Wer die Charaktere sind, und wie sie sind. Es spielt in Berlin, warum also woanders drehen? Das bedeutet nicht: Wir haben spanisches Geld, also brauchen wir einen spanischen Regisseur, einen französischen Kameramann, wir müssen die Geschichte nicht konfektionieren, damit sie zur deutschen Hauptdarstellerin paßt oder zum englischen Hauptdarsteller oder zu wem auch immer. Ich hasse die Idee des Euro-Puddings. Aber ich glaube, daß man konkurrenzfähige Preise braucht. Wir brauchen Filmzentren, und hier ist eins. Und viel deutsches Geld steckt in sehr vielen Filmen. Amerikanischen.“

Zum Schluß ein Wort zu den Anfängen John Schlesingers. Er hat Ende der fünfziger Jahre für die BBC Regie geführt. Danach kam sein erster Kinofilm, A Kind Of Loving (deutsch: Nur ein Hauch Glückseligkeit). Das war die Zeit des Free Cinema. „Ich hatte nichts mit British Free Cinema zu tun. Und wenn das in irgendeiner Biographie über mich steht, ist es eben falsch. Ich kam zum Fernsehen, als Free Cinema existierte. Aber die Leute, die das Free Cinema repräsentierten, wollten mich nicht haben. Es war eine gute Bewegung und sie haben uns durch die Resultate ihrer Existenz vielleicht geholfen zu arbeiten, aber ich gehörte nie dazu. Auch Richard Lester war nie wirklich ein Teil des Free Cinema. Ich glaube nicht. Free Cinema waren Tony Richardson, Lindsay Anderson, Karel Reisz. Ein Teil der Royal-Court-Gruppe. So hieß das Theater, das als erstes die Stücke von Osborne produzierte, „Look Back In Anger“, diese Sachen. Und sie haben bestimmt den Weg bereitet, für uns, die wir vom Fernsehen oder sonstwoher gekommen sind. Keine Frage. Und ich hatte das große Glück, damals meinen Durchbruch zu schaffen. Das Kino gedieh, und mein erster Film war so erfolgreich, daß man mich fragte, ob ich einen zweiten, einen dritten machen wollte. Das hat meiner Karriere einen wichtigen Schub gegeben. Wissen Sie, man ist nur so gut wie sein letzter Film. Und man muß aus Fehlern lernen.“

(September 1993)


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