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Helge Schneider - 00 Schneider

HELGE SCHNEIDER AS USUAL

Den Film „00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter“ der Presse zu zeigen, hat sich der Senator-Filmverleih offenbar nicht getraut. Dafür kam Helge Schneider zum „Pressefrühstück“ in eine Berliner Kneipe. Jens Steinbrenner war dabei.

Der „Diener“ hat das Flair einer mäßig gepflegten Eckkneipe, gilt aber als Berliner In-Treff. Hier sitzen Schauspieler, Film- und Theaterleute nach Feierabend, trinken Bier und Korn und Pfefferminztee, essen Bouletten oder Wiener und lassen sich von der Bedienung schlecht behandeln. Am Morgen des sogenannten Pressefrühstücks war von einer Bedienung aber gar nichts zu sehen, es gab auch kein Frühstück (obwohl wir alle tüchtig Hunger mitgebracht hatten), dafür lag die Sitzplatz-Ausnutzung bei schätzungsweise 500%, kurz: es war rappelvoll. Fernsehteams, Radioleute, ein N-TV Talkmaster nebst Assistenten, dazu haufenweise Schreiberlinge wollten Helge Schneider sehen. Und dessen neuen Film, den Schneider auf Video dabei hatte. Um das vorwegzunehmen: Aus dem Filmgucken wurde, bis auf ganz kleine Stückchen, nichts, 00 Schneider, so der Hauptdarsteller und Regisseur Helge, sei noch gar nicht fertig, auf dem Videoband sei nur der „Raff-Mix“, und den könnten Presseleute gar nicht beurteilen.

Es wurde dann doch noch ganz nett, trotz vernehmlich knurrender Mägen, denn das bißchen, was gezeigt wurde, kommentierte Helge Schneider auch. Sachte gestikulierend, die Fernbedienung in der Hand, unterbrochen nur von gelegentlichen Denkausfällen und leichtem Husten („Diese Hustenanfälle!“). Zum Beispiel die Szene, in der Schneider im fahrenden Auto gefilmt wurde: „Das haben wir gedreht mit dem Wagen auf ‘nem Anhänger. Ich hab’ aber richtig gesprochen, also, darin bin ich, aber verkleidet. Hier (er deutet aufs Fernsehbild). Der Wagen ist auf dem Anhänger festgeschnallt und wird von einem Ford Transit gezogen, wo die Klappe auf ist. Und aus der Klappe heraus hat der Kameramann die Fotos gemacht, äh, den Film aufgenommen. Und das Motorengeräusch, das ist der Clou daran, haben wir nachträglich noch mal aufgenommen, getrennt, haben das dann zusammengeführt. So ist die Illusion perfekt und man meint, das Auto würde richtig fahren.“ Lehrreich: so macht man Filme. Aber Schneider verwöhnte die bildergierigen Zuschauer nicht: „So. Vielleicht haben wir erstmal genug gesehen. Mehr kann ich jetzt nicht verraten, aber anhand dieser Aufnahmen kann man sehen, daß ich mir sehr viel Mühe gegeben habe.“ Das konnte man natürlich nicht, denn 00 Schneider ist schauerlich zusammengeschustert. Aber Helge Schneider macht aus der Not eine Tugend, zum Beispiel, als er später beim Spulen zufällig auf eine Party-Szene stößt: „Hier sieht man den Aufnahmeleiter und den Kameraassistenten glaube ich. Wollt’ ich nur kurz sagen. Ist auch gut, ne?“ Nein, ist nicht gut. Aber wir wollen natürlich keinen Film verreißen, den wir nicht ganz gesehen haben. Außerdem ist der berüchtigte Schneider-Touch qualitätsunabhängig. Der Mann macht den Mund auf – „Dieser Film ist eine Auseinandersetzung mit der heutigen Zeit.“ – und die Leute lachen. Auch die Presseleute. Einige wenige versuchten trotzdem, ernsthafte Fragen zu stellen. Deshalb jetzt: Ein Gesprächsauszug:

Wie seid ihr auf die Kneipe hier gekommen?
Weiß ich nicht. Weil das hier um die Ecke ist. Aber um welche Ecke, das sage ich nicht.

Gefällt es Dir, Filme zu drehen?
Mir gefällt immer alles gut, was ich gerade mache. Also, ich habe aufgehört, auf der Bühne zu arbeiten, weil es mir dann auch nicht mehr gefiel. Der letzte Auftritt gefiel mir, aber der, der danach gekommen wäre, den ich ja dann nicht gemacht habe, der hätte mir am Ende nicht gefallen. Und so habe ich dann ‘nen Film gemacht. Gezwungenermaßen, woll’n wir mal so sagen, ein Freund hatte mich angerufen, der Geld brauchte, und der hat gesagt: Komm, laß uns doch mal einen Film machen, und dann habe ich das in die Wege geleitet. Ich wollte keinen Film machen. Eigentlich wollte ich in Rente gehen.

Die Kamera in 00 Schneider wird von Christoph Schlingensief bedient. Wer war denn professioneller? Der oder du?
Du. Ich natürlich. Oder soll ich sagen: Christoph Schlingensief? Kann ich auch sagen. Aber ich, ich war professioneller. Und Christoph Schlingensief war auch professioneller. Ich hoffe, ich hab’ dir jetzt geholfen.

Christoph Schlingensief ist ja auch Regisseur ...
Jaja.

Seid ihr euch mal in die Quere gekommen?
Ja, manchmal. Aber da hab ich dann ein kräftiges Wort gesprochen, und da half dann auch kein Quengeln, da ist dann das passiert, was ich wollte.

Gibt es eine Berühmtheit, die Du gerne mal spielen möchtest?
Ja.

Wen denn?
Och. (Lange Pause) Casanova. Muhammed Ali. Oder Emanuelle.

Würdest du dich denn dafür ausziehen?
Nee! Gibt doch so Anzüge, wo alles draufgemalt ist.

Kennst du James Bond?
James Brown?

James Bond!
Ja, natürlich. (Pause) Die nächste Frage?

Worum geht’s in 00 Schneider?
Aus Versehen wird einer umgebracht, und der Kommissar 00 Schneider, von mir gespielt auch, löst den Fall und bringt denjenigen, der den anderen angeblich aus Versehen umgebracht hat, denn er hat es nicht angeblich aus Versehen gemacht, denn er hat es wahrscheinlich vorsätzlich gemacht ... aber das wissen wir nicht, das geht auch aus dem Filmmaterial nicht hervor. Und nachher kommt der also ins Gefängnis, was eigentlich auch ein bißchen traurig ist. Man weiß jetzt nicht, für wen man Stellung beziehen soll: für den Mörder, oder für den Kommissar, oder für den Menschen, dem da jetzt irgendwie die Hand ausgerutscht ist, oder für den Kommissar, der ja sowieso immer alle Fälle löst. Ist ja auch langweilig, ‘n Kommissar, der immer alle Fälle löst. Nun, diesmal hat er den Fall gelöst, aber nur mit Hilfe seiner Frau, die eine entscheidende Rolle nachher in der Aufspürung des Täters hat.

Wer hat die Frau gespielt?
Andreas Kunze.

Und warum?
Er kam zu mir und sagte Helge, Helge, bitte, bitte, ich möchte wieder eine Frauenrolle spielen. Und da habe ich gesagt, na gut, wenn es unbedingt sein muß. Ich hätte sonst gesagt, er wär’ mein Mann. Aber nun ergab sich das auch gut, weil ich als Kommissar selber ein Mann bin, hab ich gedacht, dann paßt das gut zusammen, wenn der ‘ne Frau hat. Ist doch besser, als wenn der Kommissar ‘nen Mann hat. Leichter, plakativer.

Und dann wird Helge Schneider von einer tiefen Schwermut gepackt:
Ich bin out. Aber es schmerzt nicht. Nun, ich erwische mich manchmal, wenn ich in der U-Bahn fahre, daß ich leise vor mich hinsumme: Katzenklo, Katzenklo ... Damit die Leute mich erkennen. Oder ich stelle mich vor meine eigenen Plakate und halte Kinder an. Und sage: na, fällt euch was auf?

Und? Funktioniert das?
Ja. Fällt nicht auf. Wenn man einmal out ist, ist man out.

(November 1994)


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