Der neue Film von Hal Hartley heißt „Amateur“, ist wieder ein kleines, sperriges Stück Kino, aber mit einem Star in einer Hauptrolle: Isabelle Huppert. Jens Steinbrenner hat Hal Hartley in Berlin getroffen.
AN AMERICAN INDEPENDENT
Eine Kriminal-Komödie. Isabelle Huppert spielt eine Französin in New York: Isabelle, eine ehemalige Nonne, mit einigen Marotten. Sie hält sich zum Beispiel für eine Nymphomanin, obwohl sie noch unberührt ist, sie habe den Richtigen eben noch nicht getroffen. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mehr schlecht als recht mit dem Verfassen von pornographischen Kurzgeschichten, die aber weniger pornographisch als poetisch sind, sehr zum Leidwesen ihres Verlegers, der seinerseits von seriöser Literatur träumt. Eines Tages trifft Isabelle einen freundlichen jungen Mann, der sein Gedächtnis verloren hat: Thomas. Der ist eigentlich ein verbrecherischer Porno-Regisseur und hat den Mordversuch seiner Freundin (und Hauptdarstellerin) Sofia nur knapp überlebt. Isabelle kümmert sich um Thomas, erforscht sein früheres Leben, während Sofia in dem Glauben, daß Thomas tot sei, versucht, die Mafia zu erpressen. Am Ende treffen sich alle in Isabelles altem Kloster und es gibt einen parodistischen Showdown (mit tragischen Untertönen), der allein den Besuch des Filmes lohnen würde. Aber er hat noch mehr zu bieten: Eine gleichzeitig rauhe und elegante Kameraarbeit, eine wirklich gute Geschichte und tolle Schauspieler. Nicht nur Isabelle Huppert, auch Martin Donovan, Elina Lowenson und Damian Young als debiler Steuerberater. Und: Amateur ist tatsächlich unterhaltsam. Was bis jetzt ja nicht unbedingt eine der Hauptqualitäten in Hal Hartleys Werk war.
Amateur sieht stellenweise so aus wie eine Parodie auf die neue Gewalttätigkeit á la Tarantino. War das Ihre Absicht? Nein.
Mit Isabelle Huppert haben Sie das erste Mal mit einem echten Filmstar, wenn auch einem europäischen gearbeitet. Haben Sie Amateur von vornherein für Isabelle Huppert geschrieben? ich hatte einen Drehbuchentwurf, als ich sie getroffen habe. Und als klar war, daß wir zusammenarbeiten würden, habe ich den für sie umgeschrieben.
Hat sich die Arbeit mit Isabelle Huppert von der mit anderen Schauspielern unterschieden? Nicht wirklich. Sie war nicht an Proben gewöhnt, und ich probe viel und lang, aber nach zwei oder drei Tagen war das für sie in Ordnung. Andererseits war ich ein bißchen über ihren Star-Status besorgt. Und darüber, daß sonst niemand in dem Film ein Star ist. Aber sie ist eigentlich ganz normal, außer wenn sie spielt, und darum ging es mir.
Auch Sie sind ja inzwischen eine Art Kult-Star. Hat das Ihren Stil, Ihre Arbeit beeinflußt? Nein. Weil die Filme nicht nennenswert größer geworden sind. Mir geht es darum, die Filme klein und die Budgets niedrig zu halten. weil einem dann nicht so viele Leute reinreden. das ist es, was einen zu Kompromissen zwingt: Je mehr Geld man hat, desto mehr Geld muß man einspielen. Irgendwann geht es dann nicht mehr um die Qualität des Films, sondern um andere Dinge, um Zielgruppen und darum, die Filme dem Publikum anzupassen. Es gibt Leute, die das ganz großartig machen, aber ich eben nicht.
Trotzdem muß es doch Erwartungen geben, die die Leute an einen neuen Hal-Hartley-Film haben. Versuchen Sie, denen zu entsprechen? Oder ist Ihnen das lästig? Nein, ich mag die Verbindung zum Publikum, mich interessiert, was die Leute denken, ob ihnen meine Filme gefallen oder nicht. Natürlich gibt es auch Leute mit zu hohen oder zu speziellen Erwartungen. Zum Beispiel in der Presse: Als ich meinen ersten Film, The Unbelievable Truth, gemacht hatte, hieß es, was für ein netter kleiner Film von einem pfiffigen Burschen. Und jetzt kann man sehen, daß es nicht einmalig war. Ich bin immer so. (Er lacht) Ich finde das ganz gut, und ich begrüße es, wenn darüber gesprochen wird. Aber eigentlich hat das nichts mit Erwartungsdruck zu tun.
Sie sagen, daß Sie und Ihre Filme eben immer so seien. Wie sind sie denn? Sie sind ich (Hal Hartley ist die Frage sichtlich unangenehm), ich meine, sie sind ziemlich gradlinig, passen in keine Schublade oder so ... nein, wir sprechen hier über eine andere Sprache, nicht meine. Ich weiß, wie meine Filme sind, aber ich benutze eine andere Sprache als die Leute, die darüber schreiben.
Gibt es ein universelles Thema? Ich versuche, über die Welt zu reden, wie ich sie sehe und erfahre. Sogar bei etwas so Irrealem wie Amateur. Ich habe keine Ahnung vom Verbrechen, kenne mich auch mit Pornographie nicht aus, aber ich weiß, was Verantwortung ist, kenne den Wunsch, nicht verantwortlich zu sein, ich kenne schlechte Laune und den Wunsch, geliebt zu werden. Und darum geht’s in Amateur.
Sie haben in Berlin gerade den zweiten Teil Ihres neuen Films abgedreht: Flirt. Worum geht es da? Ich drehe das gleiche Buch, die gleiche Story, dreimal. Mit verschiedenen Leuten in verschiedenen Städten. In New York war es ein junger Mann, der seine Freundin verläßt, hier war es ein junger Schwuler, der seinen Freund verläßt, und in Tokio wird es ein junges Mädchen sein, das seinen Freund verläßt. das Interessante dabei: der gleiche Dialog, die gleiche Situation, aber ein unterschiedliches Milieu. Das zwingt einen dazu, aus den gleichen Worten vollkommen unterschiedliche Bedeutungen zu machen.
Ihre Filme werden zum Großteil mit europäischem Geld finanziert. Gibt Ihnen das mehr künstlerische Freiheit, als wenn das Geld aus Amerika kommen würde? Europäisches Geld macht genausoviele Probleme wie amerikanisches. Geld ist Geld, und wenn man viel braucht, hat man auch mit vielen Leuten zu tun, und bei weniger Geld sind es eben weniger Leute. Aber niemand gibt einem Geld, ohne daß Leute daran hängen, meistens Leute in Anzügen mit einem Jura-Diplom. Also nehme ich so wenig Geld wie nötig von überall, woher ich es bekommen kann. Wenn mir Leute aus Los Angeles Geld anböten, würde ich es nehmen – zu meinen Bedingungen –, aber sie tun es nicht. Ihr Geschäft ist anders. Sie müssen Filme für unglaublich viele Menschen machen, populäre amerikanische Massenfilme. Und das tue ich eben nicht, weil es mich nicht interessiert.
Wenn Sie aber den berühmten Anruf aus Hollywood bekämen, ein 20 Millionen Dollar und ein Drehbuch, das Ihnen gefiele, würden Sie dann nicht doch darauf eingehen? So einfach ist das aber nicht. Ich müßte fragen: Was wollen Sie für Ihr Geld?
Einen Hal-Hartley-Film? Nein, sie würden sagen: 60 Prozent von den Einspielergebnissen, das heißt 40 für mich, gleichberechtigte Kontrolle bei der Besetzung, bekannte Gesichter. Falls ich also Sie besetzen wollte, weil Sie interessant aussehen und der Richtige für die Rolle wären, hätten die das Recht zu sagen: Wir wollen jemanden mit Star-Qualitäten, Harrison Ford. Und ich würde sagen: Der ist mindestens dreißig Jahre zu alt für die Rolle. Das wäre denen aber egal. Das meinen die, wenn sie von kreativer Kontrolle reden. Ich sage in solchen Fällen gewöhnlich: Nehmen Sie 70% des Einspiels, aber lassen Sie mich in Ruhe! Normalerweise läuft das nicht so extrem, aber: Ja, ich bezahle. Ich zahle, um meine Ruhe zu haben, damit ich arbeiten kann.
(Oktober 1994)
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