NO JOKES
„Funny Bones“, ein neuer Film von „Hear-My-Song“-Regisseur Peter Chelsom. Jens Steinbrenner hat die Hauptdarsteller Oliver Platt und Leslie Caron getroffen.
Funny Bones, lustige Knochen – das ist es, was richtige Komiker haben müssen. Das kann man nicht lernen, das kann man nicht üben, das muß einfach da sein. George Fawkes hat es, und das glaubt man auch, denn George Fawkes wird von Jerry Lewis gespielt. George Fawkes ist eine amerikanische Komikerlegende, tritt in Las Vegas vor ausverkauften Häusern auf und hat einen Großteil seiner Karriere auf Witze aufgebaut. George hat einen Sohn (manchmal wie ein junger Orson Welles: Oliver Platt), und der wäre auch gerne Komiker. Aber er hat keine „Funny Bones“. Sein Debut, standesgemäß in Las Vegas, wird zum Desaster, nicht zuletzt, weil ihm der Vater die Show stielt. Tommy reist verzweifelt nach Blackpool, England, weil dort die Karriere des Vaters begonnen hat. Tommy will Gags und Nummern kaufen, um daheim in den USA doch noch ganz groß rauszukommen. Einzige Bedingung: keine erzählten Witze. Und er wird fündig, trifft großartige Komiker, die ihm (und uns Zuschauern) fabelhafte Vorstellungen geben, aber er wird auch mit der Vergangenheit konfrontiert, der seines Vaters und auch seiner eigenen.
Wie schon Hear My Song ist auch Funny Bones eine sehnsuchtsvolle Schwärmerei über die großen und romatischen Zeiten des Showgeschäfts: Music Hall. Und wieder flüchtet sich Peter Chelsom nicht in die Vergangenheit, sondern läßt seine nostalgische Geschichte in der Gegenwart spielen. Funny Bones ist noch ein bißchen schräger, formal ungeschlachter als Hear My Song, ein bißchen kantig, ein großer Gegensatz zu dem, was Oliver Platt (zuletzt in Die drei Musketiere) normalerweise macht. „Naja, das ist einer der Gründe, warum ich Funny Bones überhaupt gemacht habe“, sagt Platt, „ich versuche immer, etwas anderes als vorher zu machen, es ist einfach interessanter so. Und dieser Film ist zweifellos ziemlich merkwürdig und wundervoll und originell, ich habe noch nie ein Drehbuch wie dieses gelesen. Meine Rolle hat nichts mit dem zu tun, was ich jemals vorher gemacht habe, eine verzweifelte Figur, nicht lustig, nichtmal jemand, den man mag. Irgendwie dachte ich, daß da etwas Wahres ist, wahre Menschlichkeit.“
Das Drehbuch scheint tatsächlich ganz besonders zu sein. Leslie Caron: „Ich habe es gelesen und nicht ein Wort verstanden. Ich habe meinen Agenten angerufen, ihm gesagt, daß ich wohl gemerkt habe, daß es gut ist, aber ich weiß nicht genau, worum es geht. Also hat mir Peter Chelsom eine Inhaltsangabe geschrieben. Das ist mir zum ersten Mal in meinem Leben passiert, und ich habe mir schon Sorgen gemacht, ob ich nicht mehr in der Lage bin, ein Drehbuch zu lesen. Aber Peter Chelsom war nicht überrascht, er hat mir noch eine Cassette von Hear My Song geschickt, und davon war ich natürlich vollkommen begeistert. Ich mußte zusagen. Und jetzt, wo der Film fertig ist, weiß ich auch, worum es geht: Es ist eine Saga von zwei Familien, beide im Music-Hall-Unterhaltungsgeschäft. Eine Art Hommage an diese Art von Künstlern. Der Film ist mit Liebe und Sehnsucht gemacht, mit Hochachung vor dieser Welt. Die Leute darin sind nicht nur gut oder nur böse. Die Schurken sind charmant, man vergibt ihnen, und die Guten haben schreckliche Dinge getan. Sehr sophisticated, nur die besten Filmemacher behandeln ihre Figuren mit dieser Haltung, nie etwas zu entschuldigen versuchen, immer wahrhaftig sein zu wollen. Es ist sehr lebensnah, sehr wahrhaftig.“
Auch wenn man sie nicht sofort zuordnen kann: Ihr Name ist bekannt. Leslie Caron ist eine große Dame (nicht nur das Taktgefühl verbietet es, sie als „alte Dame“ zu bezeichnen) des Showgeschäfts, sie war 1949 Primaballerina in Paris, hat 1951 mit Gene Kelly Singing In The Rain gemacht und hat seitdem nicht aufgehört, auf der Leinwand und der Bühne zu singen und zu tanzen. In Funny Bones spielt sie das weibliche Oberhaupt einer Musik-Hall-Familie, von Tragik umweht, verzweifelt und komisch, mit einem Sohn, dem die „Funny Bones“ fast den den Verstand gekostet haben. Jack hat als Teenager in der Manege einen Mann erschlagen, nur um einen Lacher zu bekommen. Jack wird von dem englischen Komiker Lee Evans gespielt, der noch nie einen Film gemacht hat. Sein direkter Partner ist Tommy, also Oliver Platt, und der ist ja schon ein kleiner Star, hat mit Robert Redford und Demi Moore, mit Jonathan Demme und Mike Nichols gearbeitet und hatte in Die drei Musketiere ein Hauptrolle in einem weltweiten Blockbuster. Aber Lee Evans stielt ihm die Schau, und der Jack ist die bessere Rolle. „Das ist relativ. Erstmal war diese Rolle schon besetzt. Und auch wenn sie es nicht gewesen wäre, glaube ich nicht, daß ich sie hätte haben wollen. Dazu muß man wirklich ein Komiker sein. Was aber viel wichtiger ist: Im Verhältnis zu dem, was ich bisher gemacht habe – ich habe ja schon einige komische Rollen gespielt –, ist der Tommy die für mich beste Rolle gewesen. Weil er eben nicht komisch ist, sondern ... ich hasse das Wort, es ist so vereinfachend und abgegriffen, aber hier paßt es wohl: dramatisch. Tommmy ist die dramatische Rolle in Funny Bones. Und das war es, was ich wollte. Aber es stimmt, und es ist sehr offensichtlich. Der Jack ist die leuchtendere, attraktivere, glamourösere, sympathischere Rolle, die jeder liebt. Bei dieser Gelegenheit: Ich hätte den Film nicht gemacht, wenn ich nicht gewußt hätte, daß Lee Evans so gut ist. Ich mußte wissen, daß derjenige, der den Jack spielt auch dazu in der Lage ist. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, würde der ganze Film nicht funktionieren. Und Lee Evans ist großartig.“
Oliver Platt und Leslie Caron haben bisher vor allem in größeren amerikanischen Produktionen gearbeitet. Und Funny Bones ist ein europäischer Film, der Aufwand und das Budget sind mit amerikanischen Filmen nicht zu vergleichen. In der Arbeit hat sich das aber nicht besonders bemerkbar gemacht. Oliver Platt: „Die Unterschiede sind gar nicht so groß. Die Person, die den Ton am Set angibt, ist der Regisseur. Und da ist natürlich jeder anders. Es kam mir vor, daß die Atmosphäre bei entspannter ist, wenn man in Europa dreht, war, aber gerade bei Funny Bones es sehr dicht, wir hatten sehr viel zu tun, in sehr kurzer Zeit.“ Auch für Leslie Caron kommt es weniger auf das Produktionsland als auf den Regisseur an, ansonsten ist sie flexibel: „Ich habe kürzlich sogar in einem Film (Let It Be Me) mitgespielt, der von einer Frau (Eleonor Bergstein) gemacht wurde. Da war ich etwas nervös, mit einer Frau zu arbeiten. Aber wenn man einmal mit der Arbeit begonnen hat, vergißt man, ob es eine Frau oder ein Mann ist, ob sie alt oder jung sind. Was zählt, ist, daß sie wissen müssen, was sie wollen, daß es eine Verbindung und Verständnis geben muß. Für mich war es immer am wichtigsten, daß der Regisseur einem die Erlaubnis gibt. Er erlaubt einem, böse zu sein, Ideen zu haben, Dinge zu erfinden. Wenn es ihm nicht gefällt, sagt er: ein bißchen mehr so, das war nicht so gut. Er hilft. Aber er muß eine Hochachtung für die Schauspieler haben, sie machen zu lassen.“
(Juni 1995)
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