Portrait / Gespräch mit dem britischen Regisseur und Drehbuchautor Andrew Birkin zu seinem Film „Der Zementgarten“
Anmoderation: Elf Jahre hat der britische Regisseur, Drehbuchautor und Film-Universalist Andrew Birkin an seinem Traum-Projekt gearbeitet: „The Cement Garden – Der Zementgarten“ nach dem Roman von Ian McEwan. Jens Steinbrenner hat den Film gesehen und mit Andrew Birkin gesprochen.
Andrew Birkin ist ein Filmmensch durch und durch. Keines dieser Kinowunderkinder mit Filmschulausbildung, die in jungen Jahren schon eigene Filme machen. Sondern einer, der seit er 17 ist, für die Filmindustrie arbeitet. Angefangen hat er Anfang der sechziger Jahre bei der 20th Century Fox in London, zuerst als Hilfsarbeiter im Postbüro, dann als Kamera-, Regie- und Schnittassistent, als Location-Manager und als 2nd-Unit-Regisseur. Bei Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ war er zuerst Laufbursche und hat sich während der dreijährigen Dreharbeiten zu Kubricks Assistenten hochgearbeitet. Danach schrieb er für den britischen Ausnahme-Produzenten David Puttnam Drehbücher, arbeitete fürs Fernsehen und inszenierte den Kurzfilm „Sredni Vashtar“ – ein erster Karriere-Höhepunkt: Der Film wurde 1982 für einen „Oscar“ nominiert. Danach schrieb Andrew Birkin weiter Drehbücher, u.a. bei „Der Name der Rose“. 1988 inszenierte er schließlich seinen ersten langen Kinofilm: „Brennendes Geheimnis“.
Ich habe Andrew Birkin das erste Mal im Spätsommer 1992 getroffen. Da war er auf Promotion-Tour für seinen zweiten Spielfilm „Salz auf unserer Haut“. Andrew Birkin lag nichts an „Salz auf unserer Haut“, und das sah man dem Film auch an. Birkin hat nur aus einem Grund die Regie übernommen: Weil der Produzent Bernd Eichinger ihm im Gegenzug die Finanzierung seines Traumprojekt versprochen hatte. Dieses Traumprojekt war „Der Zementgarten“, nach dem Romandebüt von Ian McEwan. Wie ist Birkin auf den Roman gekommen?
„Ich habe vor Jahren den Kurzfilm „Sredni Vashtar“ gemacht, und die Paramount wollte daraufhin, daá ich etwas für sie schreibe und inszeniere. Ich konnte keine Geschichte finden, und meine Freundin, Bee Gilbert, gab mir das Buch. Sie hatte es gerade gelesen und sagte, daß auf meiner Linie liegen würde. Das tat es.“
Andrew Birkin bot den Stoff der Paramount an. Doch die Verantwortlichen konnten das für nichts anderes als einen Scherz halten, schließlich ist „Der Zementgarten“ in ziemlich jeder Hinsicht genau das Gegenteil eines Hollywood-Films.
Es ist die Geschichte des 15jährigen Jacks, den die Pubertät besonders schlimm erwischt hat. Er ist aufsässig, unangepasst, renitent, ungewaschen -- kaum zu ertragen. Jack lebt mit seinen Eltern und drei Geschwistern -- dem 6jährigen Tom, der 12jährigen Sue und seiner 16jährigen Schwester Julie – in einem bizarren Haus, nicht weit entfernt von einer großen Stadt. Eines Tages beschließt der Vater, daß er den Kampf gegen das Unkraut im Garten verloren hat. Er will ihn zubetonieren. Dabei bekommt er einen Herzanfall und stirbt. Dann wird die Mutter krank und stirbt auch. Um zu verhindern, daß sie ins Heim kommen, halten die Kinder den Tod der Mutter geheim und bestatten sie in einem Schrank im Keller, den sie mit Vaters übriggebliebenem Beton füllen. Die Kinder leben zwischen Verwahrlosung und Selbstbeherrschung vor sich hin, ein fremder Mann bemüht sich um Julie, was Jack gar nicht recht ist. Jack fühlt sich nämlich zu seiner Schwester mehr hingezogen, als es einem Bruder zusteht. Julie erwidert seine Gefühle. Die beiden kommen sich näher und schlafen schließlich miteinander. Dabei werden sie von Julies Verehrer überrascht. Der Film endet mit einer langen Einstellung auf Jacks und Julies glückliche Gesichter, über die Blaulicht flackert.
„Der Zementgarten“ ist ein wundervoller Film, stark stilisiert, reduziert, ohne übertrieben karg zu wirken, enervierend ruhig und doch von einer großen Unruhe beherrscht. Das Tun und Treiben der Kinder wird nicht kommentiert, sondern nur gezeigt -- mit Sympathie, als gäbe es keine andere Möglichkeit. Klar, daß sich niemals ein Hollywood-Major an diesen Stoff wagen würde, in dem Inzest gezeigt und nicht verurteilt wird. Tatsächlich ist es mehr als erstaunlich, daß dieser Film überhaupt realisiert wurde. Es hat aber auch über 10 Jahre gedauert.
„Weil niemand dafür Geld ausgeben wollte. So einfach ist das. Tatsächlich hatten wir schon mal das Geld von Richard Branson, dem Gründer der Plattenfirma „Virgin“. Der mochte das Projekt. Dann hat er aber „1984“ produziert, bei dem das Budget weit überschritten wurde. Da hat er sich entschieden, aus der Filmproduktion überhaupt auszusteigen und stattdessen eine Flugzeuggesellschaft zu gründen. Ein netter Kerl. Für diesen Film brauchten wir jemanden wie Bernd Eichinger. Solche Leute gibt es selten in Deutschland, aber in Amerika und England existieren sie gar nicht. Am dichtesten dran waren wir, glaube ich, mit David Puttnam, den ich sehr mag, aber er riskiert wirklich gar nichts. Aber Eichinger sagt: „Mach' Deinen Film!“ Er hat uns total in Ruhe gelassen, hat keine Bedingungen gestellt, wen wir besetzen sollten. Ich brauchte keine Stars zu nehmen, ich konnte machen was ich wollte, solange es das Budget nicht überschritt. Als er den Film dann gesehen hatte, gab es ein paar Kritikpunkte und ich habe gesagt, daß ich denen nicht zustimme, und er sagte: „Gut, kein Problem, Du mußt nichts ändern.“ Das ist sehr selten.“
Es war eine gute Entscheidung, nicht nach Namen, sondern nach Gesichtern zu besetzen. Die Eltern werden von Hanns Zischler und Sinead Cusack gespielt und die große Schwester Julie von Charlotte Gainsbourg, der Tochter von Andrew Birkins Schwester, der Schauspielerin Jane Birkin. Die anderen Darsteller sind Laien ohne Filmerfahrung: Sue wird von Alice Coulthard dargestellt, der kleine Tom von Andrew Birkins Sohn Ned. Und der 17jährige Schüler Andrew Robertson hat die wichtigste Rolle: Die des Jack.
„Schon während ich das Buch las, habe ich die Bilder gesehen, und ich habe mich sehr mit Jack identifiziert. Seiner Art. Am meisten mit seiner Asozialität. Es ist paradox: Er will sich verständigen, aber sobald jemand auf ihn zukommt, dreht er sich um. So war ich auch, bin es in gewisser Weise immer noch. Es gibt kleine Dinge im Film, die McEwan antworten, zu denen mich meine Beziehung zu meiner Mutter inspiriert hat. Immer, wenn sie ihn umarmen will, stößt er sie weg, aber ein Teil von ihm, in seinem Inneren, will sie nicht wegstoßen. Das ist eine sehr englische Art, seine Gefühle nicht zu zeigen.
„Der Zementgarten“ ist ein englischer Film, auch wenn er mit deutschem Geld gedreht wurde. Aber abgesehen von der Gefühlebene wollte Andrew Birkin jegliches Lokal- und Zeitkolorit vermeiden:
„Ich habe gesagt, ich will ein Haus, das weder englisch noch deutsch noch französisch noch sonstwas ist. Ich wollte es an einen Ort setzen, der irgendwo sein kann. Ich wollte keine roten Telefonzellen und keine roten Briefk„sten, nichts in der Art. Nichtmal in der Küche wollte ich bekannte Produkte, Wiedererkennbares. Zum Beispiel die Cornflakes: Auf der Packung steht nur Cornflakes, aber keine Marke. Da ist nichts in der Küche, von dem man auf die Zeit schließen kann. Ich wollte es zeitlos. Es könnte vielleicht auch in der Zukunft spielen.“
(Juli 1993, vermutlich MDR Kultur) |
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