Dies ist die Zukunft. Bestimmt. Diese Gewißheit macht Toy Story als Film nicht schlechter und nicht besser, sie muß ebenso wenig gewertet werden wie die Tatsache, daß dieser Winter sehr lange gedauert hat. Man kann darüber erfreut sein oder nicht – es ändert nichts. Es ist eben so.
Eine Freundin, die sich mit CGIs (Computer Generated Images) wirklich auskennt, widerspricht: Toy Story sei Vergangenheit. Bestenfalls ein Vorbote der Zukunft, etwas, was einen auf die Dinge, die da kommen, vorbereitet. Auch gut.
Toy Story ist der erste abendfüllende Spielfilm, der zu 100% aus CGIs besteht, der komplett im Computer entstanden ist – bei dessen Entstehung keine Kamera eingesetzt wurde, dessen Bilder erst zu existieren begonnen haben, als der fertige Film auf das Master-Negativ überspielt wurde. Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis es soweit war, bei Animationsfilmen auf reale Zeichnungen verzichten zu können. Und natürlich ist es auch beim heutigen Stand der Technik noch nicht einfacher, einen Film komplett im Computer zu generieren. Die Bereiche, in denen der Computer eine echte Hilfe ist, sind vergleichsweise simple wie die Colorierung. Und Toy Story sieht man seine Herkunft fast immer an – das ist auch sein Hauptreiz: der Look. Den Unterschied macht allerdings das kleine Wort fast. Denn es gibt Teile in Toy Story, die ziemlich echt aussehen, unauffällige, kleine Teile, Hintergründe, die sich auf den ersten Blick kaum von konventionell gefilmten Bildern unterscheiden. Und das gibt einem eine erste Ahnung davon, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis real aussehende Filme mit real aussehenden Schauspielern im Computer entstehen und gar keine Sensation mehr sein werden. So wie heute bei der Gebrauchsmusik zum Beispiel Streichorchester praktisch nicht mehr vorkommen, weil Synthesizer-Streicher von echten kaum zu unterscheiden sind, aber viel billiger sind.
Aber lassen wir die Zukunft der bewegten Bilder. Sie wird kommen, und sie hat ihre Möglichkeiten und ihre Gefahren. Wir werden es sehen. Was wir hingegen heute sehen können, ist Toy Story, und Toy Story will keinen Moment lang echt aussehen. Es ist ein Märchen, ein modernes, es handelt von modernem Spielzeug und es erzählt doch eine ziemlich zeitlose Geschichte, mindestens so alt wie das Kino. Ein Buddy-Movie, eine Geschichte von Freundschaft, Selbstüberwindung und Lernen. Eine Geschichte mit einer zeitlosen Moral, von Helden, die am Ende ein ganzes Stück weiter sind als am Anfang.
Wenn die Menschen das Kinderzimmer verlassen, beginnt das Spielzeug zu leben. Der Boß ist Woody, eine Cowboy-Puppe, das Lieblingsspielzeug des kleinen Andy, daneben gibt es einen Spiralfeder-Dackel, einen neurotischen Plastik-Saurier, ein Sparschwein und eine Armee einfarbiger Mini-Soldaten. Toy Story beginnt mit einer Spielzeugversammlung, in der verschiedene Aspekte des bevorstehenden Umzugs und der Geburtstagsfeier Andys besprochen werden. Geburtstagsfeiern sind hart für Spielzeug, fast immer gibt es Geschenke, neues Spielzeug, das dem alten vielleicht den Rang streitig macht. Diesmal erwischt es Woody. Andy bekommt ein prachtvolles Action-Spielzeug, einen „Buzz Lightyear Space Ranger“ mit Laserpistole am Arm, Karate-Automatik und ausklappbaren Flügeln. Das Problem mit Buzz ist allerdings weniger sein überhebliches Auftreten, sondern seine Verkennung der Lage. Er denkt, er sei wirklich ein Space Ranger, notgelandet in einer fremden Welt – und kein Spielzeug. Das tut Andys Begeisterung keinen Abbruch, macht Woody aber ziemlich wahnsinnig. Er überlegt, wie er den Konkurrenten aus dem Weg räumen kann, mit dem Resultat, daß sich Buzz und Woody plötzlich außerhalb des Kinderzimmers wiederfinden, in der feindlichen Welt eines durchschnittlichen amerikanischen Suburbs. Und damit beginnt ein Abenteuer mit Verfolgungsjagden, bizarren Spielzeug-Mutationen, mit etwas Horror, ganz viel Spannung und mächtig viel Herz.
Denn das ist es, was neben dem ausgefallenen Look bei Toy Story auffällt: daß die Macher der Kälte der Bilder die Wärme einer Geschichte zur Seite gestellt haben, und daß diese Wärme ebenso ausgearbeitet ist wie die Perfektion der Bilder. Und das ist sicher auch der Grund für den riesigen Erfolg und die riesige Akzeptanz des Films. Kaum jemand geht ins Kino, um sich über den Stand der Computeranimation zu informieren. Wir wollen lebendige Geschichten sehen, und Toy Story ist eine.
(März 1996)
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