StartseiteWerkeFilmBesprechungen

Stille Nacht

DANIS DREIER

Vor vielen Jahren verliebte sich ein Schweizer Clown in die Tochter eines Berliner Jugendtheatergründers. Die beiden, Dani Levy und Anja Franke, machten aus ihrer Liebesgeschichte, riesigem Enthusiasmus und wenig Geld einen Film. Die Beziehung zerbrach daran, aber Du mich auch wurde ein echter Renner in Programmkinos. Ein paar Jahre später – Dani und Anja waren inzwischen „gute Freunde“ – gab’s einen neuen Film: RobbyKallePaul, auch für wenig Geld gedreht und mit einer neuen Frau: Maria Schrader. Das war 1988, seitdem hat Dani Levy den traurigerweise total untergegangenen I was on Mars gedreht, mit Maria Schrader als Polin in New York, und eine preisgekrönte Episode aus dem Kompilationsfilm Neues Deutschland; eine Fernseharbeit. Dani Levy war in ein paar Filmen als Schauspieler zu sehen, Anja Franke hat eine kleine Karriere bei Fernsehserien gemacht, und Maria Schrader ist eine der zwei oder drei Schauspielerinnen geworden, der in Deutschland ein gewisses Kassenpotential zugetraut wird.

Dani und Maria sind immer noch ein Paar, man hat mit den Freunden Stefan Arndt, Wolfgang Becker und Tom Tykwer die Produktionsfirma „X Filme“ gegründet, und Stille Nacht ist der erste Film dieser Firma, der in die Kinos kommt. Stille Nacht hat ein Budget von etwas über 3 Millionen Mark, wurde zum größten Teil in der Großen Halle der Babelsberger Studios gedreht, in Cinemascope und eigens dafür gebauten Kulissen, sehr schönen Kulissen übrigens, denen man im Film kaum ansieht, daß sie Kulissen sind, aber doch gerade so viel, daß eine leichte Irritation bleibt, der Film ein bißchen über der Wirklichkeit schwebt. Kalkulierte Künstlichkeit. Obwohl das, wovon der Film handelt, keineswegs unrealistisch ist. Man muß sogar befürchten, daß es täglich vorkommt.

Stille Nacht handelt von einer Frau, die sich nicht entscheiden kann zwischen zwei Männern. Der eine liegt bei ihr im Bett, ist ihre Affäre: ein erotisch erfindungsreicher Rabauke. Der andere ist ihr Lebensgefährte und gerade nicht da. Wo er ist, weiß sie zunächst nicht, er ruft an, erzählt was von einem Autounfall, er läge im Krankenhaus, aber er lügt. Er sitzt in einem Hotelzimmer in Paris, wo ihre Liebesgeschichte einst begonnen hat.

Es muß schön gewesen sein, Stille Nacht zu drehen, besonders für Dani Levy, der bisher immer improvisieren mußte bei der Herstellung seiner Filme. Diesmal war es bestimmt einfacher. Im Studio sind die Wohnung der Frau und das Hotelzimmer nebeneinander aufgebaut, und die Dekorationen wirken so echt, daß man sogar den typischen billigen Geruch wahrzunehmen glaubt, wenn man im „Hotelzimmer“ steht. Das Studio ermöglichte eine ausgefeilte Kameraarbeit und größtmögliche Kontrolle; das sieht man dem Film an. Er ist handwerklich so fein gearbeitet, daß es eine große Freude ist, ihn zu betrachten.

Und auch die Schauspieler sind sehenswert. Maria Schrader ... naja, wenn man sie ein paar Mal gesehen hat, weiß man, wie sie spielt: bewährte Qualität. Jürgen Vogel gibt den knackarschigen Lover mit einer großen Intensität, animalisch fast, und roh, und Mark Schlichter als larmoyantes Häufchen Elend am Telefon tut einem fast leid. Dani Levy selbst spielt übrigens nicht mit; ein weiterer Pluspunkt.

Womit wir bei den Minuspunkten sind: Stille Nacht ist sicher ein sehr interessanter Film: Ein Dreiecksmelodram unter Zuhilfenahme der Telekommunikation, in einer Nacht spielend, formal streng, mit aufregenden Bildern und guten Schauspielern. Aber er funktioniert nicht. Am Ende sind die Figuren so weit wie am Anfang, die Entwicklung (der Lover gesteht seine Liebe, die Frau ist schwanger) ist seltsam irrelevant für die Geschichte, und das Ende ist in seiner Vagheit frustrierend. Finden wir. Man hörte aber von etlichen Zuschauern, die gerührt und mitgerissen waren, die etwas von Virgina Woolfe mit Telefon murmelten. Vielleicht braucht man einfach ein gewisses Gespür für Beziehungskrisen, um Stille Nacht zu mögen.

(April 1996)


Zurück zu Filmbesprechungen