PYRAMIDISCH
Roland Emmerich hätte eine Hoffnung des deutschen Films sein können, hat er doch schon mit seinem Erstling Das Arche-Noah-Prinzip bewiesen, daß ein formal handwerklich solide gefertigter Film nicht unbedingt die Frage eines hohen Budgets sein muß. Allerdings leidet auch Roland Emmerich an der spezifisch deutschen Drehbuchkrankheit, der Script-Schwäche. Konnte man auch am Arche-Noah-Prinzip sehen.
Egal, Roland Emmerich ist keine deutsche Hoffnung mehr, er arbeitet längst in Hollywood. Außerdem geht’s hier nicht um deutsche Filme, sondern um Stargate.
Und das ist ein Film, der so in Deutschland nicht hätte entstehen können. Nicht deshalb, weil es hier keine Gesichter wie die von Kurt Russell oder James Spader gibt, auch nicht, weil man hierzulande tricktechnisch nicht auf der Höhe wäre – obwohl: wenn man sich Die unendliche Geschichte III so ansieht ... – nein, in Deutschland gibt es einfach niemanden, der sich mit einem Film wie Stargate überhaupt abgegeben hätte. Stargate ist nämlich wüst und unseriös, storytechnisch eine Mischung aus Pharaonen-Esoterik und Däniken-hat-doch-recht-Syndrom mit Wüstenplanet-Ästhetik und 2001-Touch, und im Grunde doch nur die liebe kleine Geschichte, wie ein netter, einsamer Mann endlich sein Mädchen findet. Auch wenn die ziemlich genau auf der anderen Seite der Galaxis wohnt. Und bis dahin ist’s weit.
Aber fangen wir beim Anfang an: Da gibt’s nostalgische Ausgrabungsarbeiten zu sehen, ein bißchen Indiana-Jones-mäßig, am Fuße der Pyramiden von Gizeh. Fleißige Ägypter buddeln eine Art Steintor aus, das von dem anwesenden europäischen Wissenschaftler und seinem Töchterchen sehr interessiert begutachtet wird. Schnitt, 70 Jahre später: USA, Gegenwart: Ein leicht weltfremder Wissenschaftler (James Spader) versucht einem skeptischen Auditorium zu erklären, daß die Pyramiden von Außerirdischen gebaut wurden. Keiner glaubt ihm, bis auf eine alte Dame, dem Töchterchen aus der Ausgrabungssequenz. Die hat in Zusammenarbeit mit dem US-Militär das Steintor in einen Bunker bringen lassen, wo seit Jahrzehnten an der Entschlüsselung der Schriftzeichen gearbeitet wird. Unser Wissenschaftler ist auch Schriftexperte, er wird engagiert und bringt das Ding zum Laufen. Beziehungsweise zum Funktionieren. Das Steintor ist eine Art interstellare Abkürzung, auf diesem Wege sind irgendwelche Aliens auf die Erde gekommen, und auf diesem Wege soll der Wissenschaftler zusammen mit ein paar Soldaten (u.a. Kurt Russell als herrlich betonköpfiger Offizier) nachsehen, wie’s denn so ist, auf der anderen Seite. Dort steht – natürlich – eine Pyramide, ist Wüste, aber bald finden sich einige ärmliche Menschen ein, die unsere Helden in ihre ärmliche Stadt bringen, wo sie herzlich aufgenommen werden. Aber die Leutchen haben nichts zu sagen, regiert wird der Planet nämlich von einem hundeköpfigen Gott, und der ist grad nicht da. Kommt aber bald. In einem Raumschiff, das – natürlich – wie eine Pyramide aussieht und dem Vernehmen nach ein Höhepunkt der digitalen Illusionserzeugungsindustrie ist. Auf jeden Fall imposant. Der Hundekopf ist aber in Wirklichkeit gar kein Hundekopf, sondern ein Menschenähnlicher (anbetungswürdig schön: Jaye Davidson, der Hermaphrodit aus The Crying Game). Und letzter Überlebender einer alten Galaxis-Herrenrasse. Egal: ist ein Despot und muß verjagt werden. Damit der Wissenschaftler sein Eingeborenenmädchen kriegt. Und die actionhungrigen Zuschauer ihren Krawall.
Wie gesagt, Stargate ist unseriös und reichlich wüst. Aber er ist ungeheuer unterhaltend. Und er besitzt bei allem High-Tech-Firlefanz den Charme von Science-Fiction-Geschichten der Frühzeit. Eine andere, fremde Welt mit vielen Gimmicks. Eine wirklich zarte und gar nicht unpassende Liebesgeschichte. Unvorhergesehene Wendungen. Und eines der überraschendsten Happy-Endings der Abenteuerfilmgeschichte. Ein echtes Popcorn-Movie. Um so etwas machen zu können, müssen Deutsche nach Hollywood gehen.
(März 1995)
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