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Rotwang muss weg!

KAMPFNAME: BAMBI

Eine unumstößliche Tatsache: ungefähr die meisten der deutschen Filmkritiker wären am liebsten Filmemacher. (Weil sie das nicht geschafft haben, sind sie eben Kritiker geworden. Und deshalb sind sie auch so unnachsichtig und tun immer so, als könnten sie alles viel besser. Und weil man sie nicht läßt, sind sie beleidigt.) Aber es gibt Filmkritiker, die sich ihren Traum erfüllt haben: Jean-Luc Godard etwa, oder François Truffaut. Und Hans-Christoph Blumenberg. Der war ein besonders wichtiger Filmkritiker, und deshalb sollten auch seine Filme besonders wichtig sein. Es mußte mindestens um Kino-Theorien wie die vom Sehen und Gesehenwerden (Tausend Augen) oder um die großen Mythen gehen (Der Sommer des Samurai). Als Hans-Christoph Blumenberg dann gemerkt hat, daß die Leute an wichtigen Filmen nicht besonders interessiert sind, hat er seine Wichtigkeit etwas reduziert. Und begonnen, wirklich nette Filme zu machen, die „Palu“-Tatorte zum Beispiel, oder charmante Geschichten über das Kino, das er doch so liebt, wie In meinem Herzen, Schatz oder Wenn ich sonntags in mein Kino geh’. Vom Kino, wie es sich dem ambitionierten Filmemacher darstellt, war Blumenberg offenbar enttäuscht, aber er hat in den zehn Jahren seit seinem Erstlingsfilm genug gelernt, daß er deshalb nicht beleidigt war. Vom Kritiker zum realistischen Filmemacher geworden, hat er das gemacht, was ein realistischer Filmemacher in dieser Situation eben machen muß: einen Kinofilm. Rotwang muß weg! Gedreht in zehn Tagen, mit einem Budget von 390.000 Mark – eine „Rezessionskomödie“, wie Blumenberg selbst sagt: „Wir nehmen die Krise des deutschen Kinos ernst, indem wir uns über sie lustig machen. Wir nehmen uns die Freiheit, unverschämt zu sein.“

Und unverschämt ist Rotwang ... wirklich. Er legt die Mechanismen der Filmproduktion bloß, läßt Schauspieler etwa in die Kamera schauen, benutzt Stabmitglieder als Statisten (nachdem sich ein Schauspieler über fehlende Statisten beschwert hat), äußert Ratlosigkeit und gibt Indiskretionen über den „begehrlichen Blick des Regisseurs“ zum besten. Er läßt sogar nach der Handlung fragen, wohl wissend, daß man für 390.000 Mark keine Rezessionskomödie mit Handlung herstellen kann.

Rotwang ... handelt, wenn überhaupt, von Rotwang, der weg muß, aber gar nicht erst auftaucht, sich nur einmal durch Armin Müller-Stahls Stimme am Telefon vertreten läßt. Rotwang muß weg, weil ihn keiner mag, also schmieden alle Pläne, wie er wegzukriegen ist. Mordpläne. Es tauchen auf: „seine elegante Gattin“ Clarissa (Sybill Norvak), der Privatdetektiv Basil Schatter (Heikko Deutschmann), der „mondäne Modepapst“ Arthur Eigenrauch (Udo Kier), der „rustikale Imbißbudenbesitzer“ Bruno Ringeltaub (Horst Tomayer), der „ehemalige Leiter der Filmabteilung des MfS“ Mirko Budnikowski („Mielkes Eisenstein“; Klaus Bueb), die „untergetauchte Ex-RAF-Aktivistin“ Roswitha Meier-Krull („Kampfname Bambi“; Beate Finkh), und alle wollen Rotwang ans Leder, alle außer „dem nervenstarken Elmshorner“ Michael Stich – das Haß-Objekt des Boris-Fans Ringeltaub –, der aber gar nicht zu sehen ist, im Gegensatz zu Kommissar Max Palu, Denes Törzs, Brian De Palma, Issey Miyake, Hans Peter Hallwachs und „dem berühmten Schauspieler“ Ulrich Tukur, der eine vollkommen zusammenhanglose Gesangsnummer auf dem Dach von „Bruno’s Brutzelbude“ vorträgt.

Also: Rotwang ... hat eine wenig nachvollziehbare Handlung, eine tolle Besetzung und ist unverschämt. Da liegt es nahe, daß der Film auch selbstgerecht und anmaßend ist, eine offensichtliche Zuschauerverächtlichmachung, ein bitteres cineastisches Privatvergnügen. Das stimmt aber nicht. Rotwang ... ist unterhaltsam und wirklich komisch. Privatvergnügen? Gewiß. Aber eins, über das auch andere lachen können. Und weil Hans-Christoph Blumenberg es nicht lassen kann, sich Gedanken über das Kino zu machen, ist Rotwang muß weg! neben allem anderen auch noch ein intelligenter Spaß.

(Dezember 1994)


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