DER LAUF DER ZEIT
Vor vielen Jahren hat sich schon einmal ein europäischer Groß-Filmkünstler der portugiesischen Hauptstadt angenommen: Alain Tanner. Der Film hieß In der weißen Stadt, er handelte davon, wie Bruno Ganz durch Lissabon läuft und versucht, sich selbst zu finden. Damals waren wir noch nicht im Filmberichterstattungsgeschäft, es gab für uns also keinen Grund, die Selbstfindungsgeschichte bis zum bitteren Ende durchzuhalten; wir haben seinerzeit aufgegeben.
Heute, zwölf Jahre später, ist Lissabon Kulturhauptstadt Europas, und ein anderer europäischer Top-Filmkünstler hat den Auftrag bekommen, darüber einen Film zu machen: Wim Wenders. Wieder geht es um einen Mann, der durch Lissabon läuft, um etwas zu finden, aber etwas Konkretes: einen anderen Mann. Der eine Mann heißt Phillip Winter, wird von einem hübsch zerknitterten Rüdiger Vogler gespielt und ist ein Toningenieur, einer, der dafür sorgt, daß beim Film die Töne zu den Bildern passen. Der andere Mann heißt Friedrich Monroe, ist Filmemacher und in einer Krise. Er mißtraut den bewegten Bildern, hat den Verdacht, daß sie ihre Unschuld verloren haben und längst nicht mehr für sich selbst stehen, sondern immer und automatisch ihre Gegenstände, ihre Inhalte zum Verkauf anbieten. Ein wichtiges Problem, für Groß-Filmkünstler jedenfalls, vergleichbar etwa mit der nicht ganz neuen Frage, die sich bildende Künstler stellen: Kann man heute noch Bilder machen? Monroes Lösung ist zunächst, die Zeit zurückzudrehen. Er dreht einen Stummfilm über Lissabon, mit einer sehr alten Kurbelkamera. Aber er kommt nicht weiter und schreibt seinem alten Kumpel Winter eine SOS-Postkarte: Winter soll helfen. Damit beginnt Lisbon Story: Der Tonmann kommt nach offensichtlich längerer Zeit in seine Wohnung, sieht die Post durch, findet den Hilferuf und macht sich („Da bring’ich meine Antwort doch lieber selber hin!“) auf den Weg von Frankfurt nach Lissabon, im Auto. Wir Zuschauer begleiten ihn, sehen die Landschaft und die Städte (nebenbei: führt der Weg nach Portugal tatsächlich am Eiffelturm vorbei?) und hören seine Gedanken aus dem Off: „Es fällt auf, daß Europa wirklich zusammenwächst, ein Land wird. Nur Sprachen ändern sich, Musik ist anders, Nachrichten sind auch verschieden. Aber was heißt das schon?“ Und etwas später: „Hier bin ich zuhause, das ist mein Heimatland.“ Er meint Europa, und dem Zuschauer wird schmerzlich bewußt, daß es sich um einen Film von Wim Wenders handelt.
Der sagt: „Mein Beruf ist es, zu sehen und etwas Gesehenes zu zeigen“. Gut und schön – würde er sich dran halten. Aber Wenders will auch immer viel sagen, und Augenmenschen sollten den Mund halten. Das hat Wenders bisher oft nicht getan, aber in Lisbon Story hält er sich angenehm zurück, sieht man vom Anfang ab. Das meiste, was man an Worten hört, besteht aus dem Genuschel Rüdiger Voglers: Ärger über das Auto, das ihn während der Reise im Stich läßt, sachter Unmut über die Abwesenheit Monroes, als Winter endlich angekommen ist. Immerhin ist die Wohnung in einem prächtig verschlissenen Stadtpalast unverschlossen und mit allerlei Film-Utensilien angefüllt: Ein prähistorischer Schneidetisch, eine Kamera und viele Meter belichtetes Material in schönster Stummfilm-Qualität. Das nimmt Winter als Grundlage für seine akustischen Sammel-Streifzüge – denn Winter will den Stummfilm vertonen –, und man muß sagen: Lissabon ist wirklich schön, jedenfalls aus der Sicht eines satten, zur Verklärung des Verfalls neigenden Mitteleuropäers. Und die Nachbarskinder! Die verkörpern die junge Generation, hantieren also ständig mit Videokameras, und sind herrlich ungezwungen und frech.
Wie schon Alain Tanner seinen Bruno Ganz läßt auch Wim Wenders seinen Rüdiger Vogler ein Auge auf eine Frau werfen: Teresa, eine Sängerin, die mit ihrer Fado-Band Madredeus im gleichen Haus übt. Und diese Band, diese Frau, diese Musik, lassen Lisbon Story endgültig ins Angenehme kippen: sehr melancholisch, kunstvoll, aber nicht zu exotisch.
Das einzige Problem, das Wenders mit seiner Lisbon Story hat, ist das der Story: die existiert nämlich so gut wie gar nicht. Zwar gibt es eine Geschichte, eine Identifikationsfigur, ein Ziel und eine Auflösung, aber all das scheint Wenders vollkommen egal gewesen zu sein. Die meiste Zeit läuft Winter durch die Gegend, macht Ton-Aufnahmen oder jagt in Monroes Schlafzimmer Insekten, die ihn beim Lesen der Lyrik Pessoas stören, plagt sich mit den Kindern und schmachtet die Sängerin an. Nichts für ein Actionfilm-Publikum, auch nicht wirklich kurzweilig, aber wir fanden es ganz nett, überhaupt die leicht ironischen Aspekte, den Sedativ-Klamauk, für den Rüdiger Vogler erstaunlich talentiert ist. Wie ein verschlafener Komödiant im Bademantel.
Tja, und am Schluß wird der vermißte Filmemacher natürlich doch noch gefunden, und da driftet die Lisbon Story gnadenlos in Richtung Thesenfilm ab – Thema: 100 Jahre Kino und ob bewegte Bilder noch bewegen –, aber zum Nachspann hört man wieder die Musik von Madredeus. Und das ist ganz besonders schön, zwar nicht so schön, daß wir den Film sofort nochmal sehen müßten, aber den Soundtrack würden wir schon kaufen.
(Mai 1995) |