JUNGE LEUTE WOLLEN’S WISSEN
Bekenntnisse zum populären Trivialkino: das ist nicht unbedingt das, was man von den ersten Arbeiten junger Filmemacher erwartet. Hier werkeln keine Trash-Epigonen, keine vergrübelten Autorenfilmer, sondern junge Leute, die unbedingt einen Hit landen wollen, ohne dabei auf ihren Spaß zu verzichten. Bemerkenswert ist nicht, daß Knockin’ on Heaven’s Door überhaupt entstanden ist, bemerkenswert ist, daß er diese Professionalität, diese handwerkliche Sorgfalt hat. Kunststück, auf der anderen Seite, schließlich stand den Produzenten die Buena Vista als Co-Produzentin zur Seite, und amerikanische Majors wissen, wie man’s macht, wenn sie sich wirklich engagieren. Hier tun sie’s und das sieht man Knockin’ on Heaven’s Door in beinahe jeder Einstellung ein.
Nicht, daß Knockin’ on Heaven’s Door ein perfekter Film wäre. Erstens gibt es sowas sowieso nicht. Und zweitens hat Knockin’ on Heaven’s Door tatsächlich ein paar Macken zuviel. Die aber letzlich doch nicht ins Gewicht fallen. Es ist wahrscheinlich die alte Geschichte, daß man sich als Zuschauer schon ganz am Anfang entscheiden muß, ob man nun mitgehen will. Oder nicht. Wir wollten, mit ausgesprochenem Vergnügen.
Knockin’ on Heaven’s Door ist ein Buddy-Movie. Am Anfang treffen sich die Helden Martin Brest (Til Schweiger, der hier auch als Produzent tätig war) und Rudy Wurlitzer (Jan Josef Liefers, zur Zeit auch als Poet in Rossini im Kino) in einem Zugabteil, Brest raucht Kette, und Wurlitzer ist Nichtraucher. Später treffen sie sich wieder, im Krankenhaus, beide haben Krebs, der eine in den Knochen, der andere im Kopf, und beide haben nur noch ein paar Tage zu leben. Und weil Wurlitzer noch nie das Meer gesehen hat, entschließen sich beide nach einem sehr dekorativen Besäufnis mit Tequila und einem Haufen Zitronen in der Krankenhaus-Küche, einen letzten Ausflug zu machen. Hier ist die größte Hürde, die der Film den Zuschauern in den Weg stellt. Denn der Gedanke, daß zwei unheilbar kranke junge Männer kaltschnäuzig noch mal richtig einen drauf machen wollen, ist zwar verlockend und irgendwie einleuchtend, daß sie es aber tatsächlich tun, ist zumindest unrealistisch. Aber Film ist unrealistisch. Oder langweilig (oft). Und Regisseur Thomas Jahn hat vor nichts mehr Angst, als davor, langweilig zu sein.
Wie gesagt, wir haben die Hürde überwunden und uns entschlossen, mitzumachen. Was gar nicht so schwer war. Weil uns vorher ein anderes Männerpaar vorgestellt wurde: die Schmalspurgangster Henk (Thierry van Werveke) und Ali (absolut großartig: Moritz Bleibtreu), die für ihren Chef Frankie Beluga (Huub Stapel) ein schlüpferblaues Mercedes-Cabrio (Modell Pagode) irgendwo hin bringen sollen. Was Henk und Ali nicht wissen: Im Kofferraum liegt ein Köfferchen mit einer Million. Und als unsere Helden das Auto aus der Tiefgarage klauen, wissen sie natürlich auch nichts davon. Zum Krankenhaus sind die Ganoven übrigens durch eine sehr hübsche Komplikation gekommen, die zu erzählen jetzt zu weit führte. Nur so viel: fast alle Nebenhandlungen sind mit der gleichen Sorgfalt wie der Rest ausgetüftelt.
Unsere Helden klauen also das Auto, rauben eine Bank aus (weil sie sich ja Sprit und Klamotten kaufen müssen), haben die Gangster, die ihr Auto wiederhaben wollen, hinter sich und natürlich die Polizei, die schon beruflich etwas gegen Bankräuber hat, selbst wenn sie unheilbar krank sind. Das gipfelt in einer wirklich köstlichen Sequenz, in der Brest und Wurlitzer mitten in der westfälischen Pampa in der Klemme sitzen: vor sich eine Horde schießwütiger Gangster, hinter sich ein paar-zig Polizeiautos, seitlich nichts als Maisfelder. Da muß man dann durch. Blues Brothers meets The Getaway, die Gangster heißen Rodriguez-Brüder, der Kommissar heißt Schneider, und es werden bestimmt noch etliche Film-Jokes gemacht, die uns entgangen sind. Hannes Jaenicke tritt als Highway-Patrol-Man auf, Hark Bohm doziert über das Stockholm-Syndrom, Corinna Harfouch und Helen Duval spielen Krankenschwestern, Sönke Wortmann einen Regisseur und Cornelia Froboess eine Mutter. Und daß die Helden am Ende wirklich das Meer sehen, haben sie Rutger Hauer zu verdanken. Nur Bernd Eichinger als „Mann mit Geld“ ist offenbar der Schere zum Opfer gefallen. Macht auch nix.
Knockin’ on Heaven’s Door hat ein paar Hänger in der Mitte, es gibt störende medizinische und geographische Ungenauigkeiten, und die Puff-Szene am Ende ist einfach peinlich. Naja. Aber Knockin’ on Heaven’s Door ist schwungvoll und flott, unterhaltsam und mit sehr viel Liebe gemacht. Und er funktioniert. Weil Regisseur, Autoren und Produzenten verstanden haben, daß man keine Komödie machen kann, ohne traurig zu sein, und kein Drama ohne komische Aspekte. Knockin’ on Heaven’s Door ist eine Komödie über zwei Sterbende. Wir freuen uns, daß wir mit ihnen noch einmal Spaß haben konnten.
(Februar 1997)
Nachtrag: Bernd Eichinger wird im Nachspann als „Mann mit Geld“ erwähnt, was sowieso richtig ist, aber er ist nicht „der Schere zum Opfer gefallen“. Eichingers Szene kommt nach dem Nachspann, und da war bei der Pressevorführung schon die Klappe runter. Wer also gerne Männer mit Geld sieht: sitzenbleiben! Und hoffen, daß der Vorführer mitmacht.
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