DIE UNFÄHIGKEIT ZU WINKEN
Man kann Kung-Fu-Regisseure und deren Filme mögen, ohne eine besondere Vorliebe für Kung-Fu-Filme zu haben, weil Kung-Fu-Filme nicht nur aus Kung-Fu-Szenen bestehen, die im übrigen einen eigenen Unterhaltungswert besitzen. Womit ich jetzt nicht den wahren Fans des Hong-Kong-Kinos zu nahe treten will, weil Hong-Kong-Kino aus mehr als nur Kung-Fu-Filmen besteht und auch Kung Fu nicht allein Kung Fu ist, sondern ein uralter Kult und Kunst und Akrobatik und bestimmt auch haufenweise fernöstliche Philosophie.
Nein, ehrlich gesagt, mit Hong-Kong-Kino und Kung Fu und solchen Sachen hab’ ich nix am Hut, und daß Jean-Claude van Damme John Woo nach Hollywood geholt hat, war bestimmt nett, aber Hard Target ist trotzdem ein lausiger Film.
Mit Tsui Hark ist das was anderes. Dessen Peking Opera Blues ist auch heute noch ein Lieblingsfilm, und das hat gar nichts mit Kung Fu zu tun. Nun ist Tsui Hark nicht irgendwer, sondern in Hong Kong eine große Nummer, mehr als 50 Filme stehen auf seiner Credits-Liste, er hat im Westen nicht den Kult-Status eines John Woo, ist aber doch bekannt genug, daß seine Filme regelmäßig z. B. auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin laufen.
Die Frage ist nun: Was macht Hollywood mit Tsui Hark? Oder auch: Warum läßt sich ein in seiner Gegend berühmter und anerkannter Filmemacher mit einem der schlechtesten Schauspieler aller Zeiten ein? Geldgier? Ruhmsucht? Neugier? Und: Wird es Tsui Hark gelingen, mit Van Damme einen Tsui-Hark-Film zu machen? Oder nur als exotischer Erfüllungsgehilfe Van Dammes Eitelkeit befriedigen, damit der irgendwann nicht nur sagen kann, er habe John Woo in USA zum Star gemacht, sondern auch Tsui Hark. Die Antworten: Bis auf möglich Action-Feinheiten, die auszuschließen ich mir nicht anmaße, ist Double Team ein weiterer strohdummer, schlecht gespielter, unglaubwürdiger, naiver und uninspirierter Van-Damme-Quatsch, der bestenfalls Trash-Qualitäten besitzt.
Van Damme spielt den Geheimagenten Jack Quinn, der sich nach getanem Lebenswerk mit Frau und ungeborenem Sohn an die Riviera zurückzieht. Da bekommt er Besuch von seinem ehemaligen Chef, der ihn – „Bonjour Jack“ – reaktivieren will, was Jack natürlich zuerst ablehnt, aber dann ... wie das eben so ist. Es geht gegen den finsteren Honorar-Terroristen Stavros (Mickey Rourke, dem wir endlich wieder einen guten Film wünschen). Die Operation geht schief, es gibt neben jeder Menge Action (auf die gesondern hinzuweisen wir ab jetzt aus Platzgründen verzichten) unter anderem auch ein totes Kind: Stavros’ Sohn, worauf der Papa Rache schwört. Aber Quinn wird nach dem Einsatz erstmal für tot erklärt und auf die „Kolonie“ verbannt, wo gescheiterte Geheimagenten eine Luxus-Gefangenschaft verbringen. Obwohl die Kolonie auf einer Insel liegt und als unfliehbar gilt, hält es den agilen Kickboxer nicht dort, weil er erstens Gefangenschaft nicht mag und zweitens seine Frau und seinen ungeborenen Sohn aus Stavrosï Gewalt befreien muß, der hat sie nämlich in der Zwischenzeit entführt und in einen feuchten Keller gesperrt. Quinn besucht Jaz, einen Undercover-Waffenexperten, der im Rotlichtviertel von Antwerpen seinen Laden hat, was wenigstens zwischendurch für ein paar schrille Farbtupfer und coole Sprüche sorgt, die Basketballer Denis Rodman flink über die Lippen kommen, sofern sie nicht länger als zwei Sätze sind; so hat halt jeder sein Handicap, es gibt Schlimmeres: Van Damme kann nichtmal Winken. Jedenfalls kommt es kurz vor Schluß zum Showdown im Colosseum zu Rom (by the way: vom touristischen Standpunkt ist Double Team durchaus zu empfehlen: Schöne Bilder von Rom und mittelmeerischen Gefilden; tun gut bei dem Wetter hier): ein Gladiatorenspiel um Quinns inzwischen geborenen Sohn, wo noch mal richtig die Knochen knacken.
Letzte Antwort: Zum Glück wahrscheinlich nicht, Harks nächster Film handelt von der chinesischen Küche, zwei Küchenchefs und dem Jahr des Schweins. Von der Mitwirkung Van Dammes ist nichts bekannt.
(November 1997)
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