VERMUTLICH OHNE KLO
Die Bradys sind der Prototyp einer glücklichen amerikanischen Durchschnittsfamilie. Bis auf die Tatsache, daß die Bradys eine Großfamilie sind, acht Personen plus Haushälterin plus Hund. Die große Kinderzahl ergibt sich aber nicht aus der ausschweifenden Vermehrungstätigkeit der Eltern Carol und Mike, sondern aus dem Umstand, daß die, als sie geheiratet haben, bereits je drei Kinder hatten: Drei Jungen und drei Mädchen, und unter diesem Namen sind die Bradys auch in Deutschland bekannt. Wer tief in seiner Fernseherinnerung kramt, wird sich an die Bradys erinnern, sie haben so manchen siebziger-Jahre-Vorabend mit ihrem problembewußten Familienleben bereichert.
Der Hund ist weg, ansonsten hat sich nichts geändert bei den Bradys, auch heute nicht, in den Neunzigern. Sie tragen immer noch Schlaghosen und Mittelscheitel, lesen „Die Möve Jonathan“, essen immer noch viel rotes Fleisch, und wenn es ein Problem gibt, halten sie Familienrat. Die Bradys stehen fest im Leben und sie haben ihre Identität bewahrt. Sie sind nicht älter geworden. Ihr Haus ist nicht älter geworden. Sie haben immer noch Kunstrasen und Plastikfurniere, ein einziges Badezimmer und vermutlich kein Klo.
Was die Bradys aber vor allem auszeichnet ist, daß sie sich keine Mühe geben, zeitgemäß zu sein oder auch nur zeitgemäß auszusehen. Sie lösen ihre kleinen Probleme noch wie damals (durch Gespräche), sie lächeln ihr siebziger-Jahre-Lächeln, und alle zwanzig Minuten (ungefähr) holt Papa Brady seine Bande zusammen und erklärt das Leben und die Welt, und die Kinder stehen dabei, nicken und sagen, daß sie viel gelernt hätten.
Das ist komisch. Weil natürlich außerhalb des Brady-Territoriums die Neunziger toben, mit Jugendkriminalität, Ehebruch, Alkoholismus, sexuellen Avancen und Immobiliengeschäften. Letzteres liefert dem Film seinen (augenzwinkernd) dünnen Aufhänger. Ein Nachbar, Herr Ditmeyer, möchte ein Einkaufszentrum bauen, alle haben ihre Grundstücke verkauft, nur die Bradys wollen nicht. Dazu brauchen sie keinen Grund, außer: „Hier ist unser Zuhause, und ein Zuhause ist das wichtigste, was es gibt.“ Punkt. Aber die Bradys kommen in Bedrängnis, weil das Finanzamt 20 000 Dollar von ihnen will, binnen einer Woche. So kommt die Geschichte in Schwung und ist auch garnichtmal so schlecht konstruiert, aber sie liefert (vorsätzlich) nur den Vorwand, die Bradys das tun zu lassen, was sie auch vor zwanzig Jahren getan haben.
Das ist komisch. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil der Brady-Anachronismus nicht nur behauptet wird, sondern in jeder Bewegung, jeder Geste der Bradys deutlich zu erkennen ist. Man sieht: Die Menschen haben sich in den siebziger Jahren anders bewegt, anders gesprochen. Oder sind die siebziger auch nur ein Vorwand? Geht es in Wirklichkeit um den Einbruch des Fernsehens in die wirkliche Welt? Ist die Frage vielleicht die, was passiert, wenn eine Fernsehserienfamilie so tut als wäre sie echt, und die Filmnachbarn so tun als wären sie real? Oder geht es nur darum, möglichst viel Geld mit der re-Animation einer ollen TV-Serie zu verdienen? Egal. Hauptsache, es ist komisch. Und das ist es.
(Juni 1995)
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