22 RECHTE OBERSCHENKEL
Natürlich, wir haben alle schon viel über diesen Film gehört. Schon damals, als er gedreht wurde. Leute, die es wissen mußten, berichteten von Götz George, der „völlig fertig“ gewesen sei, weil seine Hauptrolle so schwer war und er sich so verausgabt hatte. Daß Götz George einiges mehr drauf hat als nur den urigen Ruhrpott-Kriminalen zu geben, ist bekannt. Aber daß er sich von einer Rolle fertigmachen läßt? Dann kam Venedig, im letzten Herbst, wir saßen in einem Hotelzimmer am Mittelmeer und guckten italienisches Fernsehen, die Preisverleihung der Filmfestspiele. Auch Götz George hat da einen Löwen bekommen, wir sahen die ersten Ausschnitte aus Der Totmacher und waren sicher, daß er sich den Preis verdient hat, schließlich ist er ja ein guter Schauspieler. Als wir dann in einer deutschen Zeitung das Wort „sensationell“ lasen, glaubten wir allerdings, daß das auf die Freude der hiesigen Filmschreiber zurückzuführen sei, endlich mal wieder einen Deutschen im internationalen Filmzirkus prämiert zu sehen. Was wir noch dachten war: Interessant, aber wer will sich sowas im Kino ansehen? Und: Welcher Filmverleih läßt sich auf so einen Film ein? Weil: Es müßte eine größere Firma sein, die den Totmacher angemessen promotet – als fünf-Kopien-Start in Universitätsstädten würde der Film so versacken, wie -zig beachtenswerte Werke vor ihm.
Und nun haben wir ihn selbst gesehen: Der Totmacher, der erste Spielfilm von Romuald Karmakar, der mit seinem eiskalten Warheads vor drei Jahren angefangen hat, die Gemüter zu erregen. Warheads ist ein Dokumentarfilm; in drei Stunden läßt Karmakar zwei Söldner von ihrem Söldnertum berichten, zeigt dazu die „Arbeitsstätten“: Kriegsschauplätze, und das Ganze ist so distanziert, so furchterregend und monströs, daß uns jedenfalls angst und bange geworden ist.
Der Totmacher ist zwar ein inszenierter Film, wie man ihn sich wohl vorstellen kann: Schauspieler vor und Filmemacher hinter der Kamera, Regieanweisungen, Beleuchter, Tonmeister, zweite Versuche und so fort. In gewisser Weise ist Der Totmacher aber gleichzeitig ein Dokument wie Warheads, den Text hat nämlich schon mal jemand gesprochen, im wirklichen Leben: 1924 war das, in der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt von Göttingen. Dieser jemand war Fritz Haarmann, sein Gesprächspartner hieß Dr. Ernst Schultze, der in einer sechswöchigen psychiatrischen Untersuchung die Zurechnungsfähigkeit Fritz Haarmanns prüfen sollte. Fritz Haarmann war ein Massenmörder (bevor in Deutschland zwischen 1933 und 1945 diesem Begriff eine neue Dimension gegeben wurde, nannte man Serienkiller so) und hatte gestanden, 24 junge Männer getötet und zerstückelt zu haben. Haarmann wurde weiterhin zur Last gelegt, das Fleisch und das Fett seiner Opfer zu einen Teil als Lebensmittel verkauft und zum anderen Teil – zu Bouillon, Wurst, Sülze und anderen Fleischerzeugnissen verarbeitet – selbst verzehrt zu haben. Diese Untersuchungsgespräche sind protokolliert worden, und Romuald Karmakar hat die Protokolle inszeniert. Das klingt einfach und auch nicht besonders attraktiv, das klingt bestenfalls nach einem irgendwie interessanten Film. Und nichts, was man über Der Totmacher hört, kann einem einen Eindruck von der unglaublichen Qualität dieses Films vermitteln. Versuchen wir es trotzdem.
Romuald Karmakar hat die richtigen Entscheidungen getroffen. Er hat den Aufwand möglichst gering gehalten: ein einziger Raum, karg möbliert, in dem der Film spielt. Das spart Geld und macht die Inszenierung leichter handhabbar. Dafür hat er sich den besten Kameramann geholt, den er bezahlen konnte: Fred Schuler, und den einzigen deutschen Schauspieler, der einerseits Starqualitäten hat und andererseits sein Handwerk so beherrscht, daß man ihm zutrauen kann, ein Kinopublikum allein mit seiner Präsenz zu fesseln: Götz George natürlich. Dazu zwei großartige, aber weniger teure Schauspieler in den zweiten und dritten Hauptrollen: Jürgen Hentsch als Dr. Schultze und Pierre Franck als namen- und wortloser Protokollant.
All das hätte nichts genützt, wenn der Ur-Text, der laut Presseheft im Film „authentisch wiedergegeben“ wird, nicht so gut gewesen wäre – aber dann hätte auch niemand einen Film daraus machen wollen.
Der Totmacher beginnt mit Wissensabfrage („Wohin fließt die Leine?“) und nähert sich den grausigen Verbrechen so behutsam, daß gar nichts Spekulatives mehr bleibt – man ist als Zuschauer nur noch an der Entwicklung interessiert, die die Beziehung zwischen „Patient“, Professor und Protokollant durchmacht, und an der Person Fritz Haarmanns. Denn der war kein Dummkopf, auch wenn er anfangs leicht debil wirkt – alles Mache. Man weiß nicht genau, was Haarmann wirklich will, kommt aber langsam darauf, daß er gar kein Ziel hat außer vielleicht Anerkennung in diesem Mikrokosmos. Daß das mit seinen Verbrechen womöglich gar nichts zu tun hat, schafft eine Irritation. Haarmann sagt nicht, warum er die „Puppenjungs“ ermordet hat, er weiß es vielleicht gar nicht, genausowenig, wie er sagen kann, ob es wirklich 24 waren. Fest steht, daß man 22 rechte Oberschenkel in der Leine gefunden hat, und daß er absolut kein Unrechtsbewußtsein hat. „Ich bin der beste Mensch von Hannover“, sagt er, und ein paar Minuten später erzählt er ganz sachlich, wie er die Leichen beseitigt hat – „Ist nicht viel, so’n Mensch.“ – und daß das Zerstückeln schwere Arbeit war, selbst bei meistens ganz weichen Körperteilen: „Geht schlecht kaputt, das olle Ding.“
Das alles hat Karmakar sehr zurückhaltend in Szene gesetzt, mit einer agilen, aber nie unruhigen Kamera, wechselnden Schärfenebenen, ohne jegliche Effekthascherei: ein Kammerspiel für drei Personen, viel Dialog, aber nie geschwätzig oder auch nur wortlastig. Ziemlich phänomenal, wie einer vor allem mit Weglassen so viel erreichen kann.
(November 1995)
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