BERLINER AKTIONISMUS
Das wirklich Deprimierende an Filmen aus Deutschland: Die besseren sind bestenfalls gar nicht sooo schlecht; man ist ja schon froh, wenn der Ton akzeptabel ist, die Geschichte halbwegs glaubwürdig, wenn die Bilder nicht allzu unscharf sind und die Schauspieler wenigstens versuchen, ihre Rollen zu spielen, statt nur den Text aufzusagen. Und wenn die Filme aussehen, als seien sie mit Absicht so wie sie sind, statt aus Versehen, ist gleich mindestens von einer großen Hoffnung die Rede.
Dem deutschen Film geht’s schlecht, niemand will ihn sehen, und das aus gutem Grund. Und wenn die Deutschen mal in ein heimatliches Lichtspiel rennen, ist es Hera Linds Das Superweib: der cinematogaphische Offenbarungseid eines ehemals hoffnungsvollen Jungfilmers, des einzigen deutschen Produzenten internationalen Zuschnitts und einiger Millionen begeisterter Kinogänger dazu. Seien wir gerecht: Männerpension ist noch erfolgreicher, und der ist gar nicht sooo schlecht, und Happy Weekend hatte zwar kein Drehbuch, aber wenigstens Charme. Und ein riskantes Thema. Deutsche Kinobesitzer spielen zwar jeden Schund aus Übersee, aber bei Filmen mit Polizisten aus der Swinger-Szene kneifen sie.
Und wir brauchen bei den Mitbewerbern gar nicht bis nach Hollywood zu starren: britische Low-Budget-Filme (zum Beispiel) erreichen mühelos den Standard deutscher Renommier-Projekte. Warum das so ist? Wenn ich’s wüßte, würd’ ich Produzent werden und mit halbwegs würdigen Lichtspielen zügig pleite gehen. Nein, ernsthaft: Es gibt Hoffnung. Immerhin gibt es die spezifisch deutsche Komödienform, über die zwar niemand jenseits der Grenzen von 1990 lachen mag, die innerhalb dieser Grenzen aber ganz beliebt sind. Und weil man nicht immerzu diese Beziehungskomödien machen kann, entwickelt sich jetzt ein kleiner Thriller-Trend. Diese Filme sind nicht sehr teuer und fast alle vom (Privat-)Fernsehen co-produziert. Der Sandmann ist ein schönes Beispiel dafür, wie man so etwas in diesem Land machen kann, und gar nicht mal sooo schlecht.
Oder auch Der kalte Finger (uff, endlich beim Thema), eine Co-Produktion der NDF und Pro Sieben. Der Plot ist zwar ein Standard, aber recht nett für deutsche Verhältnisse und deutsche Milieus zurechtgebogen: Eine junge Frau arbeitet tagsüber in der Telefonzentrale eines Krankenhauses und nachts in einer Telefonsex-Agentur, wo sie einen Stammkunden hat: ein Künstler, der, während er mit ihr am Telefon Sadomaso-Phantasien pflegt, parallel zur Tat schreitet und die eine oder andere Dame verstümmelt. Der Typ, der sich „Der kalte Finger“ nennt – warum wohl? – ist wie aus dem Baukasten der psycho-sexuellen Abnormitäten zusammengesetzt, aber nicht wirklich uninteressant. Wieviel Potential in der Figur steckt, merkt man leider erst ganz am Schluß, und da ist es zu spät. Jedenfalls ist die Telefonistin ganz schön fasziniert von ihrem Fingerchen, auch wenn sie keine Ahnung von seinen anderen Hobbys hat, so fasziniert, daß sie ihm ihre Privatnummer und -Adresse gibt. Tja, und dorthin schickt der Bursche eine Instant-Kamera, weil sie für ihn ein Bild von sich machen soll. Was sie auch tut, beziehungsweise ihr Lover, ein verheirateter Notarzt. Und als die beiden dann die Bilder abholen, merken sie, daß der Künstler selbst schon einige Zentimeterchen Film belichtet hat: Bilder von leblos aussehenden Intimbereichen fremder Frauen. Der Notarzt bringt sie einem befreundeten Obduzenten, der damit erst etwas anfangen kann, als ihm ein Kommissar ein paar frisch verstorbene Damen auf den Tisch legt. Die Jagd ist eröffnet, die Telefonistin macht eine kleine Karriere als Lockvogel, und zum Schluß wird’s fast ein bißchen spannend, obwohl eigentlich klar ist, wie’s ausgeht. Wenigstens ist der Notarzt nicht der Mörder.
Schön an Der kalte Finger sind die Bilder: Berlin eben, aber nicht so fremdenverkehrsmäßig wie in Nur aus Liebe, sondern schön schmuddelig und ein bißchen abgefahren. Schön ist auch die Besetzung. Neben der (leider etwas blassen) Gruschenka Stevens als Telefonistin ein nett-spießiger Dominic Raake als Notarzt, als Polizist Anton Rattinger, der uns schon in Happy Weekend begeisterte und mit ein bißchen Glück ein deutscher Wohnküchen-Columbo werden könnte. Außerdem die absolut atemberaubende Sophie Rois (ja, wir verehren sie!) und als schlitzender Stammkunde ein Herr namens FLATZ, der auch im wirklichen Leben Künstler ist, sich gerne mal als Klöppel gefesselt zwischen Stahlplatten hin und her schwingen läßt. Domestizierter Wiener Aktionismus, würde ich sagen, aber mit seiner Installation für die Stuttgarter Leichtathletik-WM (90 Porsches und ein Container-Gebäude) hat er uns schon beeindruckt. Regisseur Ralph Huettner (Der Papagei) bleibt deutlich hinter seinen Möglichkeiten, und drei Drehbuchautoren (Huettner, Raake und Andy T. Hoetzel) sind eindeutig zuviel für einen Thriller. Aber der Film hat einen gewissen Schwung, es fällt nicht besonders schwer, ihn bis zum Ende anzuschauen, und zwischendurch macht er sogar richtig Spaß. Gar nicht sooo schlecht, also.
(Mai 1996)
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