StartseiteWerkeFilmBesprechungen

Comedian Harmonists

SCHWÄRMEN UND SCHALLERN

Immerhin hat er ihn dann doch nicht „Der kleine grüne Kaktus“ genannt, der Vilsmaier Sepp, der schon so lange von diesem Projekt träumte, von dem Filmstoff, den die Comedian Harmonists hergeben. Der Vilsmaier macht aber nicht einfach nur Filme, transportiert auch immer deutlich eine Botschaft. Und die hat meistens irgendwie mit Deutschland zu tun und mit Menschlichkeit. So hat er zum Beispiel in Stalingrad herausgefunden, daß Kriege im allgemeinen und Vernichtungsschlachten im besonderen blöd sind. In seinem Remake vom „Doppelten Lottchen“, Charlie & Louise, stellt er fest, daß Zwillige am besten miteinander und mit beiden Eltern aufwachsen sollten. Und in seinem Regie-Erstling Herbstmilch untersucht und würdigt er die Lebensleistung unscheinbarer Greisinnen.

Auch Comedian Harmonists – Der Film hat – neben vielen bekannten und beliebten Schlagern – alles, was ein Vilsmaier-Film braucht. Und mehr. Eine sensationelle Erfolgsstory: wie aus einem Haufen hungernder Sänger ein weltberühmtes Vokalensemble wird. Glamour: Wie die Helden in Reichtum leben. Liebe: wie die meisten der Mitglieder eine Frau finden. Eifersucht: wie zwei Männer dasselbe Mädel lieben. Freundschaft: wie sie trotzdem Freunde bleiben. Und dazu das persönlich-politische Element: drei der sechs Sänger waren nämlich Juden, deshalb konnten/durften sie im anbrechenden Nazi-Deutschland nicht mehr arbeiten. Letzteres war für Vilsmaier sicher der entscheidende Aspekt der Geschichte. Aus politischen Gründen, obwohl er letzlich nur die emotionale Seite des Problems ausspielt. Und auch das nur im Rahmen seiner begrenzten Fähigkeiten als Regisseur.

Berlin, 1927: Harry Frommermann, ein Schauspielstudent, trommelt per Annonce eine Reihe Sänger zusammen, mit denen er eine für Deutschland neue Art von Musik machen will: jazzig angehauchte a-capella Schlagermusik nach dem Vorbild der US-amerikanischen „Revellers“. Das ist nicht leicht zu singen, und Frommermann ist Perfektionist. Nach monatelangem Üben, etlichen kleinen kreativen Reibereien, organisatorischen Problemen – schließlich üben sie in einem Bordell und versprechen als Gegenleistung ein Gratiskonzert, wenn sie berühmt sind – treten sie schließlich auf. Und werden berühmt. Und reich. Werden sogar in die USA gerufen, um dort zu singen. Aber da geht in Deutschland schon alles den Bach runter. Die Nazis drohen den Comedian Harmonists wegen der drei jüdischen Sänger mit Auftrittsverbot. Trotzdem reist das Ensemble zurück, wird verboten, und drei der Musiker verlassen Deutschland.

Sehr viel verkehrt machen konnte Vilsmaier bei diesem Projekt nicht. Allein die Musik, die beliebten und bekannten Nostalgie-Schlager, macht viel Spaß, besonders, weil man ihr dank allerlei Digitaltechnik kaum noch anhört, daß sie vor bis zu 70 Jahren eingespielt worden war. Vielleicht hätte Vilsmaier nicht jedes Stück zuende singen lassen sollen, vielleicht hätten kürzere Portiönchen dem Tempo des Films gutgetan. Aber die Schaspieler machen diesen Mangel beinahe wieder wett. Ulrich Noethen als Frommermann, an seiner Seite Heino Ferch, Max Tiedof, Heinrich Schafmeister und Ben Becker, dazu Kai Wiesinger als Pianist, machen ihre Arbeit sehr gut. Mit viel Spielfreude meistern sie selbst die pikanten Playback-Strecken, besonders Ben Becker als Bass. In Nebenrollen sind Meret Becker, Katja Riemann, Otto Sander und Günther Lamprecht, Rolf Hope spielt Julius Streicher und schließt dabei nahtlos an seinen Göring aus Mephisto an, und außer Meret Becker fanden wir alle überzeugend, sogar Vilsmaier-Gattin Dana Vávrová, die beim ersten Auftritt gemeinsam mit Katja Riemann so hinreißend ihre Helden anhimmelt, daß es eine wahre Freude ist. Einer der raren Momente, in denen es Vilsmaier gelingt, den Funken überspringen zu lassen. Ansonsten herrscht eher freundliches Interesse, auch da, wo das Publikum mitwippen und sich mitreißen lassen sollte. Selbst die saftige Puff-Szene, in denen sich das Ensemble für die Probemöglichkeiten revanchiert, bleibt blutleer und distanziert. Klarer Fall von verschenkten Möglichkeiten, ein bißchen schade auch, gerade weil die Schauspieler so gut sind. Sie hätten eine besere Regie verdient.

(Dezember 1997)


Zurück zu Filmbesprechungen