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Auge um Auge

MUTTI AUF KRIEGSPFAD

Die McCanns sind eine so glückliche Familie, wie sie nur am Anfang dramatischer Filme vorkommen: Papa und Mama und zwei herzallerliebste Töchterchen leben voller Harmonie vor sich hin, in Eintracht und Gelassenheit. Und dann kommt ein böser Mann, überfällt die ältere Tochter (sie ist allein daheim), vergewaltigt und erschlägt sie, und Mama steht im Stau, kann das Geschehen aber immerhin per Handy verfolgen. sehr dramatisch. Menschlich-verständlich dann die Reaktion: Trauer natürlich, und der Wunsch, daß der Übeltäter schnell geschnappt wird und den Rest seiner Tage im Kittchen verbringen muß. Is’ aber nich’. Zwar wird er eingebuchtet, wegen eines Formfehlers wird das Verfahren jedoch eingestellt. Papa trauert weiter, eher passiv, und Mama dreht so richtig auf, beschattet den Finsterling und weiß bald: er wird es wieder tun. Die Polizei ist ohnmnächtig. Dann tut er es wieder, wird wieder eingelocht und kommt wieder frei: keine Beweise. Worauf Mama rot sieht, sich einer Selbsthilfegruppe für Hinterbliebene anschließt, ein paar nette Leute kennenlernt, die sich selbst Gerechtigkeit verschafft haben. Mama will dazu gehören, lernt schießen und hauen und kauft sich auch einen Ballermann. In der Zwischenzeit macht sich der Bösewicht an die hinterbliebene Tochter ran – ein Kind noch – und alles nur, um die Mama zu ärgern, die ihm ganz mächtig auf die Nerven geht, ihn bei der Ausübung seines Hobbys (er ist Mörder und Vergewaltiger) stört. Das Töchterchen bleibt unversehrt, Mama kriegt Gewissensbisse und faßt dann einen Entschluß und macht auch gleich den Plan dazu. Showdown, Schluß.

Es ist natürlich nicht angebracht, sich über Mord & Vergewaltigung lustig zu machen; das alles ist ganz furchtbar schrecklich, und wir möchten um nichts in der Welt in der Haut eines Hinterbliebenen stecken, vom Opfer mal ganz abgesehen. Andererseits provozieren Mord & Vergewaltigung aber auch ganz mächtig starke Gefühle, und das ist es, worauf Drehbuch-Klippschüler scharf sind. Protagonisten brauchen starke Motivationen, und was kann stärkere Gefühle erzeugen, als eine Mutter, die am Telefon mitanhört, wie ihre geliebte Tochter bestialisch gequält und niedergemacht wird? Na also: Motivation ist die halbe Miete, und die andere Hälfte liefern Story-Standards mit dramaturgischem Kalkül und Plot points an den richtigen Stellen. Und eins muß man Auge um Auge lassen: Nach diesen Plot points kann man die Uhr stellen. Allerdings ist der Rest genauso Regel-mäßig. Man weiß jederzeit ziemlich genau, was kommt, und daß der Killer am Ende doch noch dran glauben muß, ist schon in der ersten Sequenz festgelegt. Allerdings: auch wenn’s zynisch klingt, ist Auge um Auge handwerklich ziemlich solide, aber was hilft’s? Man muß keinen 08/15-Film ansehen und sich auch noch mit einer Selbstjustiz-Botschaft belästigen lassen, die wie eine späte, aber vergleichsweise uninspirierte Fortsetzung der Mann-sieht-rot-Filme daherkommt.

Man muß auch nicht Sally Field sehen, mal wieder als Mutter, das kennen wir schon. Ed Harris als trauernder Gatte ist zwar irgendwie ganz nett, reißt’s aber auch nicht raus. Dann schon eher Kiefer Sutherland als denkbar finsterster Finsterling, so mehrdimensional wie eine Briefmarke, fast schon kultig.

Auge um Auge hätte eine Genre-Parodie werden können, aber in Amerika werden keine Komödien über Mord & Vergewaltigung gemacht. Und über Selbstjustiz auch nicht. Die meinen’s ernst.

(März 1996)


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