DAS KIND IM BRUNNEN
Terry Gilliam, Bruce Willis, Wahnsinn und ein Weltuntergang. Starkino und Filmkunst – alles at it’s best.
Cole ist ein Häftling, einer der nicht in die Gesellschaft des Jahres 2035 paßt, weil er aufmüpfig ist und renitent. Die Gesellschaft des Jahres 2035 muß mit ihren Ressourcen besonders sparsam umgehen, die Oberfläche der Erde ist nämlich unbewohnbar für Menschen, seit jener Seuche im Jahre 1996, die innerhalb kürzester Zeit fast die gesamte Menschheit dahingerafft hat. Ein Virus, aber das ist alles, was man weiß. Gelegentlich werden „Freiwillige“ bestimmt, die an die Oberfläche steigen müssen, in eine Stadt, die an Soylent Green oder noch mehr an „Die Stadt der tosenden Wasser“ erinnert, um Proben zu nehmen, Insekten einzusammeln. Es gibt aber noch weitere Reisen; die Menschen haben gelernt, sich in der Zeit zu bewegen. Das funktioniert zwar nicht besonders zuverlässig, aber es ist immerhin eine Möglichkeit, der Menschheit eine Zukunft zu geben. Nicht, indem versucht wird, des Geschehene ungeschehen zu machen, sondern indem man das Virus sucht, um in der Zukunft ein Gegenmittel zu finden, eine Medizin.
Cole ist prädestiniert für Reisen in die Vergangenheit, weil er etwas besitzt, was den meisten anderen fehlt: eine starke Erinnerung. Es sind immer die gleichen Bilder in Coles Kopf: Eine Flughafenhalle, ein kleiner junge, eine schöne Frau und ein Mann mit einer blonden Perücke, der erschossen wird. Cole kann diese Bilder nicht deuten, sie machen ihn fast wahnsinnig. Überhaupt ist er mental nicht besonders stabil, zu Gewaltausbrüchen neigend, manchmal verwirrt.
So wird Cole auf die Reise geschickt, ins Jahr 1996, aber er landet ein paar Jahre vorher, wird aufgegriffen, landet in einer Irrenanstalt. Seine Ärztin Kathryn hält ihn für verrückt, und tatsächlich klingen seine Äußerungen wenig zuverlässig, er sei aus der Zukunft, demnächst würden fast alle Menschen sterben und so weiter. Er lernt einen jungen Irren, Jeffrey, kennen, dessen Wahnsinn mit sehr genauen Beobachtungen über Geisteskrankheit und Normalität verbunden sind: Das herrschende System bestimme, wer verrückt ist, beides sei relativ, eine Frage der Definition und des Standpunktes.
Cole wird zurückgeholt und bekommt eine zweite Chance. Wieder landet er nicht in der Zielzeit, stattdessen im ersten Weltkrieg. Er wird verwundet. Und wird dann doch relativ zügig nach 1996 geschickt. Die Ärztin Kathryn hat inzwischen ein Buch über Weltuntergangsphantasien geschrieben, Cole lauert ihr auf und entführt sie. Er hat ein Ziel. Zwischendurch ist nämlich in der Zukunft ein konkreter Hinweis auf die Verursacher des Massensterbens eingegangen: Eine militante Tierschützerorganisation will die Menschheit ausrotten, um die Tiere zu retten. Ihr Chef: Jeffrey, der Bekannte aus der Anstalt. Ihr Name: Army of 12 Monkeys.
Kathryn glaubt Cole natürlich immer noch nicht, alles was er sage, sei kombiniert und schlüssig ausgedacht. Nur weil man einen Schaden habe, müsse man ja nicht blöd sein. Im Autoradio hören sie von der Suchaktion nach einem Kind, das in einen tiefen Brunnen gefallen ist. Ein Jungenstreich, sagt Cole, der Junge verstecke sich in einer Scheune. Als sich der Fall aufklärt, ist Kathryn natürlich irritiert. Sie beginnt, Cole zu glauben. Der hält sich inzwischen aber selbst für verrückt: Er ist lieber wahnsinnig, als seiner Erinnerung zu vertrauen.
Kaum nötig, zu sagen, daß 12 Monkeys ein ungeheuer düsterer Film ist. Bruce Willis als Cole rennt nur als Getriebener durch die Gegend, entweder unterdrückt vom autoritären und höchst ungerechten System der Zukunft, oder in unserer Gegenwart umherirrend, ein hoffnungsloser, zerlumpter Agent, der ein Virus sucht.
Aber 12 Monkeys hat die gleiche Anmutung wie Terry Gilliams Meisterwerk Brazil, ist also bei aller Tragik durchaus bizarr, unernst. Es ist eine absolut kunstvoll konstruierte Geschichte, eine kreisförmige Erzählung, in der unendlich viele Irritationen und Rätsel etabliert werden, die am Ende alle aufgelöst und geklärt sind. Man versteht lange Zeit nicht, und am Ende ist doch alles klar. Das macht Spaß. Spaß machen auch die Schauspieler: Bruce Willis, wie gesagt, heruntergekommen, häufig sabbernd, ein zerstörter Actionheld. An seiner Seite Madeleine Stowe, durchaus überzeugend. Und schließlich Brad Pitt als Jeffrey: überwältigend gut. Man hätte diesem Glattgesicht niemals den Irren zugetraut, und erst recht nicht den psychopathischen Chef der Tierbefreierarmee.
Am Ende ist fast alles ein Irrtum und noch schlimmer. Aber es ist schlüssig und ziemlich logisch. „Keiner dieser typischen Hollywood-Filme; er verlangt einiges vom Publikum“, sagt Terry Gilliam. Aber es lohnt sich.
(März 1996)
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